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Mediaplayer:Peter Sellers als Pfarrer

Er macht einen schwarzen Müllmann zum Küster, versorgt die Armen und ruiniert die ganze Gegend wirtschaftlich: "Heavens Above" ist böse Comedy von 1963 - die zum Brexit-Zeitgeist passt. Außerdem Filme von Koldo Serra, Falk Harnack und eine Serie von Rodolphe Tissot.

Von Fritz Göttler

DVD Kolumne

Tranquilax ist das große Ding, das Wundermittel, das spontan für Erleichterung sorgt, eine medizinische Dreifaltigkeit: es beruhigt, stimuliert, führt ab. Die Firma, die es produziert, sorgt für den Wohlstand im britischen Städtchen, das den merkwürdigen Namen Orbiston Parva trägt, in dem Film "Heavens Above!", den John Boulting drehte und gemeinsam mit seinem Bruder Roy produzierte, 1963, in der Hauptrolle der junge Peter Sellers. Die Boultings haben einige Glanzstücke der bösen britischen Comedy geliefert, die einen Zeitgeist dokumentieren, der heute, im Brexitreich, wieder aufscheint: Spießigkeit, Bigotterie, Muffligkeit. Auch eine kleine Dosis Subversion, in der Sakristei ziehen die Ministranten die Comics "Tales from the Crypt" hervor, der Knabe am Blasebalg der Orgel liest "Lolita". Peter Sellers ist ein junger Geistlicher der Trinity Church, der versehentlich ins provinzielle Orbiston Parva berufen wird und mit seinem christlich naiven, aggressiven Sozialismus Asoziale ins Pfarrhaus aufnimmt, die Armen mit Lebensmitteln versorgt, einen schwarzen Müllmann zum Küster macht und die Gegend wirtschaftlich ruiniert. Politik und Kirche sind alarmiert, und so wird er zum bishop of outer space gemacht, ab in den Weltraum. Sellers ist sarkastisch und aggressiv, zeigt schon die verspielte Schusseligkeit von Clouseau, knabbert an den Hundebiskuits, die eine Lady auf einen Teetisch gestellt hat. (Pidax)

Panoramen der Gesellschaft sind heute eher Serien-Sache. Eine aus Frankreich ist "La Dernière Vague", von Rodolphe Tissot, sie war unter dem Titel The Last Wave auf ZDF neo zu sehen und ist nun auf DVD erschienen. Eine mysteriöse Wolke steht plötzlich über einem sonnigen Küstenstädtchen am Atlantik, sie verschlingt eine Gruppe Surfer, Frauen und Männer und spuckt sie nach Stunden wieder aus. Die sind merkwürdig verändert, ein Bub hat plötzlich blaue Augen und kann ganz weit sehen, einer hat Heilkräfte entwickelt, eine Frau ist schwanger. In ihren Träumen ragt ein Leuchtturm geheimnisvoll empor. Eine Lungenseuche befällt die Einwohner des Orts. Das Vorbild sind die "Leftovers", die amerikanische Kult-Serie von Damon Lindelof. Eine surreale Sehnsucht drängt alle Figuren, der Wunsch, zerrissene Familienbeziehungen wieder heil zu machen. Die Wolke hat die gleiche kantige Konsistenz wie man sie in den Bildern von Magritte erleben kann. (Leonine)

DVD Kolumne

Zwei Frauen in Bilbao, mit sehr verschiedenen Interessen, was sie verbindet, ist die Unerbittlichkeit, die Gnadenlosigkeit, mit der sie sie verfolgen. Siebzig Binladens - so heißt der Film von Koldo Serra im Original -, siebzig Binladens, also 35000 Euro braucht Raquel, damit ihre Tochter Alba nicht beim Jugendamt bleibt, und sie schafft es tatsächlich, einem Bankdirektor ein Darlehen abzuschwatzen. Binladens werden die 500-Euro-Scheine genannt, sie werden, vor allem in Spanien, zu dubiosen mit Bargeld abgewickelten Geschäften benutzt und kaum einer hat sie zu Gesicht gekriegt, ganz wie den Terroristen Osama Bin Laden. Plötzlich dringen zwei Bankräuber in die Bank ein, die Frau hat nur ein Auge und nennt sich Lola, ihr Kumpel ist ein nervöser Junkie. Emma Suárez, die man aus tollen Filmen von Medem und Almodovar kennt, ist Raquel, Nathalie Poza ist Lola, bei uns heißt das vertrackte Psychodrama, das um den Wechsel von Identitäten geht, "Der Überfall - Es geht um mehr als Geld". (Koch Films, Bluray)

DVD Kolumne

Um Geld geht es, letzten Endes, auch in "Anastasia - Die letzte Zarentochter", 1956, von Falk Harnack. Hatte die junge Tochter Anastasia überlebt, als im Jahr 1918 die Zarenfamilie von den Bolschewiken in Jekaterinenburg umgebracht wurde - die Frage beschäftigte in den Fünfzigern die (Illustrierten-)Welt. Auch in Hollywood gab es damals, sogar im gleichen Jahr, einen Anastasia-Film, mit Ingrid Bergman. Bei Harnack ist Lilli Palmer Anastasia, das Drehbuch ist von Herbert Reinecker, der später für das Fernsehen den "Kommissar" schuf. Eine Frau taucht 1920 in Berlin auf, geistig verwirrt, sie stürzt sich in den Landwehrkanal, kommt in eine Anstalt, nur widerstrebend gibt sie Erinnerungen preis. Soll diese verstörte, unberechenbare Frau das Zarenhaus repräsentieren? Soll sie über die Millionen verfügen, die der Zar bei einer britischen Bank für Anastasia hinterlegt hat? Die Heimatlose ist eine Komplementärfigur zu einer anderen Gehetzten, Lola Montes, im Film von Max Ophüls aus dem gleichen Jahr. Wie Lola findet Anastasia Zuflucht in Bayern, Graf Leuchtenberg nimmt sie bei sich auf im Schloss Seeon (Pidax).

© SZ vom 31.08.2020

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