Kurzkritik Ein Phänomen

Der Pianist Kit Armstrong im Prinzregententheater

Von Harald Eggebrecht

Es war ein erleuchtender Abend, den der Staunen erregende, nur als musikalisches Phänomen zu charakterisierende Kit Armstrong im Prinzregententheater geboten hat. Werke der großen Tastenkunst der Spätrenaissance im Übergang zum Frühbarock, also von William Byrd, John Bull und Jan Pieterszoon Sweelinck. Und nach der Pause die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach.

Da bewegt sich Armstrong auch auf den Spuren von Glenn Gould, der sich ebenfalls für die Kanontechniken und Variationskünste jener Komponisten interessierte. Doch Armstrong machte nun keinen musikwissenschaftlichen Ausflug als Zeichen eminenter Gelehrsamkeit, sondern er verwirklichte die musikalische Vitalität, virtuose Spiellust und kompositorische Raffinesse in der Musik von Byrd, Bull und Sweelinck. Und das so überzeugend und klar, dass Gedanken an ein historisch "korrektes" Instrument gar nicht aufkamen. Deutlichkeit der Phrasierung, Trennschärfe der Stimmführung auch in den kompliziertesten Einspinnungen, klangliche Klarheit und dynamische Disziplin, dabei immer einfallsreich phrasierend - es war bei aller Bescheidenheit im Auftritt und Faxenlosigkeit am Flügel eine Demonstration unerhörten pianistischen Könnens.

Die Goldberg-Variationen spielte Kit Armstrong, Jahrgang 1992, so effektfrei wie nur denkbar, und doch entstand gerade daraus die ungeheure Fülle klavieristischen und kompositorischen Zaubers, den Bach in unerschöpflicher Veränderungsfantasie hervorruft. Armstrong war in diesem Sinne wahrlich sein Prophet. Wie er den Zyklus in den ersten Variationen gleichsam lustwandelnd entfaltete, dann im weiteren Verlauf konzentrierte und von Variation 16 an grandios steigerte, um die Schlussaria dann als sanften Abgesang verklingen zu lassen, war bis ins kleinste Detail packend. Von den Ovationen ließ er sich zu zwei wunderbaren Zugaben hinreißen, einmal in sich gekehrt mit John Bull und noch einmal pianistisch triumphal mit William Byrd.