Memoir:In der Hölle sind noch Zimmer frei

John Burnside setzt die Erzählung seiner Lebensgeschichte fort: Nach der schwierigen Jugend geht es im neuen Band um die Sehnsucht nach Normalität.

Von Christian Mayer

Der schottische Schriftsteller John Burnside ist ein heiterer, gelassener, warmherziger und selbstironischer Mensch, der düstere, gewalttätige, schaurig-schöne Bücher schreibt, wahre Horrorbücher wie "Glister" (2008), "Haus der Stummen" (1997) oder "Die Spur des Teufels" (2007). Seine Romane zeigen, zu welchen Taten Menschen fähig sind, wenn sie sich ihre eigene Hölle schaffen, eine schwarz glänzende, ungeheuer verführerische Hölle, aus der es kein Entrinnen gibt, übrigens auch nicht für die Leser, die mit diesem Autor schlaflose Nächte verbringen können.

Burnside ist ein Meister darin, seine Leser mitzunehmen auf den irren Trip seiner Erinnerungen

Als Einstieg in die Burnside-Welt kann man aber auch eine etwas sanftere Variante wählen, seine Erinnerungsbücher "Lügen über meinen Vater" (2007) und das nun ebenfalls auf Deutsch vorliegende "Wie alle anderen" (im Original "Waking up in Toytown"), beide vortrefflich übersetzt von Bernhard Robben. Während der erste Band Kindheit und Jugend des Autors im schottischen Arbeitermilieu beschreibt, auch das schwierige Verhältnis zum tyrannischen Vater, der mit seinem Alkoholismus die Familie zerstört, erleben wir im zweiten Band nun den jungen Erwachsenen im England der Achtzigerjahre, und selbstverständlich beginnt auch diese Geschichte in der Hölle. In der Psychiatriehölle, die der Erzähler beinahe fröhlich beschreibt: "Vor Kurzem, als ich noch verrückt war, fand ich mich in der seltsamsten Irrenanstalt wieder, die ich je gesehen hatte. Natürlich sind alle Irrenanstalten ein wenig seltsam, doch der Saal, in dem ich mich in besagtem Moment aufhielt, erinnerte mich an einen gewissen Typ Kirche, an einen jener Orte, an denen man meint, jeden Augenblick erscheine Gott oder einer seiner Lakaien mit der Frohen Botschaft, einem Vorgeschmack auf den Weltuntergang oder beidem."

Memoir: Ein warmherziger Mensch, der sehr kaltblütige Geschichten erzählen kann: John Burnside.

Ein warmherziger Mensch, der sehr kaltblütige Geschichten erzählen kann: John Burnside.

(Foto: Regina Schmeken)

In diesem Buch geht es buchstäblich um den Wahnsinn, um die existenzielle Sinn- und Überlebenskrise, die viele Männer oft erst später durchmachen, wenn sie das Gefühl haben, beruflich wie privat gescheitert zu sein. Beim jungen Burnside von einer Krise zu sprechen, wäre allerdings eine Verharmlosung: Alkoholexzesse, Drogen, ständige Abstürze haben dazu geführt, dass sich der Erzähler anfangs in Gesellschaft sehr trauriger alter Männer befindet. Und der sarkastische junge Pfleger, der gelangweilt in Dostojewskis "Aufzeichnungen aus dem Kellerloch" blättert, verweigert ihm auch noch die Pillen. Wenn er nachts im Bett liegt, kämpft Burnside mit seinen Dämonen, er hört Stimmen, die einfach nicht mehr weggehen, was noch sein geringstes Problem ist. Apophänie diagnostizieren die Ärzte, eine Form der Schizophrenie, bei der die Patienten hinter jeder banalen Alltagsbegebenheit ein spezielles Muster erkennen, was das Gefühl der latenten Bedrohung verstärkt. John Burnsides Meisterschaft besteht darin, seine Leser mitzunehmen auf den irren Trip, der auf seine Einweisung in die Anstalt folgt.

Wie viele Männer, die ihr Leben ändern wollen, fasst auch dieser hier einen Entschluss, den er den Lesern etwas pathetisch verkündet. Er möchte ganz einfach normal werden, ein mittelmäßiges, langweiliges Leben in der Vorstadt führen, ein Leben ohne Exzesse, in bescheidenem Wohlstand, mit einem festen, bloß nicht zu anstrengenden Job. In Surrey in Südengland findet er genau die Spießerwelt, die er sucht, sein "Surbiton"; er besucht die Treffen der Anonymen Alkoholiker und tritt eine Stelle als Programmierer an. Alles nach Plan also. Aber natürlich geht das nicht lange gut, denn als Ausgleich zur "perfekten Routine" braucht er dann doch ein paar Drinks in den örtlichen Pubs und Bars, wo man, mit den falschen Zechbrüdern und Trinkschwestern, schnell mal ins Bodenlose stürzen kann - dass Burnside, der Gelegenheits-Bukowski, sich überhaupt noch an diese frühen Jahre erinnern kann, grenzt an ein Wunder. Das Erinnerungswerk kann überhaupt nur gelingen, indem der Erzähler die rätselhaften Bruchstücke dieser rauschhaften Zeit wie ein Archäologe zusammenfügt.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Buch Wie alle anderen stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Eine der stärksten Stellen des Buches ist die Schilderung einer Begegnung mit einem Typen namens Greg. Dieser Thekenkumpan zählt zur Gruppe der leicht nervigen Popmusik-Nerds, die über enzyklopädisches Fachwissen verfügen und stundenlang über ihre Lieblingsbands schwadronieren können, und er ist mindestens ein so harter Trinker wie John: "Die Verrückten ziehen die Gesellschaft der Verrückten jener der Vernünftigen vor; sie ist nicht so verstörend, auch wenn sie manchmal katastrophal endet." Diese Erkenntnis ist, wie vieles in dem Buch, das Ergebnis eines langen Prozesses, bei dem sich der Protagonist selbst kennenlernt.

Mit Greg, in dem Burnside eine verwandte Seele erkennt, entwickelt sich beinahe so etwas wie eine Freundschaft, doch als Hindernis erweist sich der "Mühlstein", wie Greg seine langsam im Sofa verkommende Frau nennt. Erst allmählich ahnt man, dass er John vor allem deshalb in seine Wohnung schleppt und gezielt abfüllt, damit er das vollendet, wozu er selbst nicht in der Lage ist: den Mühlstein beseitigen. Sein Thekenfreund John soll als Vollstrecker dienen, eine Versuchsanordnung, die sich Greg von Hitchcocks Klassiker "Der Fremde im Zug" abgeschaut hat.

Memoir: John Burnside: Wie alle anderen. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Knaus Verlag, München 2016. 320 Seiten, 19,99 Euro. E-Book 15,99 Euro.

John Burnside: Wie alle anderen. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Knaus Verlag, München 2016. 320 Seiten, 19,99 Euro. E-Book 15,99 Euro.

In diesem Psychospiel, das nichts anderes ist als eine Aufforderung zum Mord, ist Burnside wieder ganz bei sich. Als Höllenforscher, der noch in die finstersten Hirnkammern steigt. Den falschen Freunden kann sich der Erzähler durch Flucht entziehen, bei den Frauen ist es schwieriger. John lernt, was nicht verwunderlich ist, bei seinen Streifzügen genau die falschen und zugleich richtigen Frauen kennen, die ihn auf die eine oder andere Weise verlassen, Alkohol spielt auch hier keine unwichtige Rolle.

Trost findet er bei F. Scott Fitzgerald, der sehr genau zwischen einem Gefühlsmenschen und einem Romantiker zu unterscheiden wusste: Der Gefühlsmensch fürchte, Dinge währten nicht ewig, während der Romantiker fürchte, sie könnten es tun. Der junge Burnside ist eindeutig ein Romantiker, dessen Beziehungsversuche im tristen, aber sexuell durchaus umtriebigen Vorstadtmilieu zum Scheitern verurteilt sind, bis er dann in der verheirateten Adele für kurze Zeit seine große Liebe findet: "Alles war gestohlen, und alles war provisorisch - doch wann immer wir zusammen waren, schien es, als würden wir gleich verschwinden."

Von der Psychiatrie geht es bald ins Gute-Laune-Gefängnis einer Computerfirma

Eher beiläufig bemerkt man, wie sich mit der Hauptfigur dieses Erinnerungs-Glanzstücks auch die Zeiten ändern - das Buch spielt ja während der marktradikalen Thatcher-Jahre, in der viele bisherige Gewissheiten über Bord geworfen wurden. Der beinahe geläuterte und doch immer gefährdete Burnside wechselt von dem verschnarchten Ministerium, in dem er arbeitet, zu einer dynamischen Computerfirma, und was ihm hier begegnet, erinnert schon fast an die Berichte über die Firmenzentralen von Apple und Facebook. Der "ungeheure Raum", in dem IT-Experten und Projektmanager eingesperrt sind, ist ein vollklimatisiertes Gute-Laune-Gefängnis, ein Großraum-Albtraum der konzentrierten Mittelmäßigkeit. Immerhin, der Abgang ist spektakulär, denn eines Tages findet John einen Zettel, der unter seiner Tastatur liegt. Darauf steht: "JESUS LIEBT DICH, ALLE ANDEREN HALTEN DICH FÜR EIN ARSCHLOCH.

John Burnside muss am Ende einsehen, dass sein Experiment gescheitert ist. Die Normalität existiert nicht. Er weiß jetzt, dass er schreiben muss, um nicht so zu enden wie sein Vater. Schreibend kann man die Hölle ertragen: Und das ist nicht nur ein Glück für ihn, sondern auch das Glück seiner Leser.

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