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Lyrik:Stimmen der Stille

Paul Celan liest

Von Jens Bisky

Paul Celan: Todesfuge. Gedichte und Prosa 1952-1968. Der Hörverlag, München 2020. 2 CDs, ca. 120 Minuten, 18 Euro.

Es ist eine der berühmten, immer wieder neu erzählten Szenen der deutschen Literaturgeschichte: Im Mai 1952 liest Paul Celan auf der Tagung der Gruppe 47 in Niendorf an der Ostsee. Sein Vortrag befremdet, verstört das Selbstverständnis der Nachkriegsliteraten. An Gisele Lestrange schreibt Celan: "Um neun Uhr abends war die Reihe an mir. Ich habe laut gelesen, ich hatte den Eindruck über diese Köpfe hinaus - die selten wohlmeinend waren - einen Raum zu erreichen, in dem die ,Stimmen der Stille' noch vernommen wurden". Die Wirkung sei eindeutig gewesen. "Aber Hans Werner Richter, der Chef der Gruppe, Initiator eines Realismus, der nicht einmal erste Wahl ist, lehnte sich auf. Diese Stimme, im vorliegenden Falle die meine, die nicht wie die der anderen durch die Wörter hindurchglitt, sondern oft in einer Meditation bei ihnen verweilte, an der ich gar nicht anders konnte, als voll und von ganzem Herzen daran teilzunehmen - diese Stimme mußte angefochten werden, damit die Ohren der Zeitungsleser keine Erinnerung an sie behielten". Dass er wie Goebbels, in dessen Tonfall lese, soll Hans Werner Richter gesagt haben. Vier Tage später las Paul Celan auf Einladung des NWDR in einem Hamburger Studio dreizehn Gedichte. Diese Aufnahme hat der Hörverlag zum 100. Geburtstag Celans zum ersten Mal vollständig veröffentlicht, neben vielen weiteren aus den Jahren 1952 bis 1968.

Celan war, wie der Medienforscher Hans-Ulrich Wagner im klug informierenden Begleittext schreibt, "ein gern gesehener Gast in den Rundfunkhäusern", ein Dichter der das Medium bewusst nutzte. Manche seiner Gedichte kann man hier in verschiedenen Aufnahmen hören. Zwei Minuten und 29 Sekunden dauerte 1952 die Rezitation von "Wasser und Feuer", im Jahr 1963 sprach Celan rascher, nicht so überdeutlich, minderte die Sprechgeschwindigkeit erst gegen Ende des Gedichts, die Aufnahme dauert nur eine Minute und 43 Sekunden. Man hat, obwohl die Wörter dieselben sind, den Eindruck, ein anderes Werk kennenzulernen. Der Dichter habe nicht Vorgegebenes zu Gehör gebracht, erinnerte der Germanist Gerhard Baumann, sondern sein Gedicht wieder geschaffen, "indem er las".

© SZ vom 13.10.2020
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