Matthew Sweeneys letzte Gedichte:Das dunkle Zentrum

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Vielleicht war es Einbildung? Nachts suchen Eulen den Erzähler auf und hinterlassen Spuren.

(Foto: JOEL SAGET/AFP)

Gedichte aus dem letzten Lebensjahr: Matthew Sweeneys Abschiedsbuch "Der Schatten der Eule".

Von Nico Bleutge

In seinem Band "Der Wanderfalke", einem der Grundbücher des Nature Writing, sichtet John Alec Baker nicht nur die titelgebenden Falken, sondern auch Tauben, Schnepfen und Eulen. Letztere sitzen meist irgendwo am Rand und beobachten die Szenerie. Manchmal tauchen sie aber auch wie aus dem Nichts auf und überraschen den Erzähler: "Eine Eule stieg aus dem Wiesenstreifen, flog dicht an mir vorbei. Ihr rundes, weißes Gesicht blickte langsam nach hinten, der große hängende Kopf wandte sich in Staunen."

Eine solche Eule huscht gleich zu Beginn von Matthew Sweeneys letztem Gedichtband über die Seiten. Nur dass es hier der Sprecher der Verse ist, der staunt. Staunt, weil er die Eule nie sieht, sondern immer nur hört, "ein schwaches Huhuhu". Und weil er glaubt, dass die Eule eine Botschaft für ihn hat, "ein paar Worte, in ihrer Nachtsprache", die ihm vermutlich aber nicht weiterhelfen würden, weil die Menschen diese Nachtsprache nicht verstehen.

Selbst Alltagswörtern verleiht Sweeney größte musikalische Kraft

Matthew Sweeneys "Der Schatten der Eule" ist ein Abschiedsbuch. Die gut 70 Gedichte schrieb der Dichter aus Donegal fast allesamt in dem knappen Jahr, das ihm blieb, nachdem im Herbst 2017 eine unheilbare Krankheit diagnostiziert worden war. Schon in dem Auswahlband "Hund und Mond" (2017) war der Tod einer der großen Anreger der Gedichte. Nun ist er das dunkle Zentrum, um das die titelgebende Eule kreist, in dessen Sog aber auch andere Flugwesen geraten: Krähen, Stare, Papageien, ein Albatros, und dazu Edgar-Allan-Poe'sche Raben und ein veritabler Engel.

Prolog und zugleich poetische Essenz ist der Zyklus "Die Eule". In zwölf gleich langen Gedichten entwirft Sweeney zahlreiche Gedanken-Tableaus, in denen ein Schwarm riesiger blauer Vögel genauso auftauchen kann wie ein Käfer in einer Streichholzschachtel oder ein T-Shirt mit Eulenmotiv. Der Motor dieser Gedichte sind Fragen. Eine Sprechform, die nicht nur etwas vermittelt von jener Mischung aus Neugier und Skepsis, die Sweeneys Schreiben auszeichnet, sondern auch von dem Gefühl von Unsicherheit, oder genauer: tiefgreifender Verunsicherung, das den wartenden Sprecher umtreibt: "Diesen Zweifel hatte / sicher die Eule gesät - ich hatte sie unvorsichtig / werden lassen, nun gewann sie an Selbstvertrauen, / an Halt. Und ich war wieder an dem Punkt, / wo alles ungewiss war, wo sie mich haben wollte."

Matthew Sweeneys letzte Gedichte: Matthew Sweeney: Der Schatten der Eule. Gedichte. Aus dem Englischen von Jan Wagner. Hanser Berlin, Berlin 2021. 200 Seiten, 24 Euro.

Matthew Sweeney: Der Schatten der Eule. Gedichte. Aus dem Englischen von Jan Wagner. Hanser Berlin, Berlin 2021. 200 Seiten, 24 Euro.

Die Eule ruft in die Nacht oder hinterlässt ein paar Federn als Zeichen. Dann entzieht sie sich wieder. Der Sprecher folgt ihren Spuren, ohne genau zu wissen, was seiner Imagination zu verdanken ist und was der tatsächlichen Gegenwart einer Eule. In einer solchen Mischung aus Andeutungen und Leerstellen hat Sweeney auch die nachfolgenden Gedichte angelegt. Nach und nach entwirft er ein atmosphärisches Netz der Bedrohung, in dem der Sprecher meint, von Gangs oder einzelnen Menschen verfolgt zu werden, die nach ihm suchen, um ihn wahlweise zu kreuzigen oder an den Galgen zu bringen.

Sweeney gelingt es in diesen Versen, Motive aus dem Eulenzyklus aufzunehmen, sie mit neuen Motiven anzureichern und alles in ein Gefüge aus Variationen zu verwandeln. Dazu gehören eine Zielscheibe, diverse Schachpartien oder ein Segelflugzeug, das mal durch einen Traum gleitet, mal auf dem Nachbardach landet. Immer wieder driften die Szenen auch ins Surreale ab. Eben noch öffnet sich in einem Gedicht die Aufzugtür, schon zeigt sich, dass die Kabine keine gewöhnliche ist, vielmehr einer bettartigen Schublade gleicht, mit Decke, Kissen, Laken - und ein paar blauen Lampen an der Seite, die unaufhörlich blinken.

So ernst das mitunter klingen mag, so lustvoll hat Sweeney seine Verse doch ein ums andere Mal mit ironischen Volten durchzogen. Dabei findet er die schönsten Ideen in der Alltagssprache, in Redewendungen oder Kochrezepten etwa. Und er schafft es, selbst diesen scheinbar gewöhnlichen Wörtern die größte musikalische Kraft zu verleihen. Wie er aus den Buchstaben eines "glass of Malbec" fast lautpoetisch die Formulierung "a CD of Baltic jazz" hervorzaubert, ist eine Kunst für sich.

Für die Übersetzung ist es keine leichte Aufgabe, die oft langen Sätze, die rhythmischen Wechsel, Bilder und Klangfiguren nachzubilden. Jan Wagner hat hier immer wieder schöne Lösungen gefunden. Vor allem für die versteckten Reime und Assonanzen. Selbst aus einer klangstarken Fügung wie "We are thrown together, all of us, by winds / that come here from far-off worlds" macht er ein noch musikalischeres "Wir werden allesamt zueinander gefegt von Winden, / die aus weit entfernten Welten kommen".

Matthew Sweeneys Gedichte werden fehlen. Am Ende seines Bandes schreibt er Hommagen an sein Krankenbett, an den Schleim oder an den Bauarbeiter vor dem Fenster. Es sind Verse voller Melancholie, in denen sich gleichwohl so wundersame Ideen wie ein Maus-Sandwich oder ein Küchenchef namens "Señor Morphium" finden. So wie den Sprecher einmal der Meeresblick durch ein kleines Fenster daran erinnert, dass er im Süden ist, erinnert ein Blick auf Sweeneys leuchtende Verse an die Kraft der Poesie.

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