Kurzkritik Fantasievoll

Charles Richard-Hamelin in der Allerheiligen Hofkirche

Von Harald Eggebrecht

Er ist nicht verwandt oder verschwägert mit dem weltberühmten Namensvetter Marc-André Hamelin. Zwar ist auch er Frankokanadier, aber Charles Richard-Hamelin, Jahrgang 1989, ist in jedem Fall ein sehr anders gearteter Pianist als der eine Generation ältere Landsmann. Charles Richard-Hamelin, unter anderem Preisträger beim Warschauer Chopin-Wettbewerb 2015, bot in der nicht voll besetzten Allerheiligenhofkirche Werke von Frédéric Chopin und Robert Schumann.

Klangschönheit, Farbenvielfalt und eine ungemein feine, am Piano orientierte, dabei stets klare Anschlagskultur zeichnen Richard-Hamelins Spiel aus. Die Überzeugungskraft etwa bei Chopins vier Impromptus und vor allem bei der groß ausfabulierten f-Moll-Ballade op. 52 entsteht aus einer starken erzählerischen Fantasie. Manchmal bietet Richard-Hamelins linke Hand nicht ganz jenen konturierenden Widerstand, mit dem Chopin seine Ausflüge in die hohen und höchsten Register kontrastiert hat. Aber das melodiöse Entfalten, das sinnende oder träumerische Verweilen, das kühne Aufsteigen und plötzliche Ausbrechen in fantastische Virtuositätskaskaden reißt mit, weil er all diese Ereignisse und gewissermaßen Abenteuer klavieristischer Ausfahrten musikalisch in der Zeit, ohne Hetze oder falsches Treiben, gestalten kann. So wird aus der Ballade eine erregende, ja, aufwühlende Reise in Chopins immer improvisatorisch wirkende Imagination. Während Schumanns Arabeske noch gleichsam unter der Wirkung von Chopin stattfand und daher etwas beiläufig geriet, wurde die unerhört vielgestaltige fis-Moll-Sonate op. 11 zur grandiosen Tour durch Schumannsche Ekstasen und Ausbrüche ebenso wie in jene Abschweifungen, bei denen es fast kein Zurückkommen mehr zu geben scheint. Kraft, Glanz und Emphase des jungen Pianisten ergriffen in gleichem Maße wie seine enormen Fähigkeiten zu Traum, Poesie und Sehnsucht. Bravi und zwei Zugaben: Bach und Chopin. Harald Eggebrecht