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Lesen in Gemeinschaft:Im Himmel

Wenn man wieder aufschaut, ist man zwei Stunden querfeldein durch den eigenen Bücherschrank spaziert.

(Foto: unsplash)

Sechs Menschen, sechs Lesebiografien, ihre ganz eigenen Regeln: Dieser Lesekreis kommt seit achtzehn Jahren zusammen. Über den Genuss und die Dankbarkeit für viele Text-Geschenke.

Von Alex Rühle

Die Grundregel ist einfach: Am Ende des Treffens machen wir für das nächste Mal ein Thema aus. Wunder. Angst. Wald. Himmel. Dann radelt man durchs nächtliche München, leicht weinbeduselt und auch sonst beseelt, und denkt auf dem Weg nach Hause, was man irgendwann mal gelesen haben könnte zu diesem Begriff. "Wunder". Hmm. In welchem Buch wird denn mal ein echtes Wunder beschrieben? Die Tage drauf steht man immer wieder vorm Bücherschrank oder kramt in der Erinnerung. "Warten". Wo wartet jemand interessant? Becketts ganzes Werk, ein einziger Warteraum des Lebens. Aber sonst? Dann zieht man Bücher raus, die man jahrelang nicht in der Hand hatte, blättert drin rum, wundert sich über Anstreichungen, findet zwar eigentlich nie das, was man gesucht hat, aber das ist ja kolossal gut geschrieben, erst mal setzen - und wenn man wieder aufschaut, ist man zwei Stunden querfeldein durch den eigenen Bücherschrank spaziert. Was wollte ich eigentlich?

Genau, die sonstigen Regeln: Wir sind zu sechst, jede/r bringt was zu essen mit (Oh, Katrins Quiches! Hmm, Birgits Rote-Bete-Salat!) und wir treffen uns alle zwei Monate reihum in unseren Wohnungen. Axel hat einen Schrebergarten, da sitzen wir jeden Sommer einmal, im Sonnenuntergangslicht eines Juniabends, später dann die Glühwürmchen ... Und Katrin arbeitet im Literaturhaus, da dürfen wir - Jahreshöhepunkt - im Juli oder August einmal auf die Dachterrasse. Turmfalken unter bayrischem Wolkenweiß, Kirchtürme, goldenes Opernfries, Kräne, im Hintergrund die Alpen, die schönste Skyline der Welt, und wer will anfangen zu lesen?

Außerdem gibt es immer einen Gast. Das ist schon deshalb fabelhaft, weil man jedes Mal denselben ollen Kram erzählen kann, also dass wir uns ja schon sage und schreibe 18 Jahre treffen und wie rundum bereichernd das Ganze für uns alle ist. Die Gäste lächeln dann dieses schiefe Höflichkeitslächeln, fragen, ob sie was von der Avocadocreme und vom Wein haben dürfen und warten erst mal ab, was das jetzt Seltsames wird. Am Ende sagen sie dann aber auffällig oft, es sei doch viel entspannter oder gar "normaler" gewesen, als sie befürchtet hatten.

Das ist vielleicht das Geheimnis dieser Lesegruppe beziehungsweise ihres langen Bestehens. Wir haben nicht den einen Text, den wir vorab lesen und dann sagen alle reihum, wie sie den finden und warum dieses eine Nebenmotiv doch nicht ganz so gelungen und der Autor ja ohnehin recht überschätzt ist. In solchen Gruppen gibt es schnell Diskurszampanos und Meinungsdirektorinnen, wer am geschliffensten argumentiert, hat gewonnen, auch wenn er oder sie das gar nicht will.

Da bei uns jeder ein Fundstück mitbringt, das er vorliest (Titel und Autorin werden erst mal nicht genannt) geht es mehr drum zuzuhören und Texte kennenzulernen (und währenddessen unbedingt lecker weiterzuessen. Ist noch Wein da? Und gib noch mal Riekes Bohnensalat). Danach wird geraten, von wem das gewesen sein könnte, oft entspinnt sich ein Palaver, ach, übrigens, ich glaub, dazu passt meine Passage ganz gut, und so vergehen drei bis fünf Stunden mit Warten, Wundern oder unter dem riesig weiten Himmel.

Da wir völlig unterschiedliche Lesebiografien haben, lernt man immer neue Autorinnen und Autoren kennen. Ohne Axel wüsste ich bis heute nicht, wie großartig Philipp K. Dick ist. Rieke ist zweisprachig und hat öfters schon französische Originaltexte vorgetragen (Rimbaud kurz vor Mitternacht, nichts verstanden, toller Klang). Christian kommt aus Dessau und bringt oft fahle Reclambände mit. Sein Exemplar von Bobrowskis "Levins Mühle" ist irgendwie zu mir in den Schrank rübergewandert, weil ich die Stelle, die er vor Jahren vorgelesen hat, so toll fand. Birgit liebt Virginia Woolf so innig, dass wir mittlerweile einen soliden Überblick über ihr Gesamtwerk haben. Und Katrin sagt, sie habe die ersten Jahre jedes Mal "Herzklopfen beim Lesen gehabt, weil das immer Herzenstexte waren, die ich mitgebracht hatte".

Es kann bizarr sein, einstmals verehrte Texte wieder zu lesen. Einer der lustigsten Abende war der, an dem wir Jugendidole mitbrachten. Hesse. Mit 16 eine epiphanische Erfahrung. Jetzt - was für ein Quark. Nietzsches hochtouriges Dröhnen ging später am Abend im Gelächter unter. - Das ist vielleicht überhaupt die schönste Erinnerung: Wenn eine/r von uns vor Lachen eigentlich nicht weiterlesen kann und trotzdem tapfer weiterkämpft, mit flatternden Stimmbändern versucht, über sein eigenes Lachen drüberzukommen, aber das Lachen hebt von unten den Text hoch, wie mächtiges Magma, das nach oben will, kurz ist da noch ein hilflose Quieken, dann fliegt alles auseinander.

18 Jahre. Als wir zum ersten Abend eingeladen haben, dachte man, mit George W. Bush sind die USA am Tiefpunkt angelangt. In Japan besiegte Ronaldo Deutschland im WM-Finale, und bei uns im Wohnzimmer lag ein acht Monate altes Baby. Thema war "Kindheit", und Christian las endlos lang aus Grass' "Blechtrommel", weil die Stelle, die er eigentlich meinte, immer nicht kam. Das damalige Baby hat soeben Abitur gemacht, Bush wirkt mittlerweile vernünftig. Aber was wurde aus Ronaldo? Und hatten wir schon mal Fußball als Thema? Gleich mal die anderen fragen.

Vorher aber drei Zitate. Vor dem Schreiben dieses Textes hab ich alle gefragt, ob sie mir zwei, drei schöne Erinnerungen aus all den Jahren schicken wollen. Hier die Antworten von Axel, Christian und Katrin: "Als wir über Sterben gelesen haben und dann bei Rieke aus dem Fenster geguckt und am Himmel die ISS ihre Bahn haben ziehen sehen." - "Wenn einem spontan ein Text einfällt. Man zieht das Buch raus, sucht fieberhaft nach der Stelle, um dann festzustellen, dass diese Stelle beim erneuten Lesen ganz anders ist, als man sie in Erinnerung hatte. Und dabei hat man anderen diese Stelle schon mehrfach erzählt - immer völlig falsch." - "Die vielen Himmel über uns. Und wie ich zum Thema Müdigkeit aus der Fürstenrede des ,Leoparden' gelesen habe, (,Die Sizilianer wollen schlafen') und gegenüber wurde beim Sommerfest des Kulturministeriums die ganze Zeit bayerische Blasmusik gespielt."

Vielen Dank, ihr fünf. Fußball ist blöd als Thema, machen wir lieber Freundschaft. (Hatten wir wahrscheinlich längst.)

© SZ vom 25.07.2020

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