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Deutsche Literatur:Aus Kiefernwäldern 

Maxim Leo erzählt vom Leben dreier Frauen seiner Familie, die Berlin nach 1933 verlassen mussten.

Berlin bietet alles zwischen Glanz und Horror, Mythos und kleinbürgerlicher Hölle. Wenn man an das jüdische Bürgertum denkt, das bis 1933 das kulturelle Leben prägte, verdichtet sich das ganz konkret. Es bestimmte die sogenannten goldenen Zwanzigerjahre, die heute zum Markenkern der preußischen Metropole geworden sind, wurde aber von den Nationalsozialisten fast vollständig vernichtet. In seiner Familiengeschichte, die der Berliner Autor Maxim Leo nun vorlegt, tritt eine irritierende Facette hinzu: viele junge Israelis, deren Groß- und Urgroßeltern aus Berlin geflohen sind, finden die Stadt jetzt äußerst faszierend.

Heute lebt nur noch Leos eigene Kleinfamilie in Berlin - sein Großvater, der sich in Frankreich der Résistance angeschlossen hatte, kehrte zurück und wurde Teil der jüdischen Remigration in der DDR, die dort, im Gegensatz zur Bundesrepublik, eine ziemlich große Rolle spielte. Der Autor konzentriert sich bei seiner Familienrecherche auf die Lebenswege dreier Frauen: Ilse, seine Großtante, war 15 Jahre alt, als sie Deutschland verlassen musste, ihre Cousinen Irmgard und Hilde waren 22 und 26.

Mythisch geworden sind in der Erinnerung von Leos engerer Familie die Jahre im brandenburgischen Rheinsberg, die sie bis zur Flucht aus Deutschland in einer Villa mit Garten verbrachte. Dazu gehörte die Hausmusik am Blüthner Flügel mit dem Vater, der eine angesehene Rechtsanwaltskanzlei betrieb, und den Kindern Ilse, Gerhard (dem Großvater des Autors Maxim Leo) und Edith. Es gab Kiefernwälder, Ruderboote und Waldmeisterlimonade sowie illustre Gäste wie den Dirigenten Otto Klemperer, den Opernsänger Karl Böhleke oder die Schriftsteller Alfred Döblin und Ludwig Marcuse, die die "kleinstädtische Besinnlichkeit" genossen.

Irmgard Leo zusammen mit ihrem Freund und späteren Mann Hans, den sie an der Friedrich-Wilhelms-Universität kennengelernt hat, 1932 in Berlin. Sie werden erst ins Exil nach Paris, dann nach Palästina gehen und dort Nina und Hanan heißen.

(Foto: privat)

Die etwas ältere Cousine Hilde tauchte währenddessen tief in die Berliner Bohèmeszene ein. Sie bewunderte Marlene Dietrich, büxte aus ihrer Ausbildung als Säuglingskrankenschwester aus und spielte in zwei Produktionen des legendären Regisseurs Max Reinhardt. Dadurch geriet sie an den Nervenarzt Fritz Fränkel, der sie im Handumdrehen heiratete. Fränkel ist in die Geistesgeschichte nicht zuletzt durch seine enge Freundschaft mit Walter Benjamin eingegangen, und Maxim Leo streift die damalige Intellektuellenszenerie mit einigen schnellen, kräftigen Schlaglichtern: die Kokain- und Haschischexperimente einerseits, die zu einigen intensiven Benjamin-Texten geführt haben, die Gründung der KPD andererseits, an der Fränkel zusammen mit Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht beteiligt war.

Irmgard schließlich, die Schwester Hildes, lernte sofort nach ihrer Immatrikulation im Foyer der Friedrich-Wilhelms-Universität Unter den Linden Hans kennen, einen glühenden Sozialisten, der sie zu einer Demonstration mitnahm. Das bildete dann die Keimzelle für den späteren und mittlerweile größten Zweig der Familie in Israel. Im Exil in Paris dauerte es lange, bis sich Irmgard entschloss, mit dem inzwischen überzeugten Zionisten Hans nach Palästina auszuwandern und dort ein völlig neues Leben zu beginnen - die beiden hießen jetzt Nina und Hanan, und wenn deren Enkel Aron nun in Berlin den Autor Maxim Leo besucht und sich auf für ihn selbst überraschende Weise plötzlich als Berliner fühlt, schließt sich der Kreis.

Ein im Nachhinein magischer Dreh- und Angelpunkt der Familiengeschichte ist ein Tag im April 1935 in Paris. Hier, im Jardin du Luxembourg, kommen die drei Frauen, die Maxim Leo in den Mittelpunkt stellt, zum letzten Mal zusammen. Sie sind auf verschiedene Weise nach Paris gelangt, am abenteuerlichsten Ilse, der es nur durch die List ihrer Hamburger Oma gelingt, hinterrücks ein letztes Visum für die Ausreise aus Deutschland zu ergattern.

Es gibt ein Foto dieses Tages, dessen Bedeutung für die Beteiligten in diesem Moment noch nicht zu erahnen ist. Ilse trägt ein weißes Kleid mit grünen Punkten, Irmgard sieht wie ein französischer Filmstar aus, "mit schwarzem Hosenanzug und Sonnenbrille", und Hilde trägt "eine Art Reithose mit einem engen Oberteil". Sie wissen noch nicht, welch lebensgefährliche Flucht ihnen bevorsteht.

Sven Görlich

Maxim Leo, geboren 1970 in Ostberlin, schreibt Kolumnen für die Berliner Zeitung, "Tatort"-Drehbücher und Krimis. 2009 erschien sein autobiografisches Buch "Haltet euer Herz bereit" (Blessing).

(Foto: Sven Görlich)

Dies ist der bewegendste Teil des Buches. Ilse gerät in das berüchtigte Lager Gurs in den Pyrenäen und schafft es durch glückliche Umstände, in Frankreich unterzutauchen. Hilde trennt sich von dem rastlosen, untreuen und viel älteren Fritz Fränkel, der darauf statt mit ihr mit Walter Benjamin zusammenwohnt - auf die Frage, warum er sie denn überhaupt geheiratet habe, antwortet Fränkel, "Walter Benjamin habe eben keine Brüste". Hilde erhält kurz vor Toresschluss noch ein Visum für England und entwickelt dort einen verblüffenden Geschäftssinn, wird Fotografin und Immobilienbesitzerin. Irmgard schließlich beteiligt sich mit Hans in Palästina an einem Kibbuz und geht völlig in dieser neuen Identität auf.

In einigen spektakulären Abschnitten zeigt Leos zurückhaltende Sprache ihre Stärke. Manchmal aber wirkt sie in ihrer Schlichtheit und als Stilmittel gewollter Einfachheit zu dünn, wie aus einer Kinderperspektive. Auffallend ist, dass der Autor etliches ausspart: die Geschichte seiner eigenen Kleinfamilie in der DDR etwa oder die konsternierende Wende im Leben von Ilses Schwester Edith, die kurz nach ihrer Flucht aus dem Lager in einem deutschen Offizierscasino in Paris tatsächlich einen Oberleutnant der Wehrmacht kennenlernt und später mit ihm in Hamburg lebt.

Aber die Konzentration auf die Lebenswege der drei herausgehobenen Frauen erhöht natürlich die Intensität der Geschichte und entwickelt einen ästhetischen Reiz. Dass sich die jüngsten Sprosse der Familie jetzt, in alle Welt verstreut, über das Internet kurzschließen, wirkt wie ein Zeichen der Hoffnung. Und es ist fast ein utopisches Signal, dass auf diese Weise an die Zwanzigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts in Berlin wieder angeknüpft werden kann.

Maxim Leo: Wo wir zu Hause sind. Die Geschichte meiner verschwundenen Familie. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019. 364 Seiten, 22 Euro.

© SZ vom 29.03.2019

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