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Longlist Deutscher Buchpreis:Die Bibel und das Gewehr

Projektionsfläche für hemmungslosen Exotismus: In Katerina Poladjans Roman "Hier sind Löwen" reist eine gefühlstarke Buchrestauratorin nach Armenien.

Dieses Buch, das es auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2019 geschafft hat, beginnt so: "Ich schalte das Deckenlicht ein. Auf mehreren Tischen liegen Papierstapel und Pergamentrollen ausgebreitet. Ich rieche Erde, Ei und Pilz, Holzstaub und altes Tier." Noch ist nichts geschehen, noch weiß keiner, worum es gehen wird, da ist schon eine Erwartung geschaffen. In der Folge wird man es nicht nur mit einem empfindsamen, sondern auch mit einem schreibwütigen Menschen zu tun haben. Da beobachtet jemand sich selbst, mit dem Vorsatz, nicht nur wahrzunehmen, sondern sich bei der Wahrnehmung auch zu beobachten, nicht nur zu empfinden, sondern diese Empfindungen auch festzuhalten, in schriftlicher Form.

Ein verbreitetes Missverständnis besagt, aus der Verbindung von Empfindsamkeit, Selbstbeobachtung und Schriftlichkeit gehe Literatur hervor. Das ist zwar ein Irrtum, aber so lässt es sich weiterschreiben, über viele Seiten hinweg, bis sich, weil alles ein Ende haben und das Ende rund sein muss, der Anfang wiederholt: "Ich schaltete das Deckenlicht ein und setzte mich an meinen Arbeitsplatz. Ich roch Erde, Ei und Pilz." Weil aber eine Rezension kein Roman ist, sei festgehalten, dass solche Anfänge und Schlüsse in literarischer Hinsicht nichts Gutes verheißen.

Das Buch "Hier sind Löwen", in dem gleich zu Beginn das Deckenlicht eingeschaltet wird, im Präsens, und das mit dem Einschalten des Deckenlichts endet, im Präteritum, ist der dritte Roman der Berliner Schauspielerin und Schriftstellerin Katerina Poladjan. Sein Titel ist eine Referenz, nicht nur auf römische und mittelalterliche Karten, in denen die unbekannten Teile der Welt mit diesem Satz bezeichnet wurden, sondern auch auf Umberto Ecos Roman "Der Name der Rose" aus dem Jahr 1980. Als William von Baskerville, der Held dieses Buches, endlich den geheimen Teil der Klosterbücherei erreicht, wird er vom Bibliothekar darauf hingewiesen, sich jetzt in einer Art Jenseits zu befinden: "Hic sunt leones." Von einer solchen Gegend handelt dieses Buch, wobei das Jenseits, in das Katerina Poladjan ihre Heldin, eine Ich-Erzählerin namens Helene reisen lässt, nicht nur geografisch, sondern auch spirituell und psychologisch bestimmt ist.

Katerina Poladjan.

(Foto: Andreas Labes)

Denn die Berliner Buchrestauratorin soll, ausgestattet mit einem deutschen Stipendium, in Armenien besondere Techniken der Erhaltung und Wiederherstellung historischer Werke erlernen. Wie es sich für einen empfindsamen Roman empfiehlt, ist dieses Armenien zugleich die Heimat der Ahnen, so dass die Löwen nicht nur eine ferne Gegend, sondern auch die Tiefen des eigenen Ichs bewohnen.

"Alle Armenier sind traurig. Immer." Und es ist niemand da, der widerspricht

Es gibt Berufe, die sich für empfindsame Romane besonders zu eignen scheinen: Floristinnen gehen eine solchen Arbeit nach, weil man es dabei vermeintlich nur mit Gebilden von zarter, überaus vergänglicher Schönheit zu tun hat. Geigenbauerinnen gehen einer solchen Arbeit nach, weil sie mit kleinsten Werkzeugen an kostbaren Tönen feilen. Kein Beruf allerdings verfügt über ein so großes Potential zur Empfindsamkeit wie die Buchrestauratorin, zumal wenn sie an einer alten Familienbibel arbeitet: Wie viele Wunden, wieviel Geschichte werden da repariert, wieviel an imaginärer Wiedergutmachung erfährt die Vergangenheit, wenn die Spuren von Vernachlässigung und Gewalt getilgt werden, und um wieviel bedeutsamer noch wird diese Tätigkeit, wenn sie in Armenien und an einer armenischen Bibel ausgeübt wird, im Innersten einer frühen, aber märchenhaft entlegenen christlichen Kultur, die vom Glauben an die Heilige Schrift zusammengehalten wird, über Jahrhunderte von Unterdrückung und Verfolgung hinweg. Ein Glück scheint es angesichts von so viel Schicksal zu sein, wenn Helene, die Restauratorin, zwar Russisch und Türkisch spricht, aber kein Armenisch: So kann sie angeblich das Heilige an dieser Schrift gleichsam unverstellt, als reine Spiritualität, erfahren.

Wenn die Glut des frommen Empfindens dennoch nicht auf den Leser überspringen will, liegt das nicht daran, dass sich Spiritualität nicht in Worte fassen ließe. Es liegt daran, dass Katerina Poladjan über zu viele Wörter verfügt und vor allem: über die falschen. "Ich betrachtete Vater und Tochter wie ein Gemälde", "ich schaute aus dem Fenster und zählte die übriggebliebenen Blätter an den kahlen Ästen", "ich musste an eine Bluse mit Puffärmeln denken, die ich als Kind besessen und nie gemocht hatte". Es gibt viele solcher Sätze in diesem Buch, und sie alle erzählen davon, wie sich ein empfindsamer Mensch vor alle Gegenstände und Ereignisse schiebt, von denen es etwas zu erzählen gäbe. So entsteht ein Totalitarismus des Gefühls, an dem sich alles bricht, das Politische, das Historische und das Religiöse.

In diesem Buch stehen Sätze wie: "Alle Armenier sind traurig. Immer." Und keiner widerspricht. Es gibt Dialoge wie diesen: ",Was gibt es Schöneres und Wichtigeres als Bücher?' - ,Ein blankgeputztes Gewehr.'" Gewiss, so etwas kann in einem Roman stehen, als harter Stoff, als ein Satz, an dem sich andere Sätze stoßen und der zu einem Gedanken führt. In diesem Buch aber dienen solche Sätze als leere Pathosformeln, die von einem unablässig vor sich hin blubbernden Gefühlsgenerator ausgestoßen werden.

Dieser Roman verwandelt das Land im Kaukasus in einen Ort der wahren Gefühle

Eingewoben in die Erzählung von der Rückkehr der Berliner Buchrestauratorin in das Land ihrer Ahnen ist eine Hänsel-und-Gretel-Geschichte, die sich während des Ersten Weltkriegs zuträgt, in der unmittelbaren Folge des von osmanischen Soldaten verübten Massenmords an den Armeniern. Ein Geschwisterpaar, ein Mädchen von vierzehn und ein Junge von sechs Jahren, überlebt das Massaker und zieht durch das Land, irgendwie dem Meer entgegen. Als einzige Erinnerung an die Familie wie an das heimatliche Dorf tragen die Kinder eine Bibel mit sich.

Katerina Poladjan: Hier sind Löwen. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2019. 288 Seiten, 22 Euro.

Katerina Poladjan hüllt den Zusammenhang in ein wenig poetischen Nebel, vielleicht, weil sie bemerkt, dass er, offen ausgesprochen, von in Schmalz gemeißelter Subtilität wäre. Aber verraten muss sie es doch: Selbstverständlich sind die Kinder mit eben der Bibel unterwegs, die Helene in Jerewan restauriert, und selbstverständlich muss Helene die Geschichte dieser Kinder rekonstruieren, so wie sie die eigene Familiengeschichte wiederherstellen muss. Selig müssen die Zeiten gewesen sein, als man noch wusste, was Kitsch ist.

Katerina Poladjans Roman "Hier sind Löwen" erinnert in mehrfacher Hinsicht an Fatih Akins missratenen Film "The Cut" aus dem Jahr 2014, in dem sie selbst eine Nebenrolle spielte. So völlig befreit von Geschichte und Politik der Regisseur in diesem Werk vom Schicksal der Armenier im frühen zwanzigsten Jahrhundert erzählte, so erbarmungslos verwandelt Katerina Poladjan dieses Land im Kaukasus, irgendwo zwischen Europa und Asien gelegen, in einen Ort der wahren Gefühle.

Und so unverwandt groß- und braunäugig der Held jenes Films durch die Landschaften des Schreckens zieht, ohne dass er dadurch auf irgendeine Weise verändert würde, so einfühlsam und letztlich charakterlos wandert Helene durch das winterliche Jerewan und richtet eine alte Bibel her, die ein Buch des wahren Lebens sein soll, aber eigentlich nur die Projektionsfläche eines hemmungslos humanen deutschen Exotismus ist, mit Erde, Ei und Pilz.

© SZ vom 30.08.2019

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