Mediaplayer Das Leben als Manege:  Max Ophüls' "Lola Montez"

Filmstill aus der restaurierten Fassung von "Lola Montez".

(Foto: Filmmuseum München)

Gleich nach der Premiere des Films begannen die Produzenten den Lola-Montez-Film von Max Ophüls neu zu schneiden. Nach Jahren der Rekonstruktion gibt es jetzt die Originalfassung auf DVD, zusammen mit "Liebelei".

Von Fritz Göttler

Es ist der erregendste Ruck, der durch die ganze Filmgeschichte geht. Die nicht mehr ganz junge Tänzerin Lola Montez ist vor den bayerischen (ein wenig landesväterlichen) König Ludwig I. gebracht worden und beschwert sich über die bayerische Bürokratie: "Diese Kommissionen, Direktoren, Bestimmungen, alles ist geregelt, alles ist verboten." Und dann all die Fake News - man sagt, sie sei schlecht gebaut ... Um dem König die Gelegenheit zu bieten, selber zu urteilen, greift sie sich eine Schere, die auf dem Schreibtisch liegt, trennt eine Naht am Hals auf und reißt sich das Mieder auseinander mit einem Ruck. Ein schneller Schnitt, und es beginnt die berühmte Nadel-und-Faden-Sequenz.

"Alles geregelt, alles verboten", man kann sich heute kaum noch vorstellen, was für einen Schock die "Lola Montez" von Max Ophüls 1955 beim Publikum auslöste. Ophüls betreibt etwas, für das es damals noch nicht den Namen gab, der heute ein Modebegriff geworden ist: Dekonstruktion. Er zeigt uns das Leben der Tänzerin, Mätresse, Liebenden - von Liszt, Chopin, Ludwig und vielen anderen - als gewaltige Zirkusshow. Ein Leben, wenn es mal ruiniert ist, taugt allemal dazu, dass man ein Spektakel daraus macht. Ein amerikanischer Zirkus in New Orleans, der Karnevalsstadt, mit teuren Kostümen, Pferden, Kleinwüchsigen, Stelzengängern ... Alles, was Geld bringt. Peter Ustinov ist der Meister der Manege, man erlebt ihn, wie er Lola in Nizza sein Angebot für die Show bringt, er stülpt dabei die Lippen um, dass es einen schaudert vor diesem Dealmaker.

Max Ophüls ist auch in diesem, seinem letzten Film nicht an Drama oder Melodrama interessiert. Er braucht keine Detailaufnahmen, und wenn, dann gehen sie sofort in Totalen über. Es ist sein erster Film in Cinemascope, Technicolor und 4-Kanal-Stereo-Ton. Das war damals sensationell neu, dafür konnten die Produzenten einige Millionen zusammenbringen. Als der Film dann in die Kinos kam - es gab drei verschiedene Fassungen, auf Deutsch, Französisch, Englisch -, war er ein völliger Flop. Das Leben der Lola Montez bestand hier aus lauter Abbrüchen und Umwegen, die Akteure wechselten manchmal in ihren Sätzen von einer Sprache in die andere, alles Schlüpfrige und Sentimentale zersetzte sich im Zirkustrubel. Wenige Tage nach der Premiere begannen die Produzenten, den Film neu zu montieren.

Es hat lange Jahre gedauert, bis die Premierenfassung rekonstruiert werden konnte, aus verschiedenen Bildnegativen und Tonspuren im Münchner Filmmuseum und in der Luxemburger Kinemathek. Die DVD-Ausgabe kombiniert die "Lola Montez" mit "Liebelei", Ophüls' erstem großen Erfolg, nach dem Stück von Arthur Schnitzler. Noch eine Liebe, die zerstört wird durch strenges Reglement, militärisches und gesellschaftliches, im kaiserlichen Wien. "Während der Dreharbeiten zu 'Lola Montez'", schreibt Martina Müller im Begleitheft, "soll der 'Heimkehrer' Max Ophüls im Münchner Filmclub geehrt werden. Alle französischen und deutschen Mitarbeiter der ,Lola Montez'-Produktion sind zur Vorführung von ,Liebelei' eingeladen, am 6. Juni um 22.45 Uhr, Spätvorstellung in den Rathaus-Lichtspielen. Beim Vorspann muss unterbrochen werden, Worte der Entschuldigung, Schweigen. In den Credits fehlen die Namen der jüdischen Autoren. Herausgeschnitten: der Regisseur Max Ophüls, der Bühnenautor Arthur Schnitzler, die Drehbuchautoren Hans Wilhelm, Curt Alexander. In dieser verstümmelten Fassung läuft der Film auch in der Nazizeit."

Max Ophüls hat um die Zwänge seines Metiers gewusst. Geduldiges Geld hat er sich gewünscht in seiner Industrie, in seinen berühmten Gedanken über Film (ebenfalls in der DVD-Edition). Auch sie folgen dem Prinzip der Ablenkung, in einem Vortrag vor der Handelskammer in Frankfurt, skandiert von Anmerkungen und Zitaten, vor allem des Kollegen Goethe.

"Haben Sie sich", fragt Ludwig einmal Lola, "nie gewünscht, irgendwo bleiben zu können, einmal aufzuatmen, auszuruhen, von all Ihren" - hier macht der König eine kleine, fast unmerkliche Pause -"Reisen?" Lolas Antwort: "Ach, Majestät sind sehr allein, ja?" In der DVD-Edition hat "Lola Montez" einen Ruheort, eine Heimat gefunden.

Max Ophüls: Lola Montez & Liebelei. DVD, Edition Filmmuseum 99.