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Szene aus "Argila": Der Film ist eine kühne Doppelprojektion.

(Foto: Filmmusem München)

Das Münchner Filmmuseum bringt die somnambulen Jungs und prunkvollen Frauen aus Werner Schroeters frühen Filmen nach Hause.

Von Fritz Göttler

Schattenbilder, die sich in goldene Träume hüllen, Filme über den Glanz der Hoffnung Glanz und das Licht der Freiheit: Das Münchner Filmmuseum zeigt gerade - online, Aufführungen im Kinosaal sind derzeit nicht zugelassen - die frühen Filme von Werner Schroeter. In dieser Woche sind es die halbstündigen aus den Jahren 1968 und 1969, "La morte d'Isotta" und "Paula - Je Reviens", "Neurasia" und "Argila". In den kommenden Wochen wird es weitergehen mit "Eika Katappa", "Bomberpilot", "Salome" und "Der Tod der Maria Malibran".

Diese Filme wurden im Filmmuseum gesammelt und sind später restauriert worden, es sind Unikate, die ersten auf Super 8 gedreht, spätere dann auf 16mm, aber auch Umkehr-, nicht auf Negativmaterial. Es sind Filme, die auf einen ersten Blick sehr persönlich wirken, über die Kinder von Lautréamont und Wagner, Gregory Markopoulos und Maria Callas, natürlich auch von Marx und Coca Cola.

Großbürgerliche Beschwörung des Unglücks

Es sind einfache, aber unglaublich reiche Filme, gedreht auf Kellerbühnen, in bürgerlichen Boudoirs oder in Kinosälen. Ab und zu gibt es eine weite leere Landschaft, in der ein einsamer junger Mann steht, sehnsuchtsvoll, in sich versunken. Ansonsten liegen die Jungs meistens auf den Betten, eine Art somnambuler Selbstbefriedigung, oder kriechen über den Boden. Die Frauen buhlen um sie, versuchen sie - andersherum als im Dornröschen-Märchen - zu wecken und zu erregen, die Schroeter-Stars Magdalena Montezuma und Carla Aulaulu, in "Argila" dann auch die Bühnenschauspielerin Gisela Trowe.

Das Material, mit dem diese Frauen arbeiten, ist unerschöpflich, das Pathos, der Prunk, die Posen, die in der großbürgerlichen Kultur sich entwickelten, um Liebe, Schmerz, Einsamkeit, Tod zu beschwören und zu verdrängen: "Bevor der Abend zu Ende geht, wird ein Unglück uns drei in die See der Verzweiflung stürzen."

"Idol, Anbetung, Star, Mythos, Ekstase", schrieb Frieda Grafe 1970 in der Filmkritik zu diesen Filmen: "Es geht nur noch um letzten Sinn, um höchste Bedeutung. Des Körpers der Sprache hat man sich längst entledigt. Die gehobene Sprache ist eine, die sich selbst nicht mehr nötig hat."

Um Sekunden versetzt, links schwarz-weiß, rechts in Farbe

Es sind Filme, die sich ganz politisch und historisch verstehen. Als Michel Foucault in den Siebzigern "Tod der Maria Malibran" sah, fand er darin eine neue Art, mit dem Körper in der Kunst umzugehen, dem Körper im politischen Raum, im gesellschaftlichen System. Und bekam eine Vorstellung von Freiheit jenseits aller Innerlichkeit. Inspiriert wurde Schroeter dazu durch Maria Callas, die, so schrieb er in einem Nachruf im Spiegel 1977, "in ihrer Ausdruckskraft die Zeit so lange stehenlassen konnte, bis jede Angst verschwand, auch die vor dem Tode selbst, und ein dem, was man Glück nennen sollte, ähnlicher Zustand erreicht wurde'.

Als Zuschauer hängt man in diesen Filmen immer hinterher, weil man noch unter dem Diktat der Synchronität im Kino steht, hat Angst, die Sätze könnten nicht harmonieren mit den Mundbewegungen, die Schatten sich von den Figuren lösen. "Argila" ist eine kühne Doppelprojektion, ähnlich wie Warhol es probiert hat, in "Chelsea Girls". Auf der linken Seite der Leinwand beginnen Szenen zwischen einem Mann und drei Frauen, über Begehren, Abweisung, Verzweiflung, schwarz-weiß, und nach wenigen Sekunden setzen auf der rechten Seite die gleichen Bilder ein, in Farbe diesmal und gespiegelt. Eine völlig neue Art der Korrespondenz, manchmal erdrückend, wenn die schwülstigen Tapeten von beiden Seiten her die Leinwand überschwemmen.

"Ich kann und kann dieses Sehnen nicht stillen"

Es sind archaische Filme, trotz des bürgerlichen Dekors. In "Morte d'Isotta" werden Sätze einmontiert aus den "Gesängen des Maldoror" von Lautréamont, über wilde, grausame, Wesen, die ihre Beute zerfetzen. Musikstücke zerreißen die erzählerische Linie, neben Isoldes Liebestod der Radetzkymarsch, Aloha-Klänge und Songs von Ethel Waters oder Ruth Etting: "Ich kann und kann dieses Sehnen nicht stillen." Das ist mitreißend, man muss es auch heute ganz ernst nehmen. Die Filme reflektieren ihre eigene Geschichte. Was im kleinen Kreis gedreht wurde, ganz persönlich, wurde auf der großen Leinwand exponiert und ist nun, digital, zur Home-Anschauung zurückgebracht.

Das Ende von "Argila" gehört dann nicht der verehrten Callas, sondern Caterina Valente: "Wo meine Sonne scheint und wo meine Sterne stehn, da kann man der Hoffnung Glanz und der Freiheit Licht in der Ferne sehn ..."

© SZ vom 16.11.2020
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