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Magazin: Landlust:Ein kantenfreies Wohlfühlmagazin

Das Einfache finden sie, auf fast allen Seiten. Freundliche Paarhufer ziehen zwei Seiten lang eine Kutsche über die Nordseeinsel Juist - sonst will rein gar nichts passieren. Die Geschichten von Landlust bestechen durch ihre radikale Sensationsarmut, nicht einmal in Überschriften oder Vorspännen wird behauptet, dass eine spannende Neuigkeit folgt. Das Lesestück über die Wartung des Rasenmähers im Winter heißt: "Die Wartung im Winter". Da stehen Sätze von einer so unumstößlichen Wahrheit, dass sie, je öfter man sie liest, poetisch klingen: "Wunderschöne Entdeckungen kann man zu dieser Jahreszeit beim Betrachten verschiedener Rinden machen".

Weil Landlust alle zwei Monate erscheint, mit 3,80 Euro nicht einmal teuer ist, und weil kaum Gefahr besteht, dass einer der besinnlichen Waldspaziergänge über Nacht an Aktualität verliert, kann man als Leser alles in Ruhe auf sich wirken lassen. Schön geruhsam ist es auf dem Lande. Kritisches, Anstößliches sucht man auf 200 Seiten vergebens. Themen wie Klimawandel oder die Not der Milchbauern passen nicht ins gedruckte Paradies eines idyllischen Seins. Diskussionen? Eher nicht. Nur Leserin Hedi aus Sulzberg klagt, sie sei nahezu "erschauert" bei der Empfehlung, Käsespatzen im Ofen zu überbacken. Heilig's Blechle.

Lohas, Hobbygärtner, Frauen

Landlust ist ein ausschließliches Wohlfühlprodukt für den naturbewussten Städter. Dickes, glänzendes Papier, schön fotografierte Bilderstrecken von Blättern, Blumen und treuen Tieren. Von den Knöpfen aus Geweih, die der Sigi so schön schnitzt, und den mittelalterlichen Öfen, die der Stefan so schön baut. Dazwischen stehen viele Weißräume und geschwungene Überschriften.

Gegen die These vom überspannten City Slicker, der sich biedermeierlich auf eine simple Existenzform zurückwünscht, spricht aber eine Menge. Laut Marktforschung leben nur 15 Prozent der Landlust-Leser in Orten mit mehr als 100.000 Einwohnern. Wer Landlust kauft, hat zu 83 Prozent einen Garten - und dass Gartenbesitzer gerne Zeitschriften kaufen, in denen über schöne Pflanzen geschrieben wird, ist nicht neu: Seit 1972 erscheint bei Burda Mein schöner Garten und verkauft derzeit etwas mehr als 400 000 Kopien.

Kann sein, dass es Landlust einfach geschafft hat, die seit vielen Jahren erfolgreichen Zutaten einer Frauenzeitschrift (72 Prozent der Leser sind weiblich) zu einer neuen, kräftigen Landsuppe zu verrühren: Tipps für Kochtopf, Backofen und Deko. Statt aufwühlender Ausführungen zu Liebe und Sex werden der "ehrwürdige Efeu" und der "majestätische Uhu" gefeiert.

Lohas, Hobbygärtner, Frauen - wahrscheinlich ist das der Trick, ein kantenfreies Wohlfühlmagazin, in dem sie sich alle ein bisschen wiederfinden.

Ob auch Burda sein Landglück versucht? Angesichts der Geschäftslage beim Münchner Verlagshaus mit dem wirtschaftlich sehr unter Druck stehenden Nachrichtenmagazin Focus ist jeder segensreiche Ausritt in die Natur vorstellbar, selbst auf Kaltblütern.