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Kunstbiennale in der Türkei:Die Welt, wie wir sie kennen

Der ewige Drahtseilakt der Kunst: Die russische Künstlerin Taus Makhacheva thematisiert in ihrem Video „Tightrope“ das Überwinden.

(Foto: Taus Makhacheva/Canakkale Biennale)

"Was wir heute ausstellen, damit können sich dann die Archäologen von morgen beschäftigen": In der Türkei trotzt die Internationale Çanakkale-Biennale als Kunstschau der Pandemie.

Von Christiane Schlötzer

Ein einziges Mal haben sich die türkischen Macher der Internationalen Çanakkale-Biennale davon abhalten lassen, ihre schon fertige Kunstschau zu eröffnen. Das war 2016, im Jahr des Putschversuchs, nach einer Schmutzkampagne gegen die damalige Kuratorin. Die Politik bleibt in der Türkei eine stete Herausforderung, aber in diesem Jahr gibt es außerdem die Pandemie. Doch eine Absage kam nicht wieder in Frage. Dass die Stadt Çanakkale, gelegen am Übergang vom Marmarameer in die Ägäis, eine eher abgelegene Provinz ist, erwies sich dabei als Vorteil.

"In Istanbul hätten wir das nicht machen können", sagt Deniz Erbas, eine der Kuratorinnen. Istanbul ist 350 Kilometer entfernt und ein urbaner Moloch, in Çanakkale braucht im Zentrum niemand öffentliche Verkehrsmittel, die Wege sind kurz. Wenn in Istanbul ein Kunstereignis ausfällt, dann hofft man eben auf das nächste. Hier, am Rand der Türkei, aber wirkt die Biennale wie ein frischer Windstoß, dessen Ausbleiben schmerzlich vermisst würde. Zumal das Ereignis gewöhnlich lange nachhallt. Denn die Macher haben es geschafft, seit 2008, seit der ersten Kunstbiennale hier im Nordwesten des Landes, ein Netzwerk zu bilden, das sie ins Stadtleben integriert, unter anderem mit einem dauerhaft geöffneten Kulturzentrum, genannt Mahal, in einem historischen Speicher der alten Hafen- und Handelsstadt. In diesem Jahr hatten Erbas und ihre Mitstreiter, darunter die bekannte Istanbuler Galeristin Azra Tüzünoglu, zudem die Chance, das nahe gelegene großartige neue Troja- Museum zu bespielen.

Der Weg dorthin führt vorbei an Olivenhainen und Wegweisern zu Soldatenfriedhöfen. Die Dardanellen sind vor allem Ziel des türkischen Erinnerungstourismus, sie waren Schauplatz einer der größten Schlachten des Ersten Weltkriegs. Inmitten der sanft geschwungenen Hügel kommt plötzlich ein rostroter Kubus in Sicht, gut 30 Meter hoch, ein Monolith. Das neue Troja-Museum wirkt, als wäre es selbst ein Objekt aus der Bronzezeit. Im Inneren werden 3500 Jahre Zivilisationsgeschichte erzählt - und in einem großen Saal für Wechselausstellungen, in dem der Corona-Abstand leicht einzuhalten ist, darf die 7. Biennale Station machen.

Am Boxsack kann man sich die Fäuste blutig schlagen

Dort empfängt ein Werk der türkischen Grande Dame der Konzeptkunst, Füsun Onur, geboren 1938. Es ist ein abgewetzter Bürostuhl, umschlossen von einer schweren Kette. Auf der Sitzfläche, auf der niemand sitzen kann, das Namensschild der Künstlerin. Ein Objekt, das wenig Erklärung braucht. Was der rote Boxsack, den der kurdisch-türkische Künstler Halil Altindere, Jahrgang 1971, von der Decke hängen lässt, in sich hat, das merkt dagegen erst, wer versucht, ihm einen Punch zu geben: Er wird sich die Fäuste blutig schlagen, denn das Innere des Sacks ist aus Marmor. "Spiel" lautet das Motto, dem sich die Objekte zuordnen lassen, ein Spiel mit durchaus unfairem Ausgang. Aber das Spiel des Lebens geht eben weiter, mit all seinen Widersprüchen.

Die 1987 in Ankara geborene Performerin Ekin Bernay hat eine große Spiegelbox aufgestellt, in die Besucher Wunschzettel werfen können wie in einen Opferstock. Dutzende Zettel hängen auch an einer Wand. "Eine saubere Welt", hat jemand auf einem der weißen Blätter notiert, auf einem anderen steht: Liebe und Rock'n'Roll. Und noch: Ein Leben ohne Maske. Masken müssen in der Türkei derzeit immer und überall getragen werden, auf der Straße wie im Museum.

31 Künstlerinnen und Künstler haben Werke geschickt, Videokunst sowie Grafisches, auch aus China, Russland, Polen, Griechenland und Spanien. Die meisten sind wegen der Pandemie nicht selbst erschienen. Nur vier Wochen dauerte die Schau diesmal, an vier Ausstellungsorten. Es kamen längst nicht so viele Interessierte wie vor zwei Jahren, da waren es mehr als 100 000. Dafür haben die Macher sich entschlossen, trotz äußerst beschränktem Budget, so viel wie möglich ab dieser Woche ins Internet zu stellen, wo die Biennale weitergeht (canakkalebiennali.com).

Den Reiz, den die zeitgenössische Kunst in der Aura der Antike entfaltete, kann das Internet jedoch nicht wiedergeben. Das Troja-Museum, schon 2018 eröffnet und 2019 noch ein zweites Mal eingeweiht, dann von Präsident Recep Tayyip Erdoğan, ist nicht nur ein architektonischer Glücksfall - verantwortlich dafür ist das Istanbuler Büro Yalin Mimarlik. Die Einladung an die Biennale spricht auch für die Offenheit der Archäologen. Diese zeigt sich ebenfalls in der gelungenen Präsentation der antiken Funde im Museum, wo man auf Zugänglichkeit setzt. Die vier durch Rampen verbunden Ausstellungsebenen spiegeln wie ein Schnitt durch den Grabungshügel von Troja die Zeitschichten der Zivilisation wieder, die dort, beginnend mit dem deutschen Abenteurer und Entdecker Heinrich Schliemann, seit 1870 ausgegraben wurden. Troja wird, wie es Rüstem Aslan, der erste türkische Grabungsleiter, ausdrückt, seinen Mythos wohl nie verlieren, auch wenn man noch so viel gräbt. "Archäologie reicht hier nicht", sagt Aslan, "man muss glauben können." Aslan ist der Schüler des 2005 verstorbenen letzten deutschen Ausgräbers Manfred Korfmann, er übersetzt nebenbei Hölderlin und Heidegger ins Türkische.

Die Katastrophen kündigen sich eher schleichend an

Homer, der die Geschichte vom Trojanischen Krieg überlieferte, lebte 400 Jahre nach diesem angeblichen Ereignis. "Die Geografie hier ", aber sagt Aslan, "ist genau so, wie Homer sie beschrieben hat." Das Museum hat Guckkastenfenster, sie lassen die mediterrane Landschaft wie gerahmte Ölbilder aus dem 19. Jahrhundert erscheinen. Der an den meisten Tagen des Jahres wehende Nordwestwind gab die Schiffspassage vor und trug den Reichtum in die Region, ins von Homer beschriebene "windige Ilion". Die Fülle der Schätze wirkt überwältigend. Das Troja-Museum kann mit dem schon vor elf Jahren eröffneten Akropolis-Museum in Athen mithalten. Nur ist das weit berühmter, was wegen der Pandemie noch eine Weile so bleiben dürfte. Wie in Athen macht man auch in Troja darauf aufmerksam, dass vieles einst weggetragen und geraubt wurde - hier mit leeren schwarzen Kästen. Die von Schliemann als Goldschatz des trojanischen Königs Priamos gefeierten Preziosen, die nach heutigem Wissen noch älter sind, befinden sich heute im Moskauer Puschkin-Museum, wohin sie nach 1945 aus Berlin als Kriegsbeute gelangten.

Auf den trojanischen Krieg folgten Jahrhunderte der Dunkelheit, des zivilisatorischen Rückschritts, in denen die Griechen angeblich sogar die Schrift vergaßen. "Die Welt, wie wir sie kennen", ist ein weiteres Motto der Biennale. Katastrophen kündigen sich schleichend an: Die Chinesin Cao Fei führt in "La Town" eine moderne Metropolis vor - in einem Zombiefilm im Modelleisenbahnformat. Ähnlich die Türkin Inci Eviner in ihrem Grafikvideo "Parlamento": ein Teil des Lebens hat sich unter die Erde verlagert, wo Menschen wie Maulwürfe leben und stupide immer gleiche Tätigkeiten ausüben. Deniz Erbas, die Biennale-Macherin, sagt: "Was wir heute ausstellen, damit können sich dann die Archäologen von morgen beschäftigen."

© SZ vom 26.10.2020

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