bedeckt München 18°

Literatur:Rock'n'Roman

Der Brite Tot Taylor ist Songwriter und Galerist. Sein Romandebüt heißt "The Story Of John Nightly".

(Foto: Tot Taylor)

Tot Taylor und John Niven bei der "Heyne Hardcore Night" in der Milla

Vor dem Zeitalter Bob Dylans und der Beatles war Großbritannien eine farblose und fügsame Gesellschaft. Eine Nation, in der die Jugend keine eigene Stimme hatte, um damit den Älteren zu widersprechen. Die Popmusik, die gab es auf gewisse Weise schon, aber das, was als "Pop" in den Radios lief und in den Plattenläden stand, war leicht zu konsumieren. Und für etwas anderes war sie als fabrikgefertigtes Produkt auch nicht gedacht. Und dann? Wurde alles anders. Mit den Beatles & Co bekamen die Jungen eine Stimme, aus London wurde "Swinging London", ein Ort des Grooves, der unendlichen Möglichkeiten. Wer etwas erleben und am Puls der Zeit sein wollte, der musste und konnte nur hier sein.

Gemeint ist mit dieser Zeit 1966, das Jahr, in dem auch der junge Musiker John Nightly in der britischen Hauptstadt landete und bald darauf mit "Zigging & Zagging" einen Welthit schrieb. Außerdem war er einer der ersten, der mit Samples, der postmodernen Cut-up-Technik experimentierte, wie er überhaupt seiner eh schon fortschrittlichen Zeit fast permanent voraus war. Zumindest wenn man seinem Biografen Tot Taylor glauben darf. "The Story of John Nightly" heißt sein fast 1000 Seiten dickes Buch, das der britische Autor, Musiker und Kurator an diesem Dienstag bei der "Heyne Hardcore Night" in der Milla vorstellt. Eine schillernde und faszinierende Musikerbiografie, mit dem einzigen kleinen "Schönheitsfehler", dass es John Nightly niemals gab.

So wie Tot Taylor ihn beschreibt, ihn äußerst glaubhaft in die Pophistorie einpasst, möchte man trotzdem gern an seine Existenz glauben. Und warum nicht? Ein musikalisches Genie, das vom Shooting Star zum Junkie und zum Eremiten wird und sich jenseits des Rampenlichts jahrzehntelang dann nur noch um die Zucht exotischer Pflanzen kümmert: Das ist eine Figur, wie sie das Leben schreiben kann, und angeblich hat sie Taylor auch aus etwa 30 realen Personen zusammengesetzt. Dazu gehören zahlreiche Freunde, Musiker, Künstler oder Sportler, die kurz mal oben waren, aber dann ausgebrannt oder gescheitert sind. Und da war da noch ein einsam verstorbener Mann namens Nightly, bei dem man einen Plastiksack mit zehn Millionen Pfund fand und über den vor einigen Jahren das Fernsehen berichtete.

Auch von Taylors eigener Biografie dürfte so Einiges im Roman stecken. Denn der 1955 in Norfolk geborene und wie John Nightly in einer Kleinstadt aufgewachsene Brite hat ebenfalls in Bands gespielt. Er zog nach London, führte dort in den Achtzigern das Plattenlabel "The Compact Organization", veröffentlichte 13 Soloalben und arbeitete nach ein paar Jahren in Japan bei der BBC. Von 2004 bis 2017 leitete er die Riflemaker Galerie in London und gab Kunstbücher heraus. Dieser Erfahrungshorizont spiegelt sich wider in einer Unzahl an (pop)kulturellen Verweisen, die den Roman vor allem für Musikfans zu einem Vergnügen machen. Gleiches gilt für Taylors anekdotenreiche Lesungen. In der Milla wird er außerdem neue Lieder vorstellen.

Mit John Niven ist bei der "Hardcore Night" neben Mimi Erhardt, Achim Bogdahn, Friedrich Ani, Fredo Ramone, den Musikern Angela Aux und Philip Bradatsch übrigens noch ein weiterer britischer Autor zu Gast, der ebenfalls einen Musikroman vorstellt. "Kill 'Em All" heißt er und erzählt von Steven Stelfox, der in Nivens 2008 erschienenem Roman "Kill Your Friends" noch (wie Niven selbst früher) A&R-Manager bei einer Plattenfirma war. Ein skrupelloser Hund, der nun 20 Jahre später ein vergleichsweise ruhiges Jetset-Leben führt, bis ihn der Chef der größten amerikanischen Plattenfirma zu Hilfe ruft, um die Karriere eines zum Junkie und Sexmonster verkommenen Popstars wieder in die Gänge zu bringen. Eine böse Satire auf die Musikwelt, aber auch auf die heutige Welt im Allgemeinen.

Heyne Hardcore Night, mit Tot Taylor, John Niven u. a., Dienstag, 5. Nov., 20 Uhr, Milla, Holzstr. 28

© SZ vom 05.11.2019/cat

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite