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Literaturnobelpreis:Schuld war nur der Poststrukturalismus

Schwedische Akademie in Stockholm

Der Sitz der Schwedische Akademie im Herzen von Stockholm.

(Foto: dpa)

Der schwedische Literaturwissenschaftler Johan Lundberg versucht sich der Frage, warum die Schwedische Akademie so tief gefallen ist, wissenssoziologisch zu nähern.

Von Thomas Steinfeld

Als die Stockholmer Tageszeitung "Dagens Nyheter" im November 2017 die Berichte von achtzehn Frauen veröffentlichte, an denen sich Jean-Claude Arnault, der Ehemann der Lyrikerin Katarina Frostenson, eines Mitglieds der Schwedischen Akademie, im Laufe etlicher Jahre vergriffen haben soll, galt der Skandal scheinbar einer Randfigur jener Institution, die die berühmteste Auszeichnung für Literatur der Welt, den Literaturnobelpreis, vergibt. Sicherlich, Arnault hatte zusammen mit Katarina Frostenson seit fast zwanzig Jahren einen Kulturclub betrieben, der zur Probebühne, wenn nicht zum sozialen Zentrum der Akademie geworden war. Offenbar hatte er diese Position genutzt, um sich bei Debütantinnen, Praktikantinnen und anderweitig assoziierten Frauen sexuelle Vorteile zu verschaffen. Doch waren diese Skandale allenfalls der Anlass, nicht der Grund für das Auseinanderbrechen der Akademie. Die Akademie scheiterte an sich selbst. Daran, dass ein feudales Gremium, das eine Verbindung freier Dichter und Gelehrter hätte sein sollen, in eine Clique, in einen Freundschaftsverein zu gegenseitigem Vorteil verwandelt worden war.

Im vergangenen November erschien in Schweden eine Reportage der Journalistin Matilda Gustavsson, die zwei Jahre zuvor die Berichte der achtzehn Frauen veröffentlicht hatte. Ihr Buch "Klubben" ("Der Club") stellt, mit den Mitteln der detektivischen Recherche, die Geschichte der Bündnisse, Verbindlichkeiten und Übergriffe dar, die um ein Haar zum Ende der mächtigsten Institution der literarischen Welt geführt hätte. In diesen Tagen ist nun ein Komplement zu Gustavssons Recherche erschienen: Der Literaturwissenschaftler Johan Lundberg erzählt dieselbe Geschichte als einen Fall für die Wissenssoziologie. Im Mittelpunkt des Werkes "När Postmodernismen kom till Sverige" ("Als die Postmoderne nach Schweden kam", Timbro 2020) steht eine von dem Kritiker Horace Engdahl angeführte Clique junger Intellektueller, die, beginnend in den Achtzigern, dafür sorgte, dass die Werke französischer Theoretiker wie Roland Barthes, Jacques Derrida und Michel Foucault in Schweden wahrgenommen wurden. Die Bahn dieser Clique zog sich von einer Zeitschrift namens "Kris" ("Krise", gemeint ist eine angebliche Krise des abstrakten Denkens) über die Feuilletons großer Tageszeitungen in den "Club" und von dort aus in die Akademie: Die meisten Frauen und Männer, die zwischen den Jahren 1999 und 2017 in die Akademie und deren nähere Umgebung fanden, hatten diesen Weg genommen, gelegentliche Mitarbeiter und Gesinnungsgenossen eingeschlossen. Für etliche von ihnen führte er darüber hinaus zu einer Professur.

Das Werk Jacques Derridas galt einst, einer in akademischen Kreisen beliebten Vereinfachung zur Folge, als Widerstand gegen den "Logozentrismus" und seine "binären Oppositionen". Das Werk Michel Foucaults galt einst, einer in akademischen Kreisen beliebten Vereinfachung zur Folge, als die Lehre vom frei flottierenden "Diskurs", aus dem alles Denken und Wissen bestehe, in Abkehr von allen "Wahrheiten". Und der Poststrukturalismus verehrte einst, in einer romantischen Verklärung, das Fragment, den Essay, das Un-, Nicht- oder Überbegriffliche als höchsten Ausdruck einer ästhetischen Weltanschauung. In den meisten Ländern der westlichen Welt wurde aus solchen Abenteuern nach ein paar Jahren eine akademische Normalität, die sich in einen geisteswissenschaftlichen Pluralismus fügte: Jacques Derrida verwandelte sich in einen Philologen, der die ihm vorliegenden Texte, indem er sie beim Wort nahm, in anderen als den bekannten Stimmen sprechen zu lassen vermochte. Aus Michel Foucault wurde ein Historiker, der zeigen konnte, dass Verhältnisse, die als Naturform einer Gesellschaft erscheinen, durch und durch von Menschen gemacht sind. Und der Poststrukturalismus wurde zum Gegenstand akademischer Geschichtsschreibung, zuletzt vor allem in Gestalt von Biografien.

Folgt man nun Johan Lundbergs Geschichte des Poststrukturalismus in Schweden, gewinnt man den Eindruck, das Land sei zu klein, um Verschiebungen der Interessen in den Geistes- oder Kulturwissenschaften anders als in einem strikten Nacheinander der Lehren, dann aber jeweils total wahrzunehmen: Zuerst gab es das "Close Reading" und den Positivismus, also die angelsächsische Schule der Fünfziger und Sechziger, dann kam, nach einem Umweg über den Marxismus, der Poststrukturalismus oder die Postmoderne (die Bezeichnungen werden bei Lundberg synonym verwendet), schließlich folgten, als vermeintlich praktische Konsequenz aus dem Poststrukturalismus, die "gender studies", die "Queer-Theorien", die "animal studies", die antikolonialistischen Lehren, kurz: alles, was sich im weitesten Sinne mit Diskriminierung beschäftigt.

Lundberg will zeigen, wie die französische Theorie durch die Institutionen marschierte

Die von Horace Engdahl und seiner Clique herbeigeführte Wendung zum Poststrukturalismus erscheint in dieser Darstellung als "Marsch durch die Institutionen". Dessen durchschlagender Erfolg verdankt sich dem Weg über die Akademie, deren Reichtum und globale Bedeutung sich im eigenen Land als überlegene Macht in der intellektuellen Konkurrenz niederschlug. Der Marsch endete, Johan Lundberg zufolge, im Augenblick des Triumphs: als alle entscheidenden Positionen besetzt waren, die Sieger nur noch sich und ihresgleichen begegneten und der angeheiratete Impresario Arnault ihnen als das Zerrbild der eigenen Unredlichkeit entgegentrat.

An dieser Geschichte ist insofern viel Wahres, als der Poststrukturalismus ein besonderes Verhältnis zur Autorität unterhielt, zu den großen Werken der Geistesgeschichte und zum Kanon. Der Gedanke, dass literarische Texte nicht auf genialische Schöpfungsakte zurückzuführen sind, sondern aus einer unendlichen Genealogie von Texten hervorgehen, dass in diesen Texten Dinge geschrieben stehen, die noch nie gelesen worden waren - solche Ideen ließen sich am eindrucksvollsten an den berühmtesten Werken der literarischen Überlieferung demonstrieren. Indem der Poststrukturalist die Texte beim Wort nahm, im übertragenen wie im wörtlichen Sinn, wurde er zum Sachwalter des Textes gegen den Autor - und damit zu einer eben nicht nur philologischen, sondern auch literarischen Autorität.

Horace Engdahl, zwischen 1999 und 2009 Ständiger Sekretär der Akademie, vollzog diese Entwicklung in idealer Weise an sich selbst: in seinen Übergängen vom Literaturkritiker zum Philologen einer verloren geglaubten schwedischen Romantik, vom Propagandisten der Unerschließbarkeit literarischer Texte zum Verfasser von Aphorismen - und schließlich zu einem Würdenträger, der sich selbst, wider einen als fade empfundenen Liberalismus, stolz zum "unpopulärsten Menschen" des ganzen Landes erklärte.

So lehrreich diese Geschichte ist, so wenig will sich Johan Lundberg indessen damit zufriedengeben: Der Sturz der Akademie soll ihm vielmehr als Hebel dienen, den gesamten Poststrukturalismus auf den Müllhaufen der verfehlten Theorien, wenn nicht der Theorien überhaupt zu kippen. Ihr Niedergang soll sich zu den Lehren Jacques Derridas oder Michel Foucaults verhalten wie die nationalsozialistischen Sympathien Martin Heideggers zu dessen Philosophie, als Nachweis ihrer absoluten Verwerflichkeit.

Die Korruptheit der Akademie dient als Anlass, um mit einer Theorierichtung aufzuräumen

Und mehr als das: Weil die jüngsten theoretischen Moden den einst poststrukturalistischen Gedanken kultivieren, alle "Identität" sei etwas Konstruiertes, meint Johan Lundberg, ein Mittel auch gegen deren gegenwärtige Herrschaft über die schwedische Universität in der Hand zu haben. Zwar passt der Anspruch auf gesellschaftliche Gleichheit, der von der "Queer-Theorie" und anderen "intersektionellen" Lehren erhoben wird, nur schlecht zum vertrauten Gespräch der letzten Eingeweihten, die im "Club" ihre intellektuelle Heimat finden wollten. Vermutlich meint aber Johan Lundberg, die Gelegenheit sei günstig, das unliebsame Gedankengut abzuräumen. Doch zielt er zu weit, und er zielt zu hoch, und je mehr er das tut, desto sichtbarer wird ein Ressentiment, das im Zweifelsfall die Texte, auf die es sich beruft und gegen die es sich wehrt, nicht gut genug kennt.

Wenn es denn eine literarische Auszeichnung von Weltgeltung überhaupt geben soll, ist Schweden das ideale Land für einen solches Unternehmen: weltoffen, neutral und klein genug, um gar nicht erst auf den Gedanken zu kommen, den Preis für nationale Anliegen nutzen zu können. Anderseits ist die dazugehörige Akademie eine gewaltige Pflicht: Es muss schwierig sein, in Schweden genügend Menschen zu finden, die gebildet, klug und unabhängig genug sind, um eine solche Aufgabe zu erfüllen. Horace Engdahl und seine Gefährten hatten versucht, dieses Dilemma durch forcierten Elitismus aufzuheben. Sie mögen im Poststrukturalismus die Ideen gefunden haben, mit denen sie ihre Ansprüche rechtfertigten. Korrupt aber waren sie ganz ohne Theorie.

© SZ vom 18.08.2020
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