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Mediaplayer:Seitensprung mit Hirsch

Der spanische Thriller "Der unsichtbare Gast" von Oriol Paulo erzählt von einer verhängnisvollen Affäre und einem vertuschten Unfall.

Von Karoline Meta Beisel

Ein Seitensprung ist nicht besonders anständig. Trotzdem ist es nachvollziehbar, dass die an der Affäre Beteiligten ein gewisses Interesse daran haben, dass die ganze Nummer geheim bleibt, zumal wenn beide anderweitig verheiratet sind. Nur: Wie weit darf man gehen, um so ein Geheimnis zu wahren?

Auf dem Heimweg von einem Stelldichein müssen Laura und Adrián (Bárbara Lennie und Mario Casas) auf der Straße einem Hirsch ausweichen. Ein entgegenkommendes Auto kracht in die Böschung, am Steuer ein junger Mann. An dem Unfall tragen die Ehebrecher zwar keine Schuld, aber weil ein Anruf bei der Polizei und die verzögerte Heimkehr zum offiziellen Partner unweigerlich Fragen aufwerfen würde, entscheiden sich die beiden, das fremde Auto verschwinden zu lassen - was eine Kaskade weiterer Vertuschungsaktionen nach sich zieht. Und einen weiteren Todesfall: Gleich zu Beginn des Films wird Lauras Leiche in einem von innen versperrten Hotelzimmer aufgefunden, mit im Raum Adrián, der fortan als Hauptverdächtiger in diesem Kriminalfall gilt.

Den Mord und den Unfall aufzuklären, ist in dem spanischen Thriller "Der unsichtbare Gast" Aufgabe der strengen Anwältin Virginia Goodman (Ana Wagener). Sie wurde engagiert, um mit Adrián seine Aussage vor Gericht vorzubereiten und ihn vielleicht doch noch rauszuhauen. In Adriáns Gesprächen mit ihr und langen Rückblenden entfaltet sich dann die ganze Geschichte - jedenfalls soll der Zuschauer das denken.

Der junge Regisseur und Drehbuchautor Oriol Paulo, der in Spanien schon mit seinem ersten Film "El Cuerpo / Die Leiche" die Zuschauer auf allerlei Irrwege führte, setzt in "Der unsichtbare Gast" auf einen Trick. Es ist derselbe, auf dem auch die thematisch artverwandte US-Fernsehserie "The Affair" basiert, die in Deutschland im Streamingangebot von Amazon zu sehen ist. Dabei wird dem Zuschauer erst eine Version der Geschichte unterbreitet - etwa, wie Adrián den Wagen mit der Leiche des Jungen in einen See schiebt -, die er dann erst einmal als Tatsachenbericht für gegeben hinnimmt. Nur um wenig später eine völlig andere Version derselben Szene vorgeführt zu bekommen. Diesmal ist der Junge im Kofferraum noch am Leben. Genauso wird Lauras Rolle in diesem Spiel erst so und dann wieder anders dargestellt. Alle Varianten erscheinen plausibel, aber nur eine kann richtig sein. Der Rest sind alternative Fakten.

Wie soll Adrián (Mario Casas) seine Affäre vertuschen?

(Foto: Koch Media)

Richtig auf den Leim geht der Zuschauer dem Verwirrspiel nur beim ersten Mal, auch wenn die Verunsicherung über den Hergang der Ereignisse anhält. Eins bleibt jedoch in allen vorgeschlagenen Varianten gleich: Die Protagonisten werden den Anfangsmakel nicht los, dass sie ihr egoistisches Liebesglück über das Leben des verunglückten Jungen gestellt haben. Dass der erfolgreiche Geschäftsmann Adrián nicht nur seine Familie, sondern wenigstens zu Beginn auch den Zuschauer belügt, macht die Sache nicht leichter. Dem Film fehlt eine Identifikationsfigur, an deren Schicksal der Zuschauer teilhaben möchte. Da helfen auch die Szenen nicht, in denen man Adrián oder Laura in bläulich ausgeleuchteten Einstellungen gestresst, grübelnd oder mit schlechtem Gewissen an Zigaretten ziehen sieht. Am ehesten könnte die Rolle der Sympathieträger noch den Eltern des verunglückten Jungen zukommen. Aber auch die, so zeigt sich bald, haben mehrere Gesichter.

In Spanien kam der Film sehr erfolgreich unter dem Titel "Contratiempo" ins Kino, was so viel heißt wie "Der Zwischenfall". Der deutsche Titel "Der unsichtbare Gast" deutet auf den letzten großen Irrweg hin, auf den Regisseur Oriol Paulo sein Publikum führt, und tatsächlich gelingt es ihm gegen Ende, seine längst misstrauisch gewordenen Zuschauer noch einmal hinters Licht zu führen. Am Ende steht Adrián fast noch schlechter da als zu Beginn des Films, und da war er immerhin mit einer Leiche eingeschlossen. Vermutlich hätte er das mit der Affäre einfach von Anfang an lassen sollen.

Der unsichtbare Gast ist auf DVD und Blu-Ray erschienen (ab 14,49 Euro) sowie als Video on Demand erhältlich (ab 3,99 Euro).

© SZ vom 27.02.2017
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