Michael Kempe über Leibniz:Alles verstehen wollen

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Michael Kempe über Leibniz: "Haben wir aber Muße nachzudenken, so finde ich, dass in allen Dingen, die Regeln und der Vernunft zugänglich sind, die Theorie der Praxis zuvorkommen kann." - Gottfried Wilhelm Leibniz.

"Haben wir aber Muße nachzudenken, so finde ich, dass in allen Dingen, die Regeln und der Vernunft zugänglich sind, die Theorie der Praxis zuvorkommen kann." - Gottfried Wilhelm Leibniz.

(Foto: imago/Leemage)

Michael Kempe porträtiert Gottfried Wilhelm Leibniz nicht als weltfremden Theoretiker, sondern als am Konkreten orientierten Visionär.

Von Thomas Meyer

Dass die Freude darüber, möglichst viele einzelne Dinge um ihrer selbst willen zu wissen weder verständig noch glücklich mache, davon war Gottfried Wilhelm Leibniz zeitlebens überzeugt. Und so war es ein besonderes Lob, das er dem französischen Denker Pierre Bayle gegenüber aussprach: Trotz seiner vor Faktenwissen strotzenden Studien habe das Niveau seiner philosophischen Reflexionen nicht gelitten. In dieser Haltung, Bayle zählte zu den schärfsten Kritikern von Leibniz, zeigt sich der zentrale Wesenszug des 1646 in Leipzig geborenen und 1716 in Hannover gestorbenen Universalgelehrten: Er war im Wortsinne moderat. Gemäßigt und maßvoll zu sein, das sind heutzutage keine Begriffe, die Aufmerksamkeit erregen. Mit Leibniz' Leben und Werk kann man lernen, was das genauer heißt.

Der äußere Eindruck ist zunächst allerdings ein ganz anderer: Leibniz' Nachlass besteht aus mindestens 100 000 Blättern, etwa 20 000 erfasste Briefe befinden sich in den Archiven. Seit Jahrzehnten werden die Texte von Spezialistinnen und Spezialisten ediert und kommentiert, frühere Ausgaben an die neuesten Erkenntnisse angepasst. Hinzu kommen die bereits zu Lebzeiten veröffentlichten Schriften. Es wirkt eher maßlos, was er da so betrieben hat, und leicht kann man kapitulieren vor der bloßen Fülle an Überliefertem. Man benötigt folglich schon einen sehr bewanderten Cicerone, wenn man sich an Leibniz heranwagt.

Idealer Cicerone: Michael Kempe leitet seit 2011 die Leibniz-Forschungsstelle in Hannover

Der Autor der neuesten Biografie ist nicht irgendwer, sondern seit 2011 Leiter der Leibniz-Forschungsstelle in Hannover und damit verantwortlich für die an vier verschiedenen Orten erstellten acht Reihen, die einmal die gesamte schriftliche Hinterlassenschaft seines Helden umfassen sollen. Michael Kempe will aber nicht bloß Leibniz erklären, sondern ihn in seiner Zeit darstellen. Das überbordende Material ist im Buch in sieben Kapitel gebändigt, jeweils steht ein Tag im Mittelpunkt, von dem aus der Biograf zurück und nach vorne blickt. Kempe beginnt 1675 in Paris, wir begegnen einer stinkenden Stadt, die sich der Philosophie Descartes' ergeben hat und werden in die Arbeitsweisen Leibniz' eingeführt.

Das alles ist in einer ruhig fließenden Prosa wiedergegeben, die Sinn für die theoretische und praktische Neugierde des Alles-verstehen-Wollenden hat. Nach und nach entsteht so ein recht traditionelles, gleichwohl stimmiges Bild eines sich am Konkreten orientierenden Visionärs. Bis hin zum 2. Juli 1716 folgt Kempe seinem Leibniz, nunmehr wieder in Hannover lebend. Und die den Leser begleitende Fliege führt ihn an viele Denk-Orte, lässt nach und nach die Landschaft erkennen, in der sich Leibniz und seine Zeitgenossen bewegten.

Michael Kempe über Leibniz: Michael Kempe: Die beste aller möglichen Welten - Gottfried Wilhelm Leibniz in seiner Zeit. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2022. 352 Seiten, 24 Euro.

Michael Kempe: Die beste aller möglichen Welten - Gottfried Wilhelm Leibniz in seiner Zeit. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2022. 352 Seiten, 24 Euro.

Was sagt nun Leibniz? "Haben wir aber Muße nachzudenken, so finde ich, dass in allen Dingen, die Regeln und der Vernunft zugänglich sind, die Theorie der Praxis zuvorkommen kann. Und selbst die Theorie ohne Praxis wird einer blinden Praxis ohne Theorie ungleich überlegen sein, wenn der Praktiker gezwungen ist, einer Situation zu begegnen, sehr verschieden von solchen, die er bisher erlebt hat." Zu dieser Einsicht bedarf es keiner Revolution, vielmehr einer Umformung von Wissen und seiner Präsentation. Leibniz konstruiert und sucht nach Wissensformen und ihren Darstellungsmöglichkeiten, wo andere vermeintlich auf dem Kopf Stehendes auf die Füße stellen wollen.

Der Dreißigjährige Krieg und seine Folgen durchzittern alle seine Schriften

Leibniz war überzeugt, "dass die Sprachen der beste Spiegel des menschlichen Geistes sind und dass eine genaue Analyse der Bedeutung der Wörter besser als alles andere die Operationen des Verstandes erkennen" lässt. Also ging er daran, das nach dem Dreißigjährigen Krieg mitzerstörte Deutsch wieder aufzubauen. Seine Vorbilder? Die Sprachen der "Griechen, Römer und Araber", die Bibel las er sowieso in den Ursprachen. Dieser Krieg und seine Folgen durchzittern seine Schriften. Kein Wunder, dass Leibniz einer der komplexesten und leisesten Geschichtsphilosophen der Moderne wurde.

Fensterlose Monade, beste aller Welten, die Automation, all die Schlagworte, die Leibniz als Denker festschreiben, lassen sich als komplexe Entwicklungsgeschichte erzählen, für die Leibniz selbst eine Sensibilität zeigte, wenn er etwa auf Lebenserfahrungen aus Kindheit und Jugend zurückgriff. Und so sind vor allem zwei Dinge bei dieser als Ein- und Hinführung sehr gut geeigneten Biografie Kempes zu bedauern: Der Verzicht auf die ersten 30 Jahre im Leben und Denken von Leibniz und vor allem auf den Autor Leibniz. Man wartet förmlich auf längere Zitate, die dem Kenner doch zu Tausenden einfallen könnten.

Zum klugen Moderat-Sein gehört nämlich neben dem Gemäßigten und Maßvollen noch der elegante Stil. So lebenslang gestimmt, stellte sich bei Leibniz das Bewusstsein für Freiheit und Form ein, auch im Schreiben, als Theoretiker eben immer ein weltoffener Praktiker: "Ich hielte vor sehr rathsam, daß man eine Astronomische Societät in Teutschland auff richtete, darin alle Astronomi in der gantzen Welt auffgenommen würden, ohne Unterschied der Religion. Und das ein beqvemer Ort erwehlet würde, dahin alle Observationes könten geschickt und daselbst als bald gedruckt werden, von dem solche Observationes wieder in alle Welt gesendet werden könten. Frankfurt am Meyn, solte wol der beqvemste Ort darzu seyn, wegen der Meßen und weil es die Schiffarth aus Holland hat." Schöner und klüger kann man es nicht sagen.

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