Literatur Kreativer Einzelkämpfer

Neben der Lust am Sachbuch wuchs zunehmend auch die Lust an der Belletristik: Martin Arz, der vor zehn Jahren den Hirschkäferverlag im Glockenbachviertel gründete.

(Foto: Privat)

Martin Arz schreibt Bücher und verlegt sie auch. Inzwischen feiert sein kleiner Münchner Hirschkäfer-Verlag Zehnjähriges

Von Karl Forster

Der Hirschkäfer, Lucanus cervus, ist jeglicher überirdischer Bedeutung unverdächtig. Anders als der Marienkäfer, der Glück verspricht; anders als der Skarabäus, der vorhersagen konnte, wann Hochwasser droht am Nil; und anders als der Käfer namens Spanische Fliege, dem, in zerriebener Form eingenommen, eine starke aphrodisiakische Wirkung nachgesagt wird. Der Hirschkäfer aber ist nur groß und schön. Deshalb hat ihn der Münchner Schriftsteller Martin Arz vor ziemlich genau zehn Jahren zum Schutzbefohlenen seines damals gegründeten Verlags erkoren. Seither erschienen im Namen des Hirschkäfers 49 Bücher, das fünfzigste ist gerade in Arbeit. Man darf also sagen: Der Hirschkäfer hat eine Bestimmung gefunden. Er ist für Martin Arz zum Symbol des Überlebens geworden.

Der schriftstellernde Verleger oder verlegende Schriftsteller, Typ gemütlicher Bär, empfängt in seinen Wohn- und Arbeitsräumlichkeiten im Glockenbachviertel. Dort lebt er, seit er vor Jahrzehnten von Würzburg nach München gezogen ist, um Kunst und das Leben an sich zu studieren. Wenn man ihn heute, in der gemütlich kleinen Küche im vierten Stock eines Hauses ohne Lift bei Espresso und mit vielen Fragen auf dem Notizblock fragt, ob man mit der Bezeichnung "kulturschaffendes Chamäleon" richtig liege, da lacht Martin Arz, als habe man ihm gerade ein Kompliment gemacht, und sagt Ja.

Zehn Jahre Verlagsgeschäft, als Einzelkämpfer in einer Branche, die von der digitalen Revolution genauso geschüttelt ist wie von der daran mitschuldigen um sich greifenden Unlust des Menschen, sich mit Bücherlesen die Zeit zu vertreiben. Wo das doch mit Facebook, Instagram oder "Bauer sucht Frau" viel einfacher geht. Wenn also Martin Arz sagt, "wer Geld verbrennen will, möge einen Verlag gründen", hat das nur ein ganz klein bisschen mit Koketterie zu tun, und das auch nur deswegen, weil er, Martin Arz, ja immerhin diese zehn Jahre als Verleger überlebt hat.

Martin Arz, 1963 in Würzburg geboren, hat dort sein Abitur gemacht und Kunstgeschichte und Volkskunde studiert, sein Coming-out relativ problemlos bewältigt und mit 20 beschlossen, in die große Stadt München zu ziehen, auch in der Hoffnung, dass dort möglicherweise mehr los sei als in der unterfränkischen Bischofsstadt. Was sich anfänglich wohl als Trugschluss erwies, denn Arz machte zunächst die Erfahrung, dass man damals an der Isar um elf Uhr die Bürgersteige hochklappte, wogegen am Main da das Leben erst so richtig losging. Doch Arz, nun eingeschrieben an der LMU für Theaterwissenschaft, Völkerkunde und Kunstpädagogik, wurde dann doch schnell heimisch, nicht zuletzt auch durch sein Engagement im Bezirksausschuss für die Rosa Liste. Und durch seine Malerei, von der er heute erzählt, er habe damals "gar nicht schlecht verkauft", in München und vor allem Berlin. Noch heute sieht man aus der Küche einen echten Arz im Wohn/-Arbeitszimmer hängen, einen kräftig gebauten jungen Mann, neue Deutsche Schule mit schwulem Einschlag vielleicht.

Doch es muss dann etwas sehr Böses passiert sein mit dem Künstler Arz, Genaueres erzählt er nicht. Jedenfalls hat er mit der Kunst anno 2010 abrupt Schluss gemacht, und zwar gleich radikal: zwei Drittel seines Œuvres zerstört, Leinwände zerschnitten, Druckgrafiken zerrissen. "Das war sehr befreiend", sagt er heute ohne jede Traurigkeit in der Stimme. Dass er gerade wieder anfängt mit der Malerei, deutet aber daraufhin, dass der Frust von damals wohl überwunden ist.

War's nun die Völkerkunde oder die Geschichte der Kunst, jedenfalls machte Arz bald auch sein Interesse an Historischem zu einer Art Gewerbe und Gelderwerb, indem er anfing, Münchens Geschichte so aufzuschreiben, dass man sich als Leser auf amüsante Art über diese Stadt, vor allem über ein lieb gewordenes Stadtviertel informieren konnte. Die Isarvorstadt lag ja nahe, weil das Glockenbachviertel praktisch dazugehört, die Maxvorstadt war ein dankbares Thema, weil, immer im Schatten Schwabings gelegen, dort viele historische Preziosen verborgen lagen, die zu entdecken Martin Arz ganz besondere Freude bereiteten. Ein knappes Dutzend München-Bücher stehen im Verlagsprogramm.

Doch wuchs, neben der Lust am Sachbuch, zunehmend auch die an der Belletristik, wobei dieser Begriff hier etwas unscharf ist, vor allem in seiner Bedeutung als "schöne Literatur". Denn Arz beschäftigt sich zunehmend mit den recht unschönen Seiten des Lebens im Heute und im Mittelalter, wozu oft recht deftige Varianten, dieses Leben zu verlassen, eine große Rolle spielten und noch spielen. Hier beginnt nun auch der Hirschkäfer seine Rolle zu spielen, zunächst nur in der Form, dass er, in Bronze gegossen, auf Arzens Schreibtisch stand. Und Arz war immer heftiger genervt von Verlagen, die seine Manuskripte, egal ob Krimi oder Historisches, entweder ignorierten oder, wenn nicht, dann doch in dieser Art oder jener oder überhaupt geändert haben wollten. So beschloss also Martin Arz, Verleger zu werden im Zeichen des Hirschkäfers - zunächst mit eigenen Werken. Heute ist auch manch seelenverwandter Autor sein Kunde.

Heute listet die Website des Hirschkäferverlages ein knappes halbes Hundert Werke auf, darunter Titel wie "Die Knochennäherin" (Arz), "Mein Alter Simpl" (Toni Netzle), "Absolut München" (Max Hirschkäfer, hahaha!) oder "Neubayern" von Florian F. Scherzer; ein Buch übrigens, das, allseits (auch von der SZ) höchst gelobt, für Hirschkäfer-Verhältnisse "durch die Decke gegangen ist", wie man im Verlagsgeschäft gerne sagt. Und Martin Arz ist zu Recht stolz darauf, dass ihm Florian F. Scherzer auch mit seinem neuen Werk die Treue halten will, trotz heftigen Umwerbens wach gewordener Großverlage.

Doch liegt es nicht nur an einzelnen Großerfolgen, dass der Hirschkäfer als Verlagspatron noch (lange) nicht ausgedient hat. Martin Arz hat zwangsweise gelernt, hartnäckig zu werden (auch wenn das seinem eher sanftem Charakter vielleicht widerspricht) und betriebswirtschaftlich zu denken. Zwischen 6000 und 7000 Euro mindestens kostet die Produktion einer Startauflage von 1500 Exemplaren, und da ist vieles, auch das Cover, selbst gemacht. Das Lektorat wird zur Qualitätssicherung nach außen vergeben; ein Agent kümmert sich um den Druck. Und wenn dann ein neuer Titel in der Verlagsliste aufscheint, ist Martin Arz stolz wie ein Papa nach der Geburt. "Der Gottstehunsbei" heißt das jüngste Werk aus der Feder und dem Verlag von Martin Arz. Eine wüste Mittelalter-Kriminalgeschichte, bei der es, eher mehr als wenig, mit dem Teufel zugeht. Zwar trifft Arz' Vorliebe, erzählerisch gern "vom Hölzchen aufs Stöckchen zu springen" (wie SZ-Kollege Wolfgang Görl vor zehn Jahren anlässlich der Hirschkäfer-Gründung schrieb), auch auf dieses Werk zu. Aber der Kollege konstatierte eben auch, dass sich dann doch irgendwie alles recht logisch füge bei dem Schriftsteller und Verleger Martin Arz.

Auf der zweiten Umschlagseite des "Gottstehunsbei"-Bandes übrigens steht ganz unten, nach ISBN-Nummer und Internethinweis, in romantisch geschwungener Schrift: "Mit Liebe gemacht". Wie das?"Weil's stimmt", sagt Martin Arz.