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Lars Gustafsson:Fremde Kinder

Lars Gustafsson

Der schwedische Schriftsteller Lars Gustafsson.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ein Moment der Trauer: Die Lebenserinnerungen des schwedischen Schriftstellers Lars Gustafsson und seiner Frau Agneta Blomqvist.

Von THOMAS STEINFELD

Als sich der Schriftsteller Lars Gustafsson vor einigen Jahren an seine Kindheit erinnerte, an die Vierzigerjahre in einer schwedischen Provinzstadt, fiel ihm ein, wie ein Klassenkamerad gezüchtigt wurde, weil er im Unterricht nicht still gesessen hatte: "Die Stelle, an der das Haarbüschel herausgerissen wird, ist zuerst weiß und dann rot und blutig." Ein paar Sätze später erzählte er von den Nachmittagen, die er mit seinen Freunden am Industriehafen oder in den Wäldern verbrachte. "Wir wurden kaum überwacht, hatten aber auch niemanden, bei dem wir uns beklagen konnten." Die beiden Erfahrungen gehören zusammen, nicht nur zeitlich, sondern auch logisch: Sie gehören in eine Kindheit, die auf der einen Seite schon die eigene, relativ autonome Sphäre ist, die das Heranwachsen erst in einer bürgerlichen Welt werden konnte. Und sie gehören noch in Verhältnisse, in denen es Erwachsene gab, die über den Nachwuchs herrschen durften wie Feudalherren über ihr Gesinde. Mit beiden Erfahrungen ist es, wie Lars Gustafsson wusste, bis auf Weiteres vorbei. Überhaupt gehöre das "Jahrhundert des Kindes", das die schwedische Reformpädagogin Ellen Key im Jahr 1902 ausgerufen hatte, eher der Vergangenheit an als einer helleren Zukunft: "Es ist keine angenehme Entdeckung, dass das, was man als eine Zeit des Fortschritts erlebte, nur eine Oase war, eine glückliche Episode, eine Lichtung in einer viel dunkleren Umgebung."

Die Entdeckung teilte Lars Gustafsson mit Agneta Blomqvist, einer Lehrerin aus Stockholm, die er als Student kennengelernt, aber erst spät, nach zwei anderen Ehen, geheiratet hatte. Lars Gustafsson starb vor vier Jahren, im Frühjahr 2016. Alt geworden, scheinen sich die beiden zuvor über ihre Herkunft gebeugt und füreinander die Erinnerungen aufgeschrieben zu haben, die sie an ihre jeweilige Kindheit hatten. Im eigenen Land erschienen diese Aufzeichnungen nur als eine Art Weihnachtsgabe, die an die Freunde und Partner des Verlags verteilt wurde, der Lars Gustafssons Werke in Schweden veröffentlicht.

Gustafsson und Blomqvist stammten aus sehr unterschiedlichen Verhältnissen

Dass diese Notizen auf Deutsch als eigenständige Arbeit veröffentlichen werden, ist, so schmal das Buch daherkommt, den Erinnerungen dennoch angemessen: Denn selbstverständlich zielt das, was die beiden Eheleute einander zu berichten haben, auf eine verborgene Einheit: auf das "Schon" und das "Nicht mehr", das die Kindheit einmal gewesen sein muss, bevor sie der Pädagogisierung aller Lebensverhältnisse zum Opfer fiel - und bevor etwa die verrückten, verschrobenen und leider manchmal auch gewalttätigen Lehrer ebenso verschwanden wie die auf dem Schrottplatz und ohne Aufsicht verbrachten Samstagnachmittage oder die Chemieexperimente auf dem Küchentisch.

Lars Gustafsson und Agneta Blomqvist stammten aus sehr unterschiedlichen Verhältnissen: Er war das Kind eines Staubsaugervertreters, sie die Tochter eines hohen Beamten. Bei ihm zu Hause ging es liberal zu, bei ihr herrschte der streng gläubige Vater. Er war ein Einzelkind, sie hatte vier Geschwister. Er war Junge, sie war Mädchen, er lebte in der Provinz, sie in der Hauptstadt, er lebte in einer Genossenschaftswohnung, sie in einer "Villa", wie man, ein wenig pompös, im Schwedischen ein Einfamilienhaus nennt.

Wenn nicht nur die unterschiedlichen Lebensverhältnisse, sondern auch die dazugehörigen Menschen - Eltern, Geschwister, Freunde, Lehrer, die Pfadfinderin Lucie sowie der ungewaschene Gunnar - im Buch deutlich hervortreten, dann erscheint darin eine Welt, in der die Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre, zwischen Kindern und Erwachsenen, zwischen Freunden und Erziehern scharf gezogen sind. Das Kind, so scheint es, war damals noch nicht der prinzipiell bessere Mensch, eine Vision der Unschuld und der unendlichen Möglichkeiten für die Erwachsenen, die das Fertige und Feste an sich selbst verachten. Lars Gustafsson und Agneta Blomqvist erinnern sich offenbar gern an ihre Kindheiten. Sie tun es ohne Sentimentalität, aber mit einem klaren Bewusstsein dafür, dass jeder solchen Erinnerung ein Moment von Trauer innewohnt: um verlorene Hoffnungen und nie Dagewesenes. Und man folgt ihren Erinnerungen gern, hat man es doch offenbar mir zwar netten, vor allem aber fremden Kindern zu tun.

Lars Gustafsson/Agneta Blomqvist: Doppelleben. Aus dem Schwedischen von Verena Reichel. Carl Hanser Verlag, München 2020. 142 Seiten, 19 Euro.

© SZ vom 08.05.2020
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