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Lebenskunst:Licht am Ende des Tunnels

Der jüngste Band der bezaubernden Reihe: Das Gelb gilt als unbeliebteste aller Farben, andererseits ist sie in der Mode hoch im Kurs.

(Foto: Princeton University Press)

Blau, Schwarz, Rot, Grün und Gelb: Der Historiker Michel Pastoureau hat Kulturgeschichten einzelner Farben geschrieben, die viel über die Menschen erzählen und so wunderbar zu lesen sind, dass man sie mit Kritzeleien des Entzückens versehen wird.

Von Peter Richter

Zuletzt ging es ums Gelb: Gelb wie das Geld und der Neid, die Habgier und die Hamsterkäufe. Lieblingsfarbe der antiken Damenmode und der effeminierten Männer (vergleiche Ciceros Beschimpfung des Clodius). Um das Gelb ging es, zu dem die Maler griffen, wenn sie Sonne, Strand und blonde Haare darstellen wollten, und um das Gelb, mit dem die Europäer über Jahrhunderte die Andersgläubigen, die Kranken und die Prostituierten kennzeichneten und aussonderten. Es ging um die Farbe, die seit dem Kuss des Judas bis zum Taktieren der deutschen FDP immer wieder als Farbe der Unzuverlässigkeit und des Verrates gelesen wurde und in allen Ländern des Westens bei Umfragen regelmäßig als die unbeliebteste von allen abschneidet - und vielleicht deshalb jetzt doch wieder massiv in Mode ist: Jedenfalls konnte man noch nie so viele knallgelbe Wollmützen und Schals sehen wie in diesem Winter.

Michel Pastoureau beginnt seine große Geschichte der Farbe Gelb mit paläolithischen Höhlenzeichnungen und lässt sie erst im Jahr 2019 mit den grellen Protesten der "Gilets Jaunes" enden, die mit ihren tennisballfarbenen Warnwesten nicht zuletzt deutlich machten, dass sie sich als Ausgestoßene empfinden und endlich gesehen werden wollen. Wer solche Zeiträume überblickt, darf am Ende auch die Prognose wagen, dass Gelb die Farbe der Zukunft sein könnte. Das ist vielleicht gerade jetzt eine tröstliche Nachricht bei all der Schwarzmalerei zur Zeit. Und wenn Pastoureau vor Drucklegung das Coronavirus schon gekannt hätte, hätte er einem sicher auch erklären können, warum es in den Erklärmedien jetzt meistens als Noppenball in den Farben Gelbgrün oder Feuerrot visualisiert wird.

Im alten Rom galt Blau als barbarisch und hässlich

Seine Kulturgeschichte des Gelbs ist nach seinen Büchern zum Blau, zum Schwarz, zum Rot und zum Grün das vorläufig letzte in der Reihe zur Kulturgeschichte der Farben, die der Pariser Historiker im Verlauf der letzten zwanzig Jahre vorgelegt hat. Und wann wäre ein besserer Zeitpunkt als jetzt, um sie jetzt alle mal als kleinen Farbenkreis um sich herumzulegen und sich dann darin festzulesen? Buchstäblicher kann man gegen die Eintönigkeit dieser Tage daheim jedenfalls gar nicht vorgehen. Der einzige Schönheitsfehler: Die Reihe ist durchgängig bisher nur auf Französisch bei Éditions du Seuil in Paris erschienen und auf Englisch bei Princeton University Press. Auf Deutsch gibt es bisher lediglich eine Übersetzung des Buches "Schwarz - Geschichte einer Farbe", die 2016 im Verlag Philipp von Zabern erschienen ist, und eine gekürzte Taschenbuchausgabe von "Blau" bei Wagenbach aus dem Jahr 2013, die im Gegensatz zu den opulent ausgestatteten englischen und französischen Versionen ganz ohne Bilder auskommen muss.

Aber diese beiden deutschen Übersetzungen sind schon mal ein guter Start in lange, lehrreiche Lesenachmittage. Wenn man nämlich einmal anfängt, mit dem Bleistift kleine Ausrufezeichen an die Seitenränder zu malen, nur weil Pastoureau zum Beispiel beiläufig bemerkt, dass die Farbe Blau auch deshalb die wichtigste in der Trikolore sei, weil sie in der französischen Flagge der Fahnenstange am nähesten ist, daher bei Windstille das Bild dominiert: Dann muss man sich nicht wundern, wenn am Ende praktisch das ganze Buch voll ist mit Kritzeleien des Entzückens.

Denn auch eine Geschichte der Farben handelt am Ende nicht so sehr von den Farbtönen der Dinge selbst als von Politik, von Menschen und der Art, wie sie zusammenleben oder eben nicht. Dass über Jahrhunderte exakt geregelt war, welche Stände welche Farben tragen durften, ist dabei nur das eine. Dass Europas Textilfärber lieber große Mühen auf sich nahmen, alle Farbtöne direkt aus der Natur zu gewinnen, weil es eine auch theologisch verbrämte Abscheu dagegen gab, zum Beispiel ein Grün aus Gelb und Blau einfach zu mischen, spricht schließlich auch gesellschaftspolitisch Bände über die Furcht vor sozialer Durchmischung. Und es gehört unbedingt zum Reiz von Pastoureaus Büchern, dass darin die Farben eben nicht einfach nur die Farben sind, die sie halt sind, sondern das, was die Augen derer, die sie wahrnehmen daraus machen. Wenn sie sie denn überhaupt wahrnehmen.

Blau gilt heute als kühl und als neutral, es ist seit über hundert Jahren stabil die beliebteste Farbe in Europa und Amerika, aber bei Pastoureau ist zu lernen, dass Blau im Mittelalter als ausgesprochen warmer Ton wahrgenommen wurde, und dass Griechen wie vor allem Römer in der Antike die Farbe so unsäglich fanden, dass sie lange gar kein Wort dafür hatten. Blau galt als barbarisch, und die Augenfarbe, die heute als besonders attraktiv gilt, war auf dem Forum Romanum noch ein Grund, sich mit niedergeschlagenen Lidern seiner Hässlichkeit zu schämen.

Das Schwarzweißdenken ist schon eine sehr westliche Kulturleistung

Farben, das ist das Herrliche, entstehen wie so vieles erst wirklich im Auge des Betrachters, der dafür erst einmal Begriffe finden muss, sie erzählen folglich mehr über ihn als über sich selbst. Das ist natürlich auch wahrnehmungstheoretisch aufregend. Denn falls jemand meint, dass Schwarz und Weiß und Grün und Rot auch ohne seine Hilfe schwarz und weiß und grün und rot seien: Leider nein.

Pastoureaus Buch über das Schwarz geht zum Beispiel schon damit los, dass die Wortwurzeln für Schwarz praktisch die gleichen sind wie für Weiß, dass im Altertum vielmehr Wert auf die Unterscheidung gelegt wurde, ob die Farbe glänzt oder matt ist, was heute zum Beispiel in Japan immer noch der wichtigere Kontrast ist als der zwischen den Farbtönen selbst.

Das Schwarz-Weiß-Denken, so muss man das zusammenfassen, ist schon eine sehr westliche Kulturleistung. In anderen Gegenden der Welt werden die Dinge mitunter anders gesehen. Man kann deswegen nur hoffen, dass Michel Pastoureau die Zeit der Ausgangssperren nutzt, um ein Buch über das Weiß zu schreiben oder das Violett oder über die ungleich größere Skala von Brauntönen, für die die Menschen in Zentralafrika Worte gefunden haben. Und dass sich auch in Deutschland jemand findet, der die gesamte Serie herausbringt, genauso prachtvoll ausgestattet wie die Originale. Das wäre zumindest ein schönes Licht am Ende dieses Tunnels gerade, denn wenn man richtig hinschaut, dann besteht Licht nun mal aus was? Eben.

© SZ vom 02.04.2020
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