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Mediaplayer:Oh wie süß, diese Grausamkeit

Der Film war einer der großen Erfolge der Sechzigerjahre: Peters Sellers und Capucine als Dr. Fassbender und Renee.

(Foto: Studio Hamburg)

Es war Woody Allens erstes Drehbuch, das verfilmt wurde. Und Clive Donner führte Regie. "Was gibt's Neues, Pussy" vermittelt das Popgefühl der Sechziger.

Von Fritz Göttler

Das findet der schmächtige junge Mann dann doch merkwürdig. Er ist an die Seine gekommen, hat sein Tischchen aufgebaut und gedeckt, sein Abendessen, inklusive Baguette - wie er es jedes Jahr macht an seinem Geburtstag, der 29. ist es nunmehr. Aber da ist diesmal dieser andere merkwürdige Typ auf dem weiten leeren Kai, er hat alle möglichen Sachen dabei, Kerosin, Streichhölzer, Feuerwerkskörper, und er hat sich in eine britische Flagge gewickelt. Es ist der Wiener Seelenarzt Dr. Fritz Wolfgang Sigismund Fassbender. Ich will meinen Psychoanalytikerkörper in Brand setzen, erklärt er auf Nachfrage, und flammend in die See hinausfahren wie ein Wikinger. Es ist die intimste, verrückteste Szene in diesem verrückten, nicht sonderlich intimen Film, "What's New, Pussycat?/Was gibt's Neues, Pussy?", von Clive Donner, aus dem Jahr 1965. Das Aufeinandertreffen zweier Einsamkeiten, zweier Männer, deren Verlangen unerfüllt bleiben wird, verkörpert von den zwei großen Kino-Underdogs Peter Sellers (mit müdem deutschen Akzent, in der deutschen Fassung hat man ihn, mit entsprechendem Akzent, zum Russen gemacht) und Woody Alllen (in seiner ersten Kinorolle, er schrieb auch das Drehbuch, hat sich aber vom fertigen Film distanziert - womöglich irritierte ihn, dass ihn Clive Donner so liebevoll behandelte wie kein anderer seiner Regisseure, Woody selbst inklusive).

Der Pussycat-Film war einer der großen Erfolge der Sechziger. Ein Produzent aus Amerika, Charles K. Feldman, der ein paar kraftvolle Briten zusammenpackte - Peter Sellers, Peter O'Toole, in einer kleinen Nachtklubszene noch Richard Burton - und vier starke Frauen - Romy Schneider, Capucine, Paula Prentiss und Ursula Andress, die mit einem Fallschirm direkt in Peter O'Tooles Sportwagen springt und dann mit ihm ins Chateau Chantelle weiterfährt, eine noble, mehr oder weniger diskrete Absteige vor den Toren von Paris, wo der Film sich schlussendlich in einem türenklappernden Slapstick verzettelt.

Peter O'Toole ist Chefredakteur eines Pariser Modemagazins und als solcher ständig im Dienst. Um vor Verwechslungen sicher zu sein, spricht er alle Frauen mit Pussycat an, auch seine feste Geliebte, Romy Schneider. Ständig im Dienst ist auch Dr. Fassbender, geduckt hockt er neben O'Toole in der Bar und kriegt kindlich große Augen, wenn er die Girls beobachtet. Mit seinem langen schwarzen Haar erinnert er an den düsteren Richard III., aber Schiller ist ihm näher als Shakespeare, und es kommt dann zu einem wunderbar synkopischen Wortwechsel über die Bedeutung des Barden, aufgehängt an ein Zitat über die Freudenmädchenhaftigkeit des Lebens: 'Life is a strumpet stained with wine ...'

Warren Beatty war mal angedacht für den Playboy par excellence in Paris, das hätte der Rolle eine Menge sophistication gebracht. O'Tooles Charme dagegen ist scharfkantig, sehr sehr britisch, gespeist aus einer gemeinen Selbstgefälligkeit und arroganten Selbstliebe. Eben dieser Typ, diese Tradition sind auch ein halbes Jahrhundert später erschreckend virulent in England, in der Überheblichkeit der Brexiteers. Der entscheidende Punkt bei der Komödie ist Brutalität, sagt Clive Donner, das hat er zwei Jahre zuvor bei der Verfilmung von Harold Pinters 'Hausmeister' gelernt.

Nichts ist zu spüren von den Swinging Sixties im Pussycat-Film. Er dokumentiert die surreale Grausamkeit, mit der der Pop in den Sechzigern alles zur Attraktion macht, zur Schau, von den Putten, die im Vorspann zum Cancan ansetzen, bis zur Reptilienhaut von Ursula Andress.

Einen schlechteren Ort hätte sich Dr. Fassbender nicht aussuchen können zum Praktizieren als Paris, das seine eigenen Psycho-Stars hervorbrachte. Haben Sie zufällig etwas Salz, fragt ihn der speisende Woody. Das sind die Traumata des Lebens, etwas fehlt immer.

What's New, Pussycat? Bluray. Erschienen bei Studio Hamburg.

© SZ vom 30.09.2019

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