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Logo der deutschen EU-Ratspräsidentschaft:Zeichen der Unendlichkeit

Das Möbiusband erinnert ans Unendliche. Künstler fasziniert es schon immer. Jetzt wird es politisch.

Von Gerhard Matzig

Man kann es sich schwer machen. Dann ist das Möbiusband eine "kompakte topologische Mannigfaltigkeit". Simpler: Man nimmt einen Papierstreifen und formt daraus einen Kreis, wobei der Streifen um 180 Grad verdrillt wird. Jetzt Anfang und Ende zusammenfügen, so wird aus dem Kreis eine organisch anmutende Figur. Wie eine liegende "8", dem mathematischen Zeichen für die Unendlichkeit. Wenn man die obere Kante mit dem Finger entlangfährt, wird klar, dass die obere Kante auch die untere Kante ist. Zugleich sind Außenseite und Innenseite eins.

Das ist nicht nur mathematisch, sondern auch sinnlich faszinierend. Beschrieben wurde das Phänomen 1858 auch vom deutschen Mathematiker August Ferdinand Möbius: Räumlich wird eine "nicht-orientierbare Mannigfaltigkeit" definiert. Es gibt weder oben noch unten, weder drinnen noch draußen. Die Geometrie bleibt unorientiert: Nie fängt was an, nie hört was auf. Was boshaft logisch zu Angela Merkel und zur Bundesregierung führt, die trotzdem soeben die EU-Ratspräsidentschaft begonnen hat. Das Logo besteht aus dem Möbiusband und einer Chiffren-Kennung: "eu", 2020, "de".

(Foto: oh)

Das soll "Einigkeit und Verbundenheit" in Europa symbolisieren. Und könnte andeuten, dass wir mathematisch doch nicht auf der Brennsuppe dahergeschwommen sind als Nation der - siehe Pisa - bisweilen Unorientierten. Eigentlich ist das Möbiusband ein charmantes Signal. Doch Obacht! Im Inneren des Bandes deutet sich ein Schwarz-Rot-Gold an, das sich aber mit mathematischer Gewissheit a) ins Unendliche steigern und b) immer wieder nach außen wenden muss. Unsere empfindsamen Nachbarn im Süden könnte das Ewige daran irritieren.

Von M. C. Escher gibt es einen Holzschnitt aus dem Jahr 1963. Zu sehen ist ein Möbiusband, auf dem Ameisen herumklettern. Taschen hat dem Meister der unmöglichen Perspektive ein Buch gewidmet, dem wir das Bild "Möbiusband II" mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnehmen ("M. C. Escher. Graphik und Zeichnungen", 96 Seiten, zehn Euro). Das Ameisen-Möbius-Motiv ist für Escher allerdings ein Bild vollkommener Sinnlosigkeit. Ameisengleich ist man unterwegs bis in alle Ewigkeit - und kommt niemals irgendwo an. Muss man sich Verhandlungssitzungen in Brüssel unter deutscher Regie künftig so ähnlich vorstellen? Wir sind alle eins und nur gemeinsam das Ganze: Das ist an sich ja eine klug zurückhaltende Botschaft. Dass wir aber leider nie ans Ziel gelangen, ist kunsthistorisch betrachtet eine unerwünschte Nebenwirkung.

Feuilleton Seite 3 vom 2.7.2020

Das Möbius-Band von M. C. Escher - die Abbildung entnehmen wir mit freundlicher Genehmigung des Verlags dem Buch "M. C. Escher. Grafik und Zeichnungen", Taschen Verlag, 2020.

(Foto: Taschen Verlag)

Das Möbius-Band fasziniert Künstler seit jeher. Die Kurzgeschichten "Lost in the Funhouse" (Brüssel?) spielt zum Beispiel damit: "Once upon a time there was a story that began once upon a time ..." Im Videospiel "Mario Kart 8" ist die Rennstrecke ein Möbiusband, und das Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart wurde architektonisch einer Endlosschleife nachempfunden. Die DDR-Avantgarde-Band AG Geige widmete dem Möbiusband sogar einen Song. Die Band fühlte sich herrlicherweise dem real existierenden Dadaismus verpflichtet - aber auch das ist keine Botschaft an die Welt. Wenn doch: Das Möbiusband kennt zwar im Prinzip kein Ende, die deutsche EU-Ratspräsidentschaft endet aber in sechs Monaten. Also, ziemlich sicher.

© SZ vom 02.07.2020

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