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Männer mit Macht:Einer für alle

R.E.D. - Älter, Härter, Besser

Mit ihr nicht: Warren Ellis schrieb die Vorlage für den Film "R.E.D." mit Helen Mirren.

(Foto: Concorde)

Der Comic-Autor Warren Ellis unterhielt Beziehungen zu Dutzenden Frauen gleichzeitig. Viele wussten nichts voneinander. Na und?

Von Susan Vahabzadeh

Es gibt unterschiedliche Arten von Ruhm, und Warren Ellis beispielsweise war bis vor etwa vier Wochen eine feste Größe unter Comic-Fans, ansonsten aber wäre er nicht unbedingt als Promi durchgegangen. Ellis gilt als einflussreicher Comic-Autor, hat beispielsweise für DC "Hellblazer" geschrieben, von ihm ist die Vorlage zu den "R.E.D."-Filmen über alternde Agenten. Außerdem war er ein Pionier der Internet-Kommunikation, denn schon seit Ende der Neunzigerjahre unterhielt er ein Forum, auf dem er sich mit Fans austauschte.

Vor vier Wochen nun taten sich im Internet erst ein paar, dann fünfzig, laut Guardian inzwischen etwa hundert Frauen zusammen, die sich darüber austauschen, wer wann mit Ellis liiert war - Ellis jonglierte gern mit einem Dutzend Frauen, die teils voneinander wussten, teilweise aber auch nicht. Steht alles auf der Website, die die Frauen eingerichtet haben.

Jetzt ist der Fall schon deswegen kompliziert, weil einige dieser Frauen tatsächlich nur online Kontakt mit ihm hatten und man darüber streiten kann, ob sich diese Kontakte dann tatsächlich als "Beziehung" qualifiziert haben. In der langen Recherche, die im Guardian erschienen ist, geht es allerdings eher um Frauen, von denen manche jahrelang glaubten, seine Freundin zu sein, ihn teilweise im selben Hotelzimmer trafen, nichts ahnend, dass dieses Hotelzimmer sozusagen eine Drehtür hatte, zu der die eine hinausging, während die andere eintrat.

Für einen professionellen Geschichtenerzähler war Ellis nicht immer sehr originell: Er verschickte gleichlautende Textnachrichten an unterschiedliche Frauen, und verwendete, so scheint es, nur einen begrenzten Schatz an Adjektiven. Ellis hat sich inzwischen entschuldigt, dass er so viele Menschen verletzt habe.

Es geht in dieser Geschichte, die nun in Foren diskutiert wird, nicht um Machtmissbrauch - oft haben die Frauen selbst den Kontakt zu Ellis gesucht, manche arbeiten im Comic-Umfeld. Juristisch ist nichts davon von Belang. Ist es also nur ein an die Öffentlichkeit gezerrtes Privatleben? Sie wollten, so die Frauen, eine Debatte anstoßen über die Verhaltensmuster von Männern in einflussreichen Positionen. Die findet statt. Feministisch betrachtet liegt im Comic-Universum tatsächlich einiges im Argen - allerdings wäre es, feministisch betrachtet, auch nicht wünschenswert, wenn Frauen am Ende nicht mehr für ihr eigenes Handeln verantwortlich wären.

© SZ vom 15.07.2020

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