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Mediaplayer:Du bist nichts

"The Believer" von 2001 war eine der ersten großen Rollen für Ryan Gosling - das Karrierewagnis zahlte sich für ihn aus.

(Foto: Capelight Films)

Ryan Gosling spielt einen US-Neonazi, der Jude ist: "The Believer" von Henry Bean war 2001 eine seiner ersten großen Rollen - jetzt kommt das Werk auf DVD in Deutschland heraus.

Danny hasst, und diesen Hass kann er manchmal unterdrücken. Mit bösem Nachdruck fängt er an, in der New Yorker U-Bahn einen jungen Mann mit Brille und Kippa zu schikanieren, der sich in ein Buch vertiefen will, und als der ängstlich wegläuft, nach oben, folgt Danny ihm auf die Straße, schlägt ihn nieder und tritt nach, ganz gezielt. Mit ein paar Kumpel-Hooligans zieht er dann herum, Rassisten und Antisemiten wie er, sie prügeln sich mit anderen auf nächtlicher Straße, provozieren die Leute in einem koscheren Diner.

Danny hat den Kopf kurz geschoren, trägt ein dickes Hakenkreuz auf seinem T-Shirt, und nur ganz selten zieht er den Reißverschluss seiner Jacke hoch, damit man es nicht sehen kann. Was "The Believer", Henry Beans Porträt eines jungen faschistischen Typs, von anderen Filmen dieses Genres unterscheidet: Danny ist ein überzeugender Redner, er kennt die rhetorischen Tricks des Antisemitismus. Schläger haben wir genug, wird später die Frau (Theresa Russell) sagen, die in der Gruppe das Sagen hat, der Danny sich anschließt, was wir brauchen, sind Intellektuelle. Mit Anzug und Handy, der Fähigkeit zu Diskussion und Fundraising. Danny, der Schläger des intellektuellen Diskurses. Das Reden, das eiskalte Argumentieren, das den anderen sprachlos macht, hat Danny in der Schule gelernt, so perfekt, dass sein Lehrer sich hilflos weigert, ihn in seiner Klasse zu behalten, in der jüdischen Schule. Danny ist Jude. Ein jüdischer Nazi.

Ryan Gosling spielt Danny, es ist, nach vielen TV-Serien, seine erste große Kinorolle gewesen, ein gebrochener Typ, der sich selbst kaputt macht, der brutal agiert - das ist der amerikanische Traum bis heute, dieser impulsive Größenwahn - und doch an der verdrängten Sensibilität leidet, die er sich bewahrt hat. Zärtlich nimmt er sich nach einem Einbruch in einer Synagoge einer geschändeten Thora-Rolle an, er kann ihre Flammenschrift lesen.

Der Film ist an der Oberfläche ein wüster Genrefilm über den primitiven amerikanischen Skinhead-Faschismus - Schlägereien, Schändungen, rassistische Stereotypen, Vergegenwärtigung von Nazi-Gräueln - und wie er manipuliert wird bis hin zu gezielten Mordanschlägen. Ein Film über zynischen rechten Terror, der gerade heute verstörend aktuell ist, nicht nur in den USA. Aber er bohrt sich auch tief hinein in die faschistische Pathologie, in den modernen Nihilismus und die Denkspiralen, die er in Gang setzt. "Die Seele des Landes ist zerstört, und alles, was die Regierung uns zu bieten hat, ist free trade." Auch Danny kennt dieses existenzielle Gefühl, das sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts verbreitete, die Worte, die einem im Mund zerfallen wie modrige Pilze - er stößt auf die berühmte Chandos-Brief-Passage, als er ein Buch zufällig aufschlägt, den Satz herauspickt, auf deutsch. Der Sprachzerfall, nach dem nur die harte Rhetorik bleibt.

Das Vorbild für Danny ist Daniel Burros, der in den Sechzigern der Nazi-Partei und dem Ku Klux Klan angehörte, und, als ein Artikel in der New York Times seine jüdische Herkunft enthüllte, sich erschossen hat. Der Regisseur Henry Bean ist ein Intellektueller, der versuchte, in Hollywood seine Projekte durchzubringen, er schrieb das Drehbuch zum Cop-Drama "Internal Affairs", 1990, mit Richard Gere, 1986 hat er an "Golden Eighties" mitgearbeitet und 2011 an "Almayers Wahn", beide von Chantal Akerman, und in deren "A Couch in New York" hat er eine kleine Rolle gespielt.

Sein "Believer" lief im Januar 2001 auf dem Sundance Filmfestival mit großem Erfolg, aber kein Verleih traute sich, das brisante Stück ins Kino zu bringen. Der Leiter des Simon Wiesenthal Center hatte sich damals vehement gegen den Film ausgesprochen, ihn als antisemitisch deklariert. Nach den 9/11-Anschlägen schien das Thema eines fanatischen Terrorismus erst recht zu brisant, erst 2002 strahlte der Pay-TV-Sender Showtime den Film aus.

Der jüdische Nazi - die heftige traumatische Erfahrung für den jungen Danny ist die biblische Episode um Abraham und Isaak, wie sie ihm in der Schule dargestellt wird, und die Rolle, die Gott dabei spielt, ein unerbittlicher Gott, mit seiner absoluten Macht: "Ich kann dich dazu bringen, alles zu tun, wie dumm es auch ist. Denn ich bin alles, und du bist nichts." Ein Gott, an den man nicht glauben kann. Und der keinen believer braucht, niemand, der an ihn glaubt.

The Believer auf DVD und Bluray bei Capelight.

© SZ vom 24.06.2019
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