Literatur:Menschen und ihre Geschichten

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Literatur: "Rote Zahlen kann ich mir nicht leisten", sagt Annette Stroux, die mit der Gründung eines kleinen Verlags ihre Passion zum Beruf gemacht.

"Rote Zahlen kann ich mir nicht leisten", sagt Annette Stroux, die mit der Gründung eines kleinen Verlags ihre Passion zum Beruf gemacht.

(Foto: Stroux-Verlag)

Vor drei Jahren hat die Münchnerin Annette Stroux ihren kleinen Verlag "Stroux-edition" gegründet. Mit dem hat sie sich vor allem auf autobiografische Belletristik spezialisiert

Von Sabine Reithmaier

Annette Stroux ist die Frage nach der Aussprache ihres Namens schon gewohnt. "Eingedeutscht", sagt sie, "mit u und x." Eben hat die Verlegerin noch zwei Häuser entfernt in ihrem Büro an einem Manuskript gearbeitet, jetzt sitzt sie im Café Kolonial - "mein zweites Büro" - und rührt in ihrer Tasse. Seit sie 2015 ihren Verlag "Stroux-edition" gegründet hat, trifft sie sich hier mit ihren Autoren, um deren Texte zu besprechen. Stroux hat sich auf autobiografische Belletristik spezialisiert, der Grund dafür ist einfach. "Ich interessiere mich eben für Menschen und ihre Geschichten", sagt sie. Auf die Frage, wie Erinnerung eigentlich funktioniert, versuche sie schon seit ihren Kindheitstagen eine Antwort zu finden.

Damals fiel ihr zum ersten Mal auf, dass ihre Verwandten dieselbe Geschichte völlig unterschiedlich erzählten. "Das fand ich faszinierend." Zunächst freilich studierte sie von 1983 an Theaterwissenschaft und Literatur, gründete mit ihrem Mann in München eine freie Theatergruppe. Weil das wirtschaftlich schwierig war, arbeitete die Mutter von zwei Töchtern freiberuflich in Verlagen und Zeitschriften. "Irgendwann kam der Moment, an dem ich alles auf einen Punkt bringen wollte: meine Theaterarbeit und mein gesammeltes Knowhow." Ein eigener Verlag erschien ihr als die beste aller Möglichkeiten. Bis heute hat sie die Entscheidung nicht bereut. "Für mich war das hundertprozentig der richtige Weg", sagt Annette Stroux.

"Wer sich erinnert, muss erzählen, damit eine Geschichte lebt" - dem Motto des Verlags widmet sie sich auf zwei Standbeinen. Zum einen betreut sie autobiografische Schreibprojekte, bietet Menschen, die ihre Geschichte aufschreiben wollen, professionelle Betreuung bis hin zum Druck in Kleinstauflagen. Zum anderen veröffentlicht sie Bücher, die ihr am Herzen liegen. "Ich profitiere da natürlich auch vom Zeitgeist, dem großen Interesse der Leser an autobiografisch gefärbten Romanstoffen", sagt sie.

Was Annette Stroux von anderen Verlegern unterscheidet, ist die Tatsache, dass sie gerne Manuskripte erhält. Meist geht es nicht um große spektakuläre Geschichten, sondern um jene Wendepunkte, die ein Leben durcheinander wirbeln. Ob sie aus diesen Momenten ein Buch entstehen lässt und es in ihr Verlagsprogramm aufnimmt, entscheidet Stroux nach persönlichem Empfinden. "Ich muss es für mich interessant finden", sagt sie. "Aber die unternehmerische Seite macht mir genauso viel Spaß." Von Anfang stand für sie fest, dass sich der Verlag tragen muss. "Rote Zahlen kann ich mir nicht leisten." Aber natürlich - darauf legt sie Wert - sollen ihre Bücher gut gestaltet sein, ein Ziel, an dessen Umsetzung ihr Mann als Grafiker einen großen Anteil hat.

Zu ihrem bekanntesten Autor, dem Isländer Mikael Torfason, kam sie über eine Kollegin, die Dramaturgin am Nationaltheater in Oslo ist. Eigentlich schreiben die beiden Frauen gemeinsam seit 2016 an einer deutsch-norwegischen Familiengeschichte, die irgendwann als Roman erscheinen soll. Aber an diesem Theater inszenierte vor drei Jahren auch Torfason. Der Schriftsteller, Journalist und Filmregisseur, der erst vor wenigen Monaten in Hannover seine Version der "Edda" auf die Bühne des Staatstheaters brachte, wollte seinen 2015 in Island erschienenen Bestseller "Lost in Paradise" auch in Deutschland veröffentlichen. Darin erzählt er von einer schwierigen Kindheit, denn seine Eltern, Mitglieder der Zeugen Jehovas, verweigerten ihrem an einer bedrohlichen Darmerkrankung leidenden Sohn Bluttransfusionen. Eine große Aufgabe für eine "kleine" Verlegerin, die mit der Suche nach der Übersetzerin (Tina Flecken) begann und schließlich in einer Crowdfunding-Kampagne mündete, um die Druckkosten zu finanzieren. Wahnsinnig anstrengend seien die vier Wochen gewesen, sagt Stroux, aber auch eine tolle Erfahrung. "Da lernst du, für dich und dein Projekt einzutreten."

Seither weiß sie auch, dass man manchmal Geld in die Hand nehmen und in die Zukunft investieren muss. In diesem Fall in einen Imagefilm, den sie 2017 drehen ließ, um für das Projekt zu werben. Die Kampagne lief erfolgreich, nicht nur des Geldes wegen, sondern weil sie dadurch ihr persönliches Netzwerk entscheidend erweitern konnte. Inzwischen liegt der Roman auch als Hörbuch vor, gelesen von Michael von Au. Der zweite Teil der isländischen Familiensaga wird derzeit übersetzt - "Die Fallenden" erscheint im Juni -, am dritten Teil arbeitet Torfason gerade.

Eine lange Zusammenarbeit verbindet Anette Stroux auch mit der Münchner Autorin Helga Hutterer, die mit einem umfangreichen Drehbuch zu ihr kam. "Das haben wir gemeinsam zu einem Roman umgearbeitet." "La grande Bleue", inzwischen in der zweiten Auflage erschienen, spielt 1962 mitten im Algerienkonflikt und trägt autobiografische Züge der Autorin, die das Ende des blutigen Algerienkrieges miterlebte. Dass der Verlag auch ein Handbuch zum selbstbiografischen Schreiben veröffentlicht hat, erstaunt jedenfalls angesichts des Gesamtprogramms nicht.

2017 und 2018 veröffentlichte Stroux jeweils drei Bücher, heuer plant sie vier bis fünf herauszugeben. "Ich möchte mich nicht unter Druck setzen, weil ich meine Qualität halten will." Andererseits werde man als unabhängiger Verlag erst mit vier Büchern pro Jahr richtig ernst genommen. Die Verlegerin seufzt ein wenig und zählt einige der Projekte auf, die sie gerade am Laufen hat. Von den "Verwehten Blättern", die sich aus Originaldokumenten, Briefen und Tagebuchnotizen der Familie von und zu Lüderitz aus den Jahren 1919 bis 1946 zusammensetzen, über die Theater-Memoiren des Schauspielers Gunther Beth - "dafür schaffe ich die Linie Boulevard bei Stroux" - bis hin zu den Erinnerungen eines Mannes an den Krebstod seiner Frau.

Viel Arbeit, die sie kaum beschleunigen kann, schließlich muss für jedes Buch eine maßgeschneiderte Lösung erarbeitet werden. "Und es hat keinen Sinn, dass ich mir etwas abringe, was ich nicht leisten kann." Der leise Druck ändert aber nichts daran, dass Annette Stroux positiv in die Zukunft ihres Verlags blickt. Schließlich sei es etwas Schönes, andere Menschen für die eigenen Projekte zu begeistern. Sagt sie und steht auf. Das nächste Manuskript wartet schließlich schon.

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