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Kino:Bleib locker, Mann!

Wenn's mit dem Gedichtband nichts wird, bleiben immer noch das Erbe und die Villa: Matthew McConaughey als weiß-priviligierter "Beach Bum".

(Foto: Verleih)
  • Regisseur Harmony Korines hat das Drehbuch zu "Kids" geschrieben und "Spring Breakers" gedreht, beides vielgelobte Filme der amerikanischen Gegenkultur.
  • Sein neuer Film "Beach Bum" gibt sich aber viel zu sehr Mühe, unbedingt ein Kultfilm sein zu wollen.
  • Es geht um einen ultraentspannten Typen, einen betrunkenen Poeten und Totalverweigerer - der aber in einer Villa lebt.

Der Film beginnt mit der nachtbunten Promenade der Florida Keys. Moondog, gespielt von Matthew McConaughey, stromert umher, in seinen Ohrläppchen stecken goldene Banänchen, in der Hand das Dosenbier einer Billigmarke. Ein bonbonbunter Hallodri, der schwafelt statt zu sprechen, der stolpert statt zu gehen, der sich einfach treiben lässt, Mann! Und nicht arbeiten geht, denn arbeiten ist etwas für Spießer und Arme.

Nach ein wenig ziellosem Herumgetorkele findet Moondog zurück in seine Wohnung, setzt sich an die Schreibmaschine und haut Verse in die Tasten. Oha, ein Freigeist! Wir ahnen: Seine Zügellosigkeit ist nicht einfach Zeitvertreib eines Anstandslosen, sondern Ausdruck eines gegenkulturellen Lebensentwurfs, einer bewussten Opposition zu neoliberalen Imperativen von Selbstoptimierung und -vermarktung. Moondog macht das Spiel der Spießer nicht mit, Mann.

Als wäre ständiger Exzess ein Zeichen für Persönlichkeit und die Behauptung von Spaß schon der Spaß selbst, lässt Regisseur Harmony Korine seinen "Beach Bum" neunzig Minuten weiter durch Key West taumeln. Wird hier einer ziemlich langweiligen Männerfantasie, die von ziemlich langweiligen Männern, die sich selbst für ziemlich aufregend hielten, schon unzählige Male gefeiert wurde, etwa ein weiteres Denkmal gesetzt?

Die episodische Handlung plätschert dahin und lässt Moondog in einer Nummernrevue seine Grundgelassenheit demonstrieren. Ungefähr in der Mitte des Films beginnt völlig überraschend so etwas wie ein Plot - Moondog muss sich zusammenreißen und seinen lange geplanten Gedichtband fertig schreiben, sonst verliert er sein Vermögen -, der allerdings zugunsten weiterer Ausschweifungen schnell vernachlässigt wird. "Beach Bum" will ein Stimmungsstück sein, und die farbenfroh fließenden Bilder des großen Kameramanns Benoît Debie lassen Korines Zerstreutheit bisweilen vergessen.

Als hätte man einem Algorithmus die Handlungsanweisung gegeben, einen Kultfilm zu generieren

Dazu gibt es ein Ensemble an schrulligen Nebenfiguren, deren Besetzung erst einmal reizvoll klingt: Snoop Dogg als Nebenbuhler, Zac Efron als Mitpatient in der Entzugsklinik, Martin Lawrence als fatal unfähiger Freizeitkapitän. Nur weiß Korine mit diesen lustigen Figurenskizzen wenig anzufangen. Als hätte man einem Algorithmus die Handlungsanweisung gegeben, einen Kultfilm zu generieren, stehen die skurrilen Gestalten nebeneinander, ohne in schwingende Interaktion gebracht zu werden, als wäre mit ihrer bloßen Anwesenheit die Pointe bereits gesetzt.

Irritierend ist zudem, dass Moondogs expansive Lässigkeit als unbedingt inspirierend dargestellt wird. Dessen Maxime, wonach man sich einfach mal locker machen solle, das ganze Leben sei ein absurdes Spektakel, das man am besten zurückgelehnt und berauscht betrachtet, macht sich der Film zu eigen. Jedoch stellt sich irgendwann heraus, dass dieser Strandpenner ziemlich privilegiert ist: das Pennertum lässt sich leichter genießen, wenn auf der anderen Seite der Bucht eine Villa steht, in die man jederzeit zurückkehren kann. Und das ist bei Moondog der Fall.

Der Regisseur Harmony Korine sorgte erstmalig mit dem Drehbuch zu dem kontroversen Coming-of-Age-Film "Kids" (1995) für Aufsehen. Danach galt er selbst einem Altrebellen wie Werner Herzog als genuine Stimme einer amerikanischen Gegenkultur, die sich um keine Regeln schert, und mit der abgründigen Strandparty "Spring Breakers" (2012) gelang ihm ein veritabler Mainstream-Erfolg.

Nur, was hat Korine wohl dazu bewegt, aus seinem unerträglichen Protagonisten auch noch einen steinreichen unerträglichen Protagonisten zu machen? In jedem Fall bereitet es wenig Freude, den Rücksichtslosigkeiten eines Mannes beizuwohnen, der sich dann auch noch als Superreicher entpuppt.

Ist "Beach Bum" womöglich ein ironischer Kommentar zur gesellschaftlichen Bereitschaft, mittelmäßige Männer zu Galionsfiguren zu stilisieren? Ist Moondog eine Dekonstruktion überholter Männlichkeitsentwürfe? Geht es hier womöglich sogar um Trump, einen anderen radikal selbstbezogenen Wahl-Floridianer, der sich als Mann des Volkes geriert? Nee, Mann. "Beach Bum" ist die mäandernde Erzählung eines Typen, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, entspannt zu sein. Nur für den Rest der Welt entpuppt sich seine Unangestrengtheit am Ende als ziemlich anstrengend.

Beach Bum, USA 2019 - Regie und Buch: Harmony Korine. Kamera: Benoît Debie. Mit: Matthew McConaughey, Snoop Dogg, Zac Efron, Isla Fisher. Verleih: Constantin, 95 Minuten.

© SZ vom 29.03.2019/phbo

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