Kunstmarkt Viel Heu

Die letzten Wochen schien der Kunstmarkt zu schwächeln. Aber nach Auktionen in London und New York ist alles wieder gut: Der "Heuschober" von Monet wechselt den Besitzer.

Am Ende zeigte sich dann doch große Erleichterung. Angesichts eines schon seit Monaten schwächelnden Kunstmarkts war man durchaus solide ins Ziel gelangt - eine Nummer kleiner eben. Für sensationelle Rekordmarken fehlte das Material. Die Einlieferer übten sich in Zurückhaltung. Entsprechend schmal fielen die Offerten aus. Vor allem aber fehlte es an absoluten Spitzenstücken. Die wenigen Starlose aber wurden zügig weitergereicht, darunter auch deutsche Kunst, insbesondere von Gerhard Richter.

In den Auktionen der Londoner Frieze-Woche im Oktober mit Nachkriegs- und zeitgenössischer Kunst setzten Phillips wie Christie's und Sotheby's in ihrem denkbar schlanken Angebot auf moderate Schätzungen und erzielten respektable Zuschläge. Als notorische Überflieger machten Adrian Ghenie und Mark Bradford von sich reden, der junge Rumäne mit der Szene "Nickelodeon", die in Christie's Abendauktion in wenigen Minuten von geschätzt einer auf sechs Millionen Pfund schoss, der Amerikaner bei Phillips mit einer collagierten Großleinwand, die ihre Taxe locker verdoppelte (3,2 Millionen Pfund). Christie's und Sotheby's hatten im Übrigen bemerkenswert viele Werke deutscher Künstler im Programm, die teils mit Höchstpreisen zugeschlagen wurden. Thomas Schüttes "Bronzefrau 13" von 2003 etwa avancierte bei Christie's mit 3,2 Millionen Pfund zum zweitteuersten Los des Abends. Drei Richter-Bilder mit Achenbach-Provenienz reüssierten bei Sotheby's ebenso wie Peter Doigs Landschaft "Grasshopper" von 1990, die beim vierten Marktauftritt noch einmal drei Millionen über die Taxe stieg (5,8 Millionen), und auch Jean-Michel Basquiats "Hannibal" enttäuschte mit 10,5 Millionen Pfund nicht.

Nervös bis zuletzt richteten sich im November die Blicke nach New York, wo wenige Tage nach den Präsidentschaftswahlen die wichtigen Auktionen mit impressionistischer, moderner und zeitgenössischer Kunst anstanden. Aber dann lief es überraschend gut und die wenigen Toplose wurden hervorragend abgenommen. Sotheby's hatte mit Edvard Munchs berühmten "Mädchen auf der Brücke" das mit fünfzig Millionen Dollar höchst taxierte Los der Woche im Angebot. Das Rekordbild, das bei seinem letzten Marktauftritt bereits 30,8 Millionen Dollar kostete, war mit einem unwiderruflichen Gebot abgesichert. Nun wurde es in aller Routine, bei einem einzigen Gebot, wohl vom Garantiegeber mit Aufgeld für 54,5 Millionen übernommen. Mit gut sechs Millionen, der doppelten Schätzung, beeindruckte Moholy-Nagys frühes Stück Konzeptkunst "EM I Telefonbild", das sich das Museum of Modern Art sicherte, das bereits die beiden anderen Ausführungen besitzt.

Ungläubiges Staunen dann bei Christie's, wo das mit 45 Millionen angesetzte impressionistische Starlos, Claude Monets "Heuschober"-Gemälde, mindestens sechs Bieter in ein hartnäckiges, vierzehn Minuten langes Gefecht verwickelte, das erst bei 81,4 Millionen Dollar, mithin auf neuer Rekordhöhe endete. Auch für Kandinskys Pariser Spätwerk "Rigide et courbé" von 1935 gab es einen Höchstpreis von 23,3 Millionen; weitere 22,6 Millionen waren für Picassos "Buste de femme (Dora Maar)" fällig, die der junge asiatische Unternehmer Yusaka Maezawa einsetzte, der schon in den Mai-Auktionen als spendierfreudig aufgefallen war, wie überhaupt asiatische Bieter in diesen New Yorker Tagen verstärkt Präsenz zeigten.

Erstaunlich unberechenbar zeigte sich der Markt zuvor, als Christie's die Nachkriegs- und zeitgenössische Kunst aufrief und, wiewohl Marktführer, mit 276,9 Millionen Dollar für 54 verkaufte Lose eines der schwächsten Ergebnisse der letzten Jahre einfuhr. Daran konnte auch Willem de Koonings Rekordlos "Untitled XXV" von 1977 nichts ändern, das seinen Erwartungen mit 66,3 Millionen mehr als gerecht wurde, Jean Dubuffets Stadtlandschaft "Les Grandes Artères" (2,7 Millionen) oder Gerhard Richters "Abstraktes Bild (809-2)" aus der Sammlung des britischen Musikers Eric Clapton (22,1 Millionen).

Gerhard Richters "Düsenjäger" zischte ab, Tapisserie von Goya blieb liegen

Zu einem Markttest eigener Art geriet ohnehin das beispiellose Richter-Aufgebot von zehn weiteren hochkarätigen Gemälden in den Abendauktionen dieser New Yorker Woche. Phillips legte mit "Düsenjäger" nach, einem fotorealistischen Gemälde aus den Sechzigerjahren, das 25,5 Millionen brachte. Zuletzt gelang Sotheby's die restlose Abnahme der Sammlung Steven und Ann Ames, die noch einmal sieben Richter-Arbeiten enthielt, darunter die beiden mit je zwanzig Millionen geschätzten abstrakten Großformate "AB, Still" und "AB, St. James" aus den Achtzigern. Sie wurden für 34 Millionen und 22,7 Millionen Dollar weitergereicht und bestätigten eindrucksvoll die ungeschmälerte Aufnahmebereitschaft des Marktes.

Selten zwiespältig verliefen dagegen die großen Altmeister-Auktionen in London am Ende der Saison. Während Sotheby's mit einer kleinen Offerte ein interessantes Spektrum mit marktfrischen und attraktiven Motiven aufbot und durchwegs reüssierte, scheiterten bei Christie's alle drei Toplose. Für Francisco Goyas Tapisserie-Entwurf wollte niemand vier bis sechs Millionen Pfund einsetzen, auch keine drei Millionen für Esteban Murillos "Hl. Joseph" oder Bernardo Bellottos Blick in den Hof der Festung Königstein. Spitzenlos bei verdreifachter Taxe wurde Jacob Jordaens' barocke Hl. Familie mit 1,8 Millionen Pfund, der Umsatz für 99 Lose lag bei 12,2 Millionen. Mit 14,8 Millionen Pfund für 41 Lose zog Sotheby's locker daran vorbei. Pieter Brueghels Kirmes brachte hier mehr als 2,5 Millionen, Tizians Knabenporträt kostete nicht eine, sondern 2,1 Millionen Pfund, für die wunderbare "Geißelung" von 1441 aus der ehemaligen Sammlung Franz von Lenbachs rundete der erfolgreiche Bieter mit einer Million auf 1,4 Millionen Pfund auf. Zumindest Alexander Bell, Altmeisterexperte bei Sotheby's, hält das für eine echte Schönwetteransage für die kommende Saison.