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Matthias Wittekindt: "Vor Gericht":Dreh dich nicht um

Frühling in Dresden

Lieber nicht so genau daran denken, was früher war: Ruderer auf der Elbe bei Dresden.

(Foto: Robert Michael/picture alliance/dpa/dpa-Zentral)

Ein alter Kriminalfall und ein pensionierter Ermittler, der sich plötzlich genauer an die Ereignisse erinnern kann, als er sie je erlebt hat: Matthias Wittekindts Roman "Vor Gericht".

Von Stefan Fischer

Es ist vorbei. Lange schon. Manz ist 73 Jahre alt, er ist kein Kriminalist mehr. Der Pensionär, der gerne dunkelgraue Cordhosen, Flanellhemden und eine Lederjacke trägt, rudert jetzt oft auf der Elbe, etwas flussaufwärts von Dresden. Bis vor Kurzem im Vierer mit Steuermann. Nun, da Robert gestorben ist, ohne Steuermann. Das Rudern hält ihn fit. Vor allem aber ist er gerne im Klub, weil die gleichaltrigen Herren eines verabredet haben: Es wird nicht über die Vergangenheit gesprochen. Obwohl sich die vier Männer stark über ihre Berufe definiert und viel erlebt haben. Dass sie im Boot entgegen der Fahrtrichtung sitzen und demzufolge während des Ruderns nach hinten blicken, ist ihnen jedoch genug der Rückwärtsgewandtheit.

Doch dann kommt ein Brief aus Berlin. Manz wird geladen, vor Gericht auszusagen in einem Mordfall aus dem Jahr 1990. Wenige Tage vor Weihnachten war damals eine Frau Anfang 60 namens Regina Zeisig im Neuköllner Ortsteil Buckow erwürgt worden. Manz hatte mit den Ermittlungen begonnen, sie aber nicht abschließen können. Denn an Dreikönig 1991 ist er nach Dresden gegangen, ist dort Kriminaldirektor geworden: Wiedervereinigung, im Osten sollten die Institutionen neu aufgebaut werden, voran die Polizeibehörden. Manz' Frau stammt aus Dresden, hat Familie dort, eine runde Sache. Auch damals schon: kein Blick zurück auf Berlin und die alte Bundesrepublik.

Welche Bedeutung hatte seine Affäre mit einer Ermittlerin? Und seine Ehe?

Matthias Wittekindt hat seinen Roman "Vor Gericht", in dem auch ein Krimi steckt, zweigeteilt. Im ersten Part, der in viele kurze Kapitel gegliedert ist, arbeitet Manz sich in den alten Fall ein, liest die Akten noch einmal, die ihm ein Freund und ehemaliger Kollegen überlässt, und geht nebenbei weiter seinem Alltag nach. Die Handlung wechselt zwischen dem fiktiven Altersruhesitz Zizzwitz der Gegenwart und dem realen Berlin des Nachwende-Winters. Der zweite, kürzere und nicht mehr untergliederte Teil spielt dann im wesentlichen vor Gericht. Nach Jahrzehnten ist ein Mann der Tat angeklagt, ein Ungar, der seinerzeit bereits in Manz' Ermittlungen aufgetaucht war. Nun liegen neue forensische Ergebnisse vor. Rätselhaft bleibt der Fall dennoch, die Motivlage und die Zusammenhänge schweben weiter im Unklaren.

Es wird also zweierlei verhandelt in dem ruhigen, aufgeräumten Roman: der alte Mordfall, in dem aus den Fugen geratene familiäre Beziehungen eine Rolle spielen - und Manz' Leben, sein Verhältnis zu seiner Frau, den Töchtern, den Schwiegersöhnen und Enkeln. Der Entschluss der Ruderklub-Freunde, tunlichst nicht in die Vergangenheit abzutauchen, bewahrt sie nicht nur vor einer üblichen Altersmarotte, er ist auch ein Selbstschutz.

Mit der Ermittlerin, mit der Manz am Ende seiner Berliner Zeit zusammengearbeitet hat, hatte er eine kurze Affäre. Sie ist bald darauf gestorben, was er erst später erfahren hat. Was hat sie ihm bedeutet, was bedeutet ihm seine Frau Christine, mit der er seit beinahe 50 Jahren verheiratet ist, ihr Leben, ihre Karriere?

Dass der Fall, um den es hier geht, nicht rasch aufgeklärt werden konnte, lastet Manz seinen Nachfolgern an. Aber war er wirklich der exzellente Polizist, für den er sich hält? Im Verhandlungssaal zieht er ab einem gewissen Punkt des Verfahrens, dem er vollständig beiwohnt, immerhin in Erwägung, dass er es war, der die entscheidenden Fehler gemacht, das Wesentliche in dieser Mordsache übersehen hat.

Matthias Wittekindt: Vor Gericht. Ein alter Fall von Kriminaldirektor a. D. Manz, Kampa Verlag, Zürich 2021. 320 Seiten, 19,90 Euro.

Es gibt eine für die Erzählhaltung zentrale Parallelität in diesem Roman. Manz hält es bei der Vorbereitung auf den Prozess wie früher bei seinen Ermittlungen, er formuliert seine Gedanken in ganzen Sätzen aus: "Denn Schreiben geht langsamer als Denken, also hatten die Gedanken Zeit, sich zu entfalten." Sein Vorstellungsvermögen ist überdurchschnittlich gut, auch sein Blick für Details, er ist dabei dem Faktischen verpflichtet, mag das Spekulative nicht. Manz ist, auch im Privaten, immer in Habachtstellung, nimmt Zwischentöne wahr und hinterfragt mögliche Absichten.

Und so wie Manz es gewohnt ist, auf andere und auf seine Fälle zu blicken, wird er hier selbst ins Visier genommen. Eines Abends sagt Manz zu seiner Frau: "Ich glaube, manches ist genauer zurückgekommen, als ich es damals erlebt habe. Ich weiß dann gar nicht, ob das alles wirklich so war. Das Ganze kommt mir vor wie in manchen Träumen. Ich kann meine Realität nicht mehr sicher von der Wirklichkeit ... Du weiß, was ich meine."

Als Leser hat man es mit dem Selbstbild Manz' zu tun und mit dem Bild, das der Erzähler von ihm entwirft. Sie weichen nicht stark voneinander ab, aber ein paar spannende Unschärfen gibt es. Der Wunsch, dennoch klarzusehen in dieser auf den ersten Blick bodenständigen Biografie, überlagert schließlich mehr und mehr das Interesse an der Frage, wer nun eigentlich Regina Zeisig getötet hat.

© SZ/masc
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