MeToo Jeder für sich

Pranger, Hexenjagd, Karrierekiller: Svenja Flaßpöhler geht die weibliche Solidarisierung bei #MeToo entschieden zu weit.

Von Susan Vahabzadeh

Die Debatte um "Me Too" begann mit der Enthüllung, Harvey Weinstein habe zahlreiche Frauen vergewaltigt, unter Druck gesetzt, belästigt und in einem eher bizarren Nebenszenario einmal sogar eine unbeteiligte Topfpflanze mit seiner Libido behelligt. Es ging dann in der Folge meist um weit weniger drastische Fälle, die gelegentlich am eigentlichen Punkt, der Belästigung am Arbeitsplatz, vorbeigingen. Das ist ein zentraler Vorwurf der Philosophin Svenja Flaßpöhler in ihrem Buch "Die potente Frau": Der "Hashtag-Feminismus" habe pauschalisiert, und so sei in die Öffentlichkeit gezerrt worden, was eine potente Frau selbst hätte lösen sollen. Sie beklagt, dass so viel über sexuelle Belästigung diskutiert wird und so wenig über gleiche Bezahlung von Männern und Frauen. Flaßpöhlers Buch selbst handelt aber auch nicht von gleicher Bezahlung. Die Autorin hat "Me Too" zum Anlass genommen, über das weibliche Begehren zu schreiben.

Flaßpöhler behauptet zwar, wir befänden uns in einer postpatriarchalischen Gesellschaft, sie weiß aber selbst, dass das nur auf dem Papier stimmt - und sie gehört zu jenen Frauen, die die Verantwortung dafür, dass die gesetzlich festgelegte Gleichberechtigung immer noch nicht verwirklicht ist, vorwiegend bei den Frauen suchen. Selbst wenn sie damit im Einzelnen nicht immer recht hat, vertritt sie also eine sehr wichtige Position. Der Gedanke, die weibliche Hälfte der Bevölkerung sei komplett handlungsunfähig und trage, ein Jahrhundert nach der Einführung des Wahlrechts für Frauen, für gar nichts eine Verantwortung, wäre schrecklich. Warum Svenja Flaßpöhler in ihrem Buch "die Feministinnen" schreibt, als sei das eine geschlossene Gruppe, der sie keinesfalls angehören will, bleibt allerdings nebulös.

Das Buch sucht einen dritten Weg zwischen Rollenbildern und ihrer totalen Dekonstruktion

Die potente Frau, die sich Flaßpöhler wünscht, ordnet ihr eigenes Begehren keinen traditionellen Rollenbildern unter, sie schöpft ihre Möglichkeiten aus, auf dem, was Svenja Flaßpöhler einen "dritten Weg" nennt. Sie unterwirft sich nicht dem traditionellen weiblichen Rollenbild, sie folgt aber auch nicht der Dekonstruktion der Rollenbilder, wie Judith Butler sie angeregt hat. Flaßpöhler will eine neue Phänomenologie, die "leibliche Erfahrungen" in den Mittelpunkt stellt, die Unterschiede zwischen Männern und Frauen also als Menge jener Empfindungen betrachtet, die sich aufgrund ihrer unleugbaren physischen Unterschiede zwangsläufig ergeben. Das mit der "leiblichen Erfahrung" ist ein interessanter Gedanke, sie meint damit alles, was mit dem Besitz eines weiblichen Körpers einhergeht, beispielsweise ein Dekolleté, in das andere bisweilen fasziniert hineingucken. Das ist alles schön und gut, auch wenn hier in der Folge Ideen angepriesen werden wie die, der weibliche Orgasmus sei wichtig für die Befruchtung einer Eizelle. Das Gerücht, Frauen würden von richtigen Vergewaltigungen nicht schwanger, und wenn sie schwanger geworden sind, kann es auch keine Vergewaltigung gewesen sein, geistert seit der Antike herum. Das ist nicht nur deswegen ärgerlich, weil Svenja Flaßpöhler bei allen anderen Rückwärtsgewandheit diagnostiziert, nur nicht bei sich selbst.

Während der "Me Too"-Debatte sei angeprangert worden wie im Mittelalter, die Unschuldsvermutung über Bord geworfen worden, Karrieren seien zerstört worden. Als deutsches Beispiel führt die Autorin in Ermangelung von Konkurrenz Dieter Wedel an, denn: Anders als in den USA wurden in Deutschland eben nicht Leute aufgrund eines bloßen Verdachts gefeuert und auf ewig geächtet. Die Recherchen der Zeit in Sachen Wedel waren mehr als nur "Verdachtsberichterstattung", es wurde mehr als nur ein Fall zitiert, und auch mehr als ein missglückter Flirtversuch. Nicht jeder gescheiterte Flirt ist ein Skandal, und die Wiederholung eines traditionellen Opferverhaltens - Frau klagt, Mann schweigt -, die Svenja Flaßpöhler in der Debatte sieht, ist sicher nicht hilfreich. Aber wenn Frauen zusammenhalten, hat das überhaupt keine Tradition. Und es ist auch kein Opferverhalten.

Nein, es wird nirgendwo behauptet, Frauen seien des Widerstands nicht fähig

Auch die Neufassung des Sexualstrafrechts, findet sie, fördere die Viktimisierung. Im Paragrafen 177 werde seit 2016 Frauen der "Wille" abgesprochen, man unterstelle ihnen "Angststarre" und zudem gebe es eine Passage über Leute, die in der Äußerung ihres Willens erheblich eingeschränkt sind. In der alten Fassung war zwar nicht dauernd vom Willen, dafür aber vom "Opfer" statt der "Person" die Rede. Das ist definitiv nicht das bessere sprachliche Umfeld für Frauen, die Wehrhaftigkeit lernen sollten. Und was die Widerstandsunfähigen betrifft, die dort jetzt auch vorkommen: Nein, damit wird nicht behauptet, erwachsene Frauen seien widerstandsunfähig. Es geht in der Neufassung auch um den Missbrauch von Menschen, die aufgrund einer Behinderung oder Krankheit widerstandsunfähig sind, der bisher im abgeschafften Paragrafen 179 geregelt war. "Me Too" muss man nicht dämonisieren, es wurden nicht einfach mal so Karrieren zerstört, zumindest nicht in Europa. Dieter Wedel ist 76 Jahre alt, und Kevin Spacey darf vielleicht bald bei Bernardo Bertolucci spielen, was auch ganz in Ordnung ist, weil moderne Gesellschaften Straftäter - und noch ist Spacey nicht einmal angeklagt - nicht mit lebenslangem Berufsverbot belegen. Ein Recht auf unangetasteten Ruhm und Millionengagen bis zum Lebensende gibt es aber auch nicht. Skandale beenden Filmkarrieren manchmal - auch die von Frauen. Was also ist so gefährlich an einer öffentlichen Debatte, und wie sonst sollte sich irgendetwas weiterentwickeln?

Jeder für sich und Gott gegen alle: Svenja Flaßpöhler plädiert für eine Entsolidarisierung in Sachen Belästigung - was man nicht in der direkten Konfrontation hinbekommt, damit muss man dann leben, denn die öffentliche Debatte ist ein Pranger aus dem Mittelalter. Ewiges Schweigen aber ist vielleicht eine Lösung für die Topfpflanze, an der sich Harvey Weinstein dem Vernehmen nach vergangen hat. Für potente Frauen ist es eher nichts.

Svenja Flaßpöhler: Die potente Frau. Für eine neue Weiblichkeit. Ullstein Verlag, Berlin 2018. 48 Seiten, 8 Euro.