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Mediaplayer:Die Verführungskunst der Zwanzigerjahre

DIe Büchse der Pandora

Louise Brooks in G.W. Pabsts Verfilmung "Büchse der Pandora".

(Foto: Atlas Film)

Zwei heilige Monster: "Die Büchse der Pandora" und "Foolish Wives" gibt es wieder auf DVD.

Am Ende wird es dann ein richtiger Film zum Weihnachtsfest: "Die Büchse der Pandora", nach den berühmten Stücken von Frank Wedekind, die Geschichte der Lulu, ihren Aufstieg in Berlin und ihr Ende in London, 1929 verfilmt von G. W. Pabst mit Louise Brooks. Der Wind pfeift durch das zerbrochene Dachfenster ihrer eiskalten Absteige, der Brotkanten ist zu hart zum Beißen, nur der Schnaps hilft. Die Heilsarmee verteilt Mistelzweige. Ein Plakat warnt die Frauen vor einem Mann, der sie in dunkle Gegenden lockt und umbringt. Das Mädchen Lulu trifft, als sie in den Nebel des East End tritt, den Jungen Jack. Eine letzte Verführung, endlich die Erlösung.

In den Zwanzigerjahren spielte das Kino lustvoll seine ganze Verführungskunst aus, und zwei der Filme, die das mit vollem Risiko reflektierten, sind eben auf DVD wieder herausgekommen, "Die Büchse der Pandora" und "Foolish Wives", 1922, von und mit Erich von Stroheim. Zwei monstres sacrés. Als Lulu wurde Louise Brooks zur Verkörperung der Verführung, sie zieht durch die dekadenten Zwanzigerjahre mit einer naiven Unnahbarkeit, der gegenüber die Bemühungen der Männer um sie herum, an der Spitze Fritz Kortner, nur noch krampfhafter und lächerlicher wirken lassen. Brooks war in Kansas geboren, im amerikanischen Bible Belt, sie las Proust und Schopenhauer und Goethe, tanzte in New York bei Ruth St. Denis und Ted Shawn, ging nach Paris, später zu den Ziegfeld Follies. Ihre Erinnerungen schrieb sie so offenherzig, dass sie selbst Bedenken bekam und sie einäscherte. In der Tonfilmzeit kriegte sie keine Rollen mehr in Hollywood, arbeitete für Jahrzehnte in einem Warenhaus.

Der Krieg hatte dem Publikum die Augen geöffnet

Pabsts Film ist blitzsauber digital restauriert, mit Material aus diversen Kinematheken, auch aus dem Münchner Filmmuseum, und mit finanzieller Unterstützung von Playboy-Chef Hugh Hefner. Die Geschichte dieser Arbeit erzählt Martin Koerber von der Stiftung Deutsche Kinemathek Berlin im Booklet der Edition . Über die Restaurierung der "Foolish Wives" wird man auf der DVD nicht informiert, das Material geht vorwiegend auf eine Verleihfassung zurück, die Stroheims vielstündiges Opus - 22 Filmrollen - immer weiter bearbeitet, auf sieben Rollen und 143 Minuten getrimmt hatte. Zensur und Selbstzensur. Selbst in diesem Zustand ist Stroheims Detailbesessenheit voll zu spüren. Er spielt den Fürst Karamzin, der sich nach dem Krieg in Monte Carlo mit zwei Frauen durchschlägt, mit Falschgeld im Casino - Hell's Paradise - und mit seiner mondänen weißen Uniform, mit der er auch die Frau des amerikanischen Gesandten in Bann zieht.

Ein böses geiles Kind. Bei "Foolish Wives" explodierten die Produktionskosten, also gingen Universal und ihr Chef Carl Laemmle zur Vorwärtsverteidigung über und zeigten das tägliche Ansteigen der Kosten auf einem Schriftband am Times Square in New York an. Es sei der erste Film, der über eine Million Dollar kostete, wurde geworben. "Ein von der Zensur geschnittenes Bild zeigt Karamzin in Dessous, im Korsett mit Strumpfbändern, das den faltenlosen Sitz der Uniform garantierte", schrieb Frieda Grafe. "Ich verhielt mich nicht ungesetzlich", beschreibt Stroheim sich als Karamzin. "Man mochte wohl das Raffinement meiner Verführungsmethoden nicht." Die Zeitschrift Photoplay schrieb: Welche echte Amerikanerin würde auch nur einen Blick verschwenden auf diesen Gockel, diesen Monokelträger, diesen Fremden!

Der Krieg hatte dem Publikum die Augen geöffnet, es hatte genug vom Sacharinkino, nun bekam es eine Portion Corned Beef und Kohl. Karamzins Ende ist grausam und grotesk, er wird vom Vater eines Mädchens, bei dem er einsteigt, getötet und in einen Gully gestopft. Nach Ende der Zwanzigerjahre ließ man Stroheim keine eigenen Filme mehr machen, er zog sich in sein Schloss bei Paris zurück. Henri Langlois von der Cinémathèque française hat seine Filme in den Fünfzigern wieder hervorgeholt, und auch die "Pandora" von Pabst. Ihren Regisseur hat Lulu 1935 in New York noch einmal getroffen, da plante er einen Film zur ultimativen Verführung, nach Goethes Faust, mit Louise Brooks und Greta Garbo.

Die Büchse der Pandora bei Atlas Film, Foolish Wives bei Studio Hamburg.