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Popkolumne:Britische Wertarbeit

Maximo Park klingen noch immer wie Maximo Park, Julien Baker macht sehr rätselhafte Videos, PJ Harvey veröffentlicht Demofassungen ihrer Alben und slowthai ein Cover.

Von Juliane Liebert

Es ist 2021, und Maximo Park klingen wie Maximo Park. Das ist in diesen Zeiten doch sehr beruhigend. Wenn Maximo Park jetzt auch noch aufhören würden, wie eine Nuller-Jahre-Indieband zu klingen, woran sollte man denn dann noch glauben? Weshalb wir das neue Album nachdrücklich empfehlen. Es heißt "Nature Always Wins" und wurde online produziert. Ihr neuer Keyboarder und Produzent Ben Allen (Animal Collective, Deerhunter) saß in den USA, sie in Europa. Das glaubt man an machen Stellen zu hören - da wirken die Songs wie "The Acid Remark" ein wenig zusammengeschraubt. Umso beruhigender, dass Paul Smith immer noch so melodieverliebt tremoliert und sich auf das Fundament aus crunchy Gitarre, Keyboard und Viervierteltakt verlassen kann. Britische Wertarbeit eben.

Das neue Album von Julien Baker heißt "Little Oblivions". Auf dem 2004-er Album "Grown Backwards" von David Byrne gab es einen Song namens "Tiny Apocalypse". Packt man den mit Grimes "Oblivion" zusammen, landet man gar nicht soweit weg vom Sound von Bakers kleinen Vergessenheiten. Die Sängerin macht sehr rätselhafte Videos. Mit Zeitungspapier-Hunden in Stop-Motion-Optik, die wirbelsturmartige Explosionen auslösen. Oder mysteriösen Ringkämpfen in leeren Theatersälen und mit traurigen alten Männern, die Juliens Videobild auf einem Bildschirm streicheln. Die Musik dazu ist so weit wie die Welt in alten Hollywoodfilmen. In jeder Hallschwade weht ein Gefühl. Und in der Mitte dieses Cinemascope-Panoramas singt Julien Baker — melancholisch, aber absolut souverän. Vor allem dank ihrer Stimme zerfließen die Songs nicht zu Schwabbelpop. Man kann auch sehnig schwelgen.

Bei aller künstlerischen Brillanz kann einem das rückhaltlose Bekenntnis zur Grand Indie-Opera, wie man sie auch von Julien Bakers Boygenius-Kollegin Phoebe Bridgers kennt, gelegentlich auch die Gedanken verkleben. Aber ein, zwei Songs PJ Harvey gehört, dann ist das schnell wieder weg. PJ Harvey wiederum ist nämlich seit einiger Zeit damit beschäftigt, Demofassungen von ihren Alben zu veröffentlichen. Vermutlich auch mit Vinyl-Sonder-Editions-Scheiß, sie muss ja auch von irgendwas leben. Aber in dem Fall lohnt sich das: Nachdem im Januar die Demos von "Is This Desire?" herauskam, erscheinen diesen Freitag die zu "Stories from the City, Stories from The Sea". Das ist im Original eines ihrer poppigsten Alben, aber trotzdem stark. Es gibt keine schwachen PJ-Harvey-Alben. Aber vor allem "Horses In My Dreams", "A Place Called Home" und "This Mess We're In" sind in der roheren Demofassung beinahe noch schöner. "This Mess We're in", im Original mit Tom Yorke einer der bekanntesten Tracks vom Album, klingt ohne ihn sehr anders. Hier singt Harvey ausschließlich selbst. Ihre Demo hat dieselbe schwebende Trauer an der Unzulänglichkeit der Welt, und alle, die den Song lieben, aber gelegentlich von Yorkes Genöle genervt sind, werden hier ihr Glück finden. Vielleicht muss man sich eingestehen, dass man eben doch alle Extra-Vinyl-Versionen von allen Alben und Demoalben von PJ Harvey braucht. Was soll man sonst tun, sich eine Badewanne aus Echtgold kaufen? So viele Dinge gibt es ja nicht, für die man in Covidzeiten sein Geld rausschmeißen kann.

Ansonsten hat slowthai ein Cover von "Needle In The Hay" aufgenommen. Es ist mutig von slowthai, sich ausgerechnet am Elliott Smiths "Needle In The Hay" zu versuchen - das ist ein wenig, als würde man versuchen, ein nicht-peinliches Cover von den Beatles zu machen. slowthai löst das Problem, indem er versucht, Smith in Sound und Stimmgebung so genau wie möglich zu imitieren. slowthai, wenn wir das wollen, können wir doch einfach das Original hören! Naja, was nicht ist, kann ja noch werden!

© SZ/rjb
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