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"Roxette"-Sängerin Marie Fredriksson:Die Amazone mit der heiligen Stimme

Marie Fredrikssons Stimme war die Stimme für die Stunden nach 0 Uhr - für die Zeit, in der das Gefühl über den Kopf siegen darf. Ein Abschied vom "Joyride".

"Joyride" heißt der Hit, der 1991 dem dritten Roxette-Album seinen Titel gab. Ein Titel, der Programm war: Roxette waren der Soundtrack zu guten Zeiten (und, vereinzelt, sehr direkt formuliertem Herzschmerz). Das mag als ästhetische Kategorie nicht jeden überzeugt haben. Vordergründig. Tatsächlich waren die Schweden Lebensgefühlbegleiter einer ganzen Generation. Mindestens. Roxette lieferten die Songs für die Zeit nach Mitternacht - für die Stunden also, in denen der Kopf hinter dem Gefühl zurückstecken durfte. Und mittendrin, im Zentrum des Gefühls, war sie: Gun-Marie Fredriksson (ihren Vornamen verkürzte sie später), geboren am 30. Mai 1958 in Östra-Ljungby, in der schwedischen Provinz.

In den Anfangsjahren von Roxette trug sie einen Irokesenschnitt in Peroxidblond, dazu meist Kleidung, die ihr androgynes Äußeres betonte. Die frühe Marie Fredriksson hätte sich auch wunderbar als Bad Girl in den Bond-Filmen der 80er gemacht. Ihre Stimme konnte Melodien unnachahmlich hauchen. Aber sie konnte Songs auch hart voranpeitschen wie Synthesizer - und zwar ohne dabei je metallisch zu klingen. Eher, als singe da gerade jemand nach durchfeierter Nacht noch die Rausschmeißer aus vollem Halse und Herzen mit - allerdings jemand, der tatsächlich singen kann.

75 Millionen verkaufte Tonträger - weltweit

Ach was, singen. Singen können viele. Fredriksson hatte das, was man einen Signature-Sound nennen könnte: ein paar Töne, und jeder weiß, dass es sich nur um sie handeln kann. Wie klein wirkt dagegen das Label "Gute-Laune-Pop", mit dem Kritiker der Band Gefälligkeit vorwarfen. "Schwedenhappen" stand über diversen Texten. Der "Schwedenhappen", 1986 gegründet, hat bis heute mehr als 75 Millionen Tonträger verkauft - weltweit.

Zum Tod von Marie Fredriksson

"Danke Marie, danke für alles!"

Frederikssons Bandkollege Per Gessle, verantwortlich für die meisten Songs, sagte einmal: "Wir haben das Rad nicht erfunden. Ich sage immer, Roxette ist das Resultat unserer Plattensammlungen." 1991 gewann Roxette mit diesem Resultat einen Grammy - für einen für die Band eher untypischen Song: "It Must Have Been Love". Er stammte aus dem Soundtrack zu "Pretty Woman" - und war, bei allem Kitsch, eine bombastische Liebeskummerhymne:

It must have been love but it's over now

It must have been good but I lost it somehow.

Vielmehr gibt es oft ja auch wirklich nicht zu sagen.

Allein vier Nummer-eins-Hits hatte die Band in den USA. Ein Erfolg, den Fredriksson und Gessle nicht zuletzt einem Fan verdankten: Der amerikanische Student Dean Cushman machte Ende der 80er Urlaub in Schweden und entdeckte Roxette für sich. Zurück in der Heimat spielte er das Album "Look Sharp" einem Radiosender zu. Der Rest ist Erfolgsgeschichte. Sogar auf der Hochzeit der schwedischen Kronprinzessin Victoria 2010 trat das Duo noch auf.

Die Liebe hielt auch, als die Stimme brüchiger wurde

Aber, und das ist bei Konzertticketpreisen von zuletzt um die 200 Euro, nicht selbstverständlich: Die Liebe der Fans hielt auch dann noch, als Roxette nicht mehr Roxette waren. Als Fredrikssons Markenzeichen, ihre Stimme, immer brüchiger wurde, als sie nur noch auf einem Barhocker auf der Bühne sitzen konnte. Als die Gute-Laune-Lieder nicht mehr von übersprudelnder Lebensfreude, sondern von Wehmut getragen wurden. 2002 war bei Fredriksson ein Hirntumor entdeckt worden - da hatte die Band nach ruhigeren Jahren gerade mit dem Album "Room Service" ein Comeback gefeiert. Ein Comeback, mit dem es abrupt vorbei war.

Fredriksson musste sich langwierigen Behandlungen unterziehen, kämpfte jahrelang gegen den Krebs. Ihr Körper erholte sich nie wieder richtig von dieser medizinischen Tortur. Im Frühjahr 2016 mussten Roxette ihren Abschied verkünden. Auf die Frage, ob sie Angst vor der Zukunft habe, sagte sie in einem ihrer seltenen Interviews: "Angst vor dem Alter werde ich niemals haben, ich hatte wahrlich schon größere Sorgen."

Jetzt ist Marie Fredriksson mit 61 Jahren gestorben. Wie sie in Erinnerung bleiben wird? Am liebsten so, wie sich wohl auch ihr langjähriger Bandkollege Per Gessle an sie erinnern wird: Er nannte sie "die Amazone mit der heiligen Stimme" und "die großartigste Interpretin meiner bescheidenen Musik".

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