Mediaplayer Die Macht der Blicke

Diese Kinder sind unberechenbar: "Laurin", Robert Sigls poetischer Horrorfilm aus dem Jahr 1989, erscheint nun neu auf DVD.

Von Fritz Göttler

Kinder, die unergründlichen Wesen, ihre Natürlichkeit ist manchmal erschreckend. "Wie heißt du denn?", fragt der neue Schullehrer in der Klasse, und auf die Antwort - "Wiebke" - reagiert er verdutzt, denn sie kommt von einem pausbäckigen Knaben in der Schulbank: "Aber das ist doch ein Mädchenname." Die Erklärung kommt sofort, ein bisschen indigniert: "Nikolaus Wiebke, Wiebke ist der Nachname."

Unberechenbar sind die Kinder in dem Film "Laurin" von Robert Sigl. Unberechenbar, wie sie die Welt wahrnehmen und wie sie darauf reagieren. Das Mädchen Laurin hat bedrohliche Visionen von Tod und Mord, ihr kleiner Freund Stefan blickt beim Spiel auf dem Dachboden fasziniert auf einen Haken an der Wand, der später von grausiger Bedeutung sein wird. Einmal spielen die beiden ein junges Ehepaar, der Mann muss hinaus aufs Meer, die Frau bleibt zurück: "Die Seefahrt ist nichts für kleine Mädchen." Eine Travestie, denn Laurin spielt, mit Mütze, den Mann, Stefan, entsprechend zurecht gemacht, die zurückbleibende Frau.

Manchmal ist, wenn all die Kinder unter sich sind, auch naive Grausamkeit im Spiel. Hast du das Klassenzimmer schon mal von unten gesehen, fragen die Klassenkameraden Stefan, und dann zeigen sie ihm, was damit gemeint ist - der mächtige Schrank im Klassenzimmer spielt eine wichtige Rolle dabei.

"Laurin" ist ein fantastischer Film aus dem Jahr 1989, ein schönes Stück romantischen Horrors, das Unikat geblieben ist in der Filmlandschaft damals. Auch deshalb, weil Robert Sigl nie wieder die Chance bekam, einen ähnlich individuellen Film zu machen. "Laurin" war sein Abschlussfilm an der Hochschule für Fernsehen und Film in München, er erhielt dafür den Bayerischen Filmpreis als bester Nachwuchsregisseur. Einen Deutschen Filmpreis sollte er freilich nicht dafür bekommen, erinnert sich Sigl an den Bescheid des Innenministeriums - "da es darin zu viele byzantinische Gesichter gäbe". Er hat dann erfolgreich im deutschen Fernsehen gearbeitet, "Stella Stellaris", "Tatort"oder "Soko Wien/Donau".

Die Qualen eines Lehrers – Karoly Eperjes in „Laurin“.

(Foto: Bildstörung)

Die Geschichte um das Mädchen Laurin spielt in einem norddeutschen Küstendorf, mit altem Schloss und Pastorenhaus, im Jahr 1901. Auf dem Friedhof gibt es die Gräber einiger junger Frauen, deren Verlust immer noch nicht verschmerzt ist, die Schrift auf den Grabsteinen ist verschnörkelt, als sollten die Namen eher verborgen als erinnert werden. Überall liegen alte Puppen herum, einige Knaben sind offenbar einem geheimnisvollen Mörder zum Opfer gefallen. Die byzantinischen Gesichter, die das Innenministerium monierte, kommen daher, dass Sigl den Film aus Kostengründen in Ungarn drehte, mit ungarischer Crew und ungarischen Akteuren. "Hier werden nur Boy-meets-Girl-Filme gemacht, und Filme über Banküberfälle sind noch das Äußerste, das man sich traut. Man hat eine solche Berührungsangst vor der Tiefenpsychologie. Man hat nicht vor dem Horrorfilm, sondern vor der Beschäftigung mit der Seele Angst."

Dora Szinetar ist die kleine Laurin, Károly Eperjes ist der junge Herr van Rees, der vom Militärdienst zurückkehrt. Die Gemeinde beschließt, ihn zum neuen Dorfschullehrer zu machen. Alleinstehende Frauen bitten ihn zum Abendessen in ihr Haus, "bringen Sie einen gesunden Appetit mit". Der Film lebt ganz aus seiner märchenhaften Atmosphäre, ein fast gemächlicher Horror. Das Jahrhundert, das eben zu Ende ging, steckt noch darin, aber eine Ahnung von der kommenden Moderne ist schon da. Das Gefühl der Todesnähe ist manchmal allmächtig - Carl Theodor Dreyers "Vampyr", 1930, hat den Film stark inspiriert, den Robert Sigl einen seiner Favoriten nennt.

Man darf sie keinen Augenblick aus den Augen lassen, warnt der Direktor den neuen Lehrer van Rees. Zu diesem Zweck ist gleich neben der Tafel ein großer Spiegel angebracht, in dem der Lehrer blitzschnell sehen kann, was hinter seinem Rücken passiert. Die Vielfalt der Perspektiven macht das Kino einzigartig, die Omnipotenz seiner Blicke löst seinen Schrecken aus und führt immer wieder direkt ins Nichts.

"Laurin" von Robert Sigl ist nun auf DVD bei Bildstörung erhältlich.