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Meinungsfreiheit:Wissenschaft in der Seele

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Richard Dawkins, 76, ist emeritierter Evolutionsbiologe in Oxford und streitbarer Atheist. Seine Bücher "Das egoistische Gen" und "Der Gotteswahn" sind jeweils Grundlagenwerke.

(Foto: Reuters)

Der US-amerikanische Radiosender KPFA im kalifornischen Berkeley storniert einen Auftritt des britischen Biologen und Religionskritikers Richard Dawkins - wegen jahrealter Tweets.

Von Andrian Kreye

Eigentlich sollte der britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins im August bei einer Veranstaltung des progressiven Radiosenders KPFA im kalifornischen Berkeley über sein neues Buch sprechen. Dann wurde der Auftritt storniert. Die Begründung des Senders war, Dawkins habe sich verletzend über den Islam geäußert. Und schon tobt eine neue Schlacht um die Meinungsfreiheit, die in den USA derzeit von allen Seiten bedrängt wird.

Dawkins Buch trägt den Titel "Science in the Soul" (Wissenschaft in der Seele) und ist vor allem ein Plädoyer für die Naturwissenschaften. Nun ist Richard Dawkins natürlich nicht nur einer der führenden Evolutionswissenschaftler der Gegenwart. Er prägte beispielsweise 1976 den Begriff Mem, um die evolutionären Mechanismen der Ideengeschichte zu erläutern. Vergangene Woche erst wurde sein Buch "Das egoistische Gen" in einer Umfrage der Royal Society zum einflussreichsten Wissenschaftsbuch aller Zeiten gewählt. Darüber kann man vielleicht streiten. Aber da ist man auch schon bei der zweiten Rolle Dawkins' in der jüngeren Ideengeschichte.

Es gibt kaum einen Wissenschaftler, der sich so gerne und leidenschaftlich streitet. Das tut er nicht nur über wissenschaftliche Themen, sondern vor allem über Religion. In seinem Buch "Der Gotteswahn" von 2006 unterzog er die Weltreligionen einer Prüfung mit naturwissenschaftlichen Methoden (und erwartbaren Ergebnissen). Seither debattiert er gegen den Glauben an sich. Dawkins tut dies aus der Perspektive des Naturwissenschaftlers. Hin und wieder wird er dabei recht zornig und heftig. Allerdings steht selbst Dawkins' Zorn immer auf dem Fundament wissenschaftlicher Argumentation. Nun haben die Veranstalter in Berkeley einige seiner Tweets aus dem Jahre 2013 ausgegraben, in denen er gegen Islamismus herzog und auch den Islam kritisierte. Vor allem eine Antwort auf Twitter, in der er schrieb "Islam ist in der heutigen Welt die größte Kraft des Bösen" war der Auslöser. Dawkins verteidigte sich, diese Antwort habe er im Kontext einer Debatte über Islamismus geschrieben. Sicher kritisiere er auch den Islam, aber auch nicht schärfer als das Christentum oder jeden anderen Glauben.

Zwei bittere Pointen hat der Fall. Zum einen war Dawkins in seiner Rolle als Atheist in den USA vor allem ein Gegner der Rechten und Konservativen. Zum andern war der Radiosender KPFA bisher ein Pionier der Meinungsfreiheit. In den Fünfzigerjahren liefen hier die ersten öffentlichen Interviews mit der Schwulenrechtsbewegung, die ersten Beiträge, die sich für die Legalisierung von Marihuana aussprachen, und eine Lesung des damals höchst kontroversen Gedichtes "Howl" von Allen Ginsberg.

Dawkins fordert nun eine Entschuldigung. Prominente Wissenschaftler wie Steven Pinker und Jerry Coyne schrieben Brandbriefe an die Sendeleitung. Die hält sich bedeckt. Auslöser der Ausladung war nämlich lediglich der Hinweis ungenannter Aktivisten, die Dawkins als Islamophoben denunzierten.

© SZ vom 28.07.2017

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