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Kunst und Kino:Gespenster der Leinwand

Das Lenbachhaus öffnet seinen Museumsraum für das Nachdenken über den großen Stummfilm-Künstler F. W. Murnau, der durch seine Bekanntschaft mit dem Malern des Blauen Reiter beeinflusst wurde.

Von Nicolas Freund

Am Anfang ist der Vampir, die kahle Gestalt mit den Klauenhänden und Fangzähnen. Die man, auch wenn man keinen einzigen Film Wilhelm Friedrich Murnaus gesehen hat, als Bild kennt, als den bedrohlichen Schatten, der die Treppe zu seinem nächsten Opfer emporschleicht. Der Vampir ist eine der erfolgreichsten Figuren in der Geschichte des Films und Symbol für das Werk Murnaus. In ihm trifft zusammen, was das Erlebnis des frühen Films ausmachte und noch heute ausmacht: seine Erscheinung als Schattengestalt im schwarz-weißen Spiel des Filmbildes; seine aus Urtiefen der menschlichen Ängste stammende Bedrohlichkeit, deren unbewussten Grund das Kino stets wie auf Traumwegen neu zu entdecken scheint; und seine offensichtliche Existenz in einem Reich zwischen Leben und Tod, die eine unheimliche Verwandtschaft mit dem realen Bild auf der Leinwand hat. Form und Inhalt fallen in ihm zusammen, wie in Murnaus "Faust" der Kampf zwischen Himmel und Hölle im Spiel von Licht und Schatten. Oder wie in "Tabu" der zum Objekt gewordene und als Individuum dagegen ankämpfende Mensch.

Eine Ausstellung über das Werk F. W. Murnaus sieht sich deshalb sofort vor das Problem gestellt, der makellosen Einheit der Filme gar nicht gerecht werden zu können. Der Möglichkeitsraum eines "white cube" ist ideal für vieles, aber nicht für Filmvorführungen. Im Lenbachhaus in München fühlt man sich für den Filmemacher Murnau aber verantwortlich, da ein Sommeraufenthalt in dem Örtchen Murnau am Staffelsee, von dem er sich seinen Künstlernamen borgte, und lose Bekanntschaften mit Mitgliedern des Blauen Reiters den jungen Mann bewogen haben sollen, eine Karriere als Künstler einzuschlagen. Somit gehört er zum erweiterten Kerngeschäft des Museums.

Begleitet wird die Ausstellung von einer Retrospektive, die im Januar im Filmmuseum München läuft und alle erhaltenen Filme Murnaus umfasst. In den Räumen des Lenbachhauses sind seltene Fotos Murnaus, Plakatentwürfe und Projektskizzen zu Filmszenen aufgehängt.

Besonders an den dunklen Skizzen zu "Nosferatu", auf denen sich manchmal eine düster schraffierte Gestalt aus dem Gewirr morscher Balken und hoher Gewölbe herausschält, kann man erahnen, was der französische Philosoph Gilles Deleuze meinte, als er über Murnau und seine Kollegen schrieb: "Im nicht-organischen Leben der Dinge, einem entsetzlichen Leben, das von der Selbstbeschränkung und den Grenzen des Organismus nichts weiß, liegt das erste Prinzip des Expressionismus." Auf einem der gezeigten Set-Fotos des Vampirfilms sitzt - wohl in einer Drehpause - der Hauptdarsteller Max Schreck im Nosferatu-Kostüm auf einer Bank unter einem Baum und blickt den Fotografen an, als wäre ihm alles zu viel.

Filmemacher wie Alexander Kluge und Ulrike Ottinger wurden auf Murnau angesetzt

Diese Filmartefakte sind aber nur Beiwerk. Für den eigentlichen Kern der Ausstellung haben sich die Kuratorin Karin Althaus und ihr Team etwas anderes einfallen lassen: Um dem Œuvre Murnaus auf musealem Boden begegnen zu können, wurden Filmemacher wie Alexander Kluge, Ulrike Ottinger und Studenten der Hochschule für Fernsehen und Film in München (HFF) gebeten, sich in eigenen Beiträgen mit je einem Film des großen Regisseurs auseinanderzusetzen. Videokunst wird schließlich in Museen gezeigt, nicht bloß im Kino. Die meisten Besucher reagieren aber nicht ganz zu Unrecht genervt, wenn von ihnen erwartet wird, sich in einer finsteren Kiste auf harten Bänken mit einem seit unbekannter Zeit laufenden Kunstfilm auseinanderzusetzen, noch dazu, wenn dieser essenzieller Ausstellungsbestandteil ist.

Im Lenbachhaus wird deshalb versucht, die Filme möglichst unterschiedlich zu präsentieren. Das erste Werk, Luc Lagier über "Sunrise", wird schon im Foyer vor den eigentlichen Ausstellungsräumen gezeigt: Zwischen Szenen aus dem Originalfilm sind Ausschnitte aus anderen Kinofilmen wie "Taxi Driver" geschnitten. Robert De Niro und Leonardo DiCaprio staunen dann in der Montage ziemlich naiv über den Klassiker. Auch wenn man danach erwartet, ein Kino zu betreten und stattdessen eine Ausstellung vorfindet: Die Konzeption der Murnau-Hommage funktioniert, auch wenn ihre Schwierigkeiten sichtbar bleiben.

"Aloha", der schrille Beitrag von Ulrike Ottinger, ist eine mehr als halbstündige Mischung aus Murnaus "Tabu", Outtakes von "Tabu" und ihren eigenen Filmen, darunter "Madame X - Eine absolute Herrscherin". Barbusige Europäerinnen aus der Camp-Szene begegnen in der Montage schwarz-weißen Südseeinsel-Bewohnern beim Fischen - etwas konzeptlos, an der Grenze zum Ethnokitsch. Vermutlich sollte der eurozentrische Blick dekonstruiert oder etwas ähnlich Abstraktes erreicht werden. Mit Murnaus Film hat der Beitrag, von den geborgten Bildern abgesehen, aber nichts zu tun.

Alexander Kluge, der gleich daneben zu sehen ist, sammelt Originalszenen, Teile aus Operninszenierungen und Motive wie das Wasser zu "Faust - Eine deutsche Volkssage" und weicht den Fallstricken in der Auseinandersetzung mit Murnau damit besser aus. Er fügt dem Original aber nichts hinzu - und möchte das auch gar nicht. Die Ausstellung ist sich dieser Fallen und Untiefen im Umgang mit Murnaus bereits tausendfach bearbeiteten und kommentierten Werk bewusst, scheint aber aus Prinzip den Museumsraum zu suchen, wo sie eigentlich auch ein Kinoabend oder eine Filmreihe hätte werden können.

Ihre Stärken hätte diese Form im Umgang mit den verlorenen Filmen Murnaus ausspielen können, wie "Der Januskopf". Der beste Beitrag der Ausstellung setzt sich mit diesem Thema auseinander: Der Regisseur Guy Maddin und der Komponist Evan Johnson rekonstruieren aus verschiedenen Richtungen anhand alter Szenenbeschreibungen und Motive von Edgar Allan Poe bis Charles Baudelaire eine Kurzfassung des verschollenen Films, die spielerisch auf das vielschichtige Thema des doppelköpfigen Janus zielt. Die Begleittexte weisen ansonsten nur darauf hin, dass übrigens viele Filme Murnaus verschollen sind.

Die HFF-Studenten Narges Kalhor, Jonas Neumann, Friedrich Rackwitz und Felicitas Sonvilla schließen diese spannende, aber mit sich selbst hadernde Schau dann ab: Ihre Beiträge denken über die Vampire und Leinwandgespenster nach, an denen kein Filmstudent ungeschoren vorbeikommt.

F. W. Murnau. Eine Hommage. Lenbachhaus, München. Bis 26. Februar 2017. www.lenbachhaus.de

© SZ vom 26.10.2016
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