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Kunst:Qual und Komik

Jenseits des Kaffeetassenkünstler-Klischees: Keith Haring in einer umfassenden Retrospektive im Folkwang-Museum Essen.

Von Alexander Menden

Was auch immer seine Kritiker sonst an dem Künstler Keith Haring auszusetzen haben - seine vermeintliche Kommerzialität und Oberflächlichkeit, sein wiederholtes Abschreiten eines limitierten Symbol- und Motivkreises - eines konnten selbst die böswilligsten nie bestreiten: die Sicherheit seines Strichs. Seinen Bildern ist genau abzulesen, mit welcher Geschwindigkeit und Souveränität Haring seinen Pinsel führte. Den Maler in Aktion zu sehen, untermauert diesen Eindruck in hypnotischer Weise: In einem Video von 1979 mit dem Titel "Ich male mich selbst in die Ecke" gestaltet Haring, nur mit einer Jeans bekleidet, den weißen Boden eines quadratischen Raums mit schwarzer Farbe. Ineinandergreifende Formen, aus denen sich ein zunehmend dichtes, aber großzügiges Muster herausbildet. Am Ende sitzt Haring dann wirklich in der Ecke, weniger eingezwängt als offenkundig zufrieden.

"Painting yourself into a corner" bedeutet im Englischen so viel wie "sich in eine aussichtslose Lage manövrieren". In gewissem Sinne tat Haring das in seinem kurzen, intensiven Leben. Nur elf Jahre nachdem das Video entstanden war, starb er im Alter von 31 an den Folgen von AIDS - einer Krankheit, für deren Enttabuisierung er als Aktivist der "Act Up"-Kampagne selbst so viel getan hatte. Doch sein gigantischer künstlerischer Ausstoß erzählt eine andere Geschichte, eine Geschichte kreativer Grenzenlosigkeit.

Dass davon in den Köpfen vieler nur das Image eines "Kaffeetassenkünstlers" übrig blieb, ist ebenso unangemessen wie falsch. Ja, seine leuchtenden Babys, dreiäugigen Aliens und bellende Hunde sind bis heute auf unzähligen Merchandise-Artikeln abgebildet. Doch wie fehl am Platz die Hochnäsigkeit ist, mit welcher ja weniger seiner Kunst selbst als vielmehr ihrer Popularität vielfach begegnet wird, lässt sich nun in der Keith-Haring-Retrospektive des Essener Museums Folkwang nachvollziehen.

Die Zusammenarbeit mit der Tate Liverpool, einer früheren Wirkungsstätte des Folkwang-Direktors Peter Gorschlüter, gibt nun einen umfassenden, weitgehend chronologischen Überblick über Harings kurze, intensive Karriere im New York der Achtzigerjahre. Aufgewachsen in Pennsylvania, begann er früh mit kleinteiligen Zeichnungen, die am ehesten an Paul Klee erinnern und bereits die Genauigkeit und Ansatzlosigkeit seiner späteren Ästhetik andeuten. Nach New York gezogen, entdeckte er nicht nur seine Homosexualität, sondern begann auch einen intensiven künstlerischen Austausch mit jungen Graffiti-Artists. Seine Nutzung sämtlicher sich anbietender Flächen, von Taxi-Kühlerhauben bis zu U-Bahn-Werbepaneelen, zeigt einen Menschen, der Kunst in die Welt tragen, sie zu einem selbstverständlichen Teil der Alltagswirklichkeit machen wollte.

Seine öffentlichen Interventionen erfolgten lange bevor Epigonen wie Banksy sich dieses Mittels bedienten. Sie waren witzig und politisch, wie die zusammengeklebten Zeitungsschlagzeilen ("Ronald Reagan accused of TV star sex death!") die er in Guerilla-Manier auf Knöchelhöhe an Hauswänden platzierte. Auch manches, das heute, in Zeiten der freiwilligen medialen Aus- und Bereitstellung des Individuums selbstverständlich ist, nahm Haring vorweg. Für den legendären Club 57, in dem er seine ersten Ausstellungen hatte, machte er etwa eine Videoaufnahme, in deren Verlauf er unausgesetzt tanzend direkt in die Kamera grimassiert, die in der Rückschau wie ein Proto-YouTube-Clip wirkt.

Religiöse Symbolik, Kreuze und Gloriolen, spielten eine wichtige Rolle in Harings Schaffen

Zu den rund 200 Exponaten in Essen, viele davon Leihgaben der Keith Haring Foundation, gehören spektakuläre Riesenformate wie die 1,80 mal 15 Meter messende "Matrix" von 1983, in der sämtliche Haring-Symbole in einer schwarz-weißen, an australische Aboriginal Art erinnernden Phantasmagorie aus einander herauswachsen. Fast noch faszinierender sind aber die intimeren Arbeiten, wie "The Story of my Life in 17 pictures" (1984). Der kleine Comicstrip ist eine kondensierte Biografie, von der Geburt, über einen fast tödlichen Autounfall in seiner Kindheit, den ersten Sex mit einer Frau, den ersten Sex mit einem Mann, New York, Geld, Freunde wie Andy Warhol. Im letzten Bild eine schwer zu entziffernde, schwebende Figur - eine Art Auferstehungsfantasie?

Religiöse Symbolik spielte eine wichtige Rolle in Harings Schaffen, der eine Zeitlang den "Jesus-Freaks" angehört hatte. Auch nach seiner Distanzierung von dieser Bewegung blieben Kreuze und Gloriolen fester Bestandteil seiner Privatikonografie. Doch in den späten Arbeiten, die eine direkte Auseinandersetzung mit der eigenen Erkrankung darstellen, tritt diese Symbolik zugunsten eines deutlich weniger scharf umrissenen Stils in den Hintergrund. Im letzten Raum sind Arbeiten zu sehen, die man auch bei genauerer Betrachtung nicht automatisch mit Keith Haring in Verbindung bringen würde. Eine "Apokalypse"-Serie mit Texten von seinem langjährigen Freund, dem 40 Jahre älteren Beat-Autor William Burroughs, die das Museum Folkwang gerade neu erworben hat. Haring reagiert auf Burroughs assoziativen Collagestil ("Pan, Gott der Panik, peitscht kreischende Massen, da Millionen Gesichter in den zerfetzten Himmel starren.") mit einer eigenen Collage, wilden Verweisen auf da Vinci, gehörnten schwarzen HIV-Spermien, Phallus-Symbolen.

Es ist ein ganz neuer, weit weniger kontrollierter, vielschichtigerer Stil voller Qual und Komik, der sich zwei Jahre vor seinem Tod entfaltet, und den Keith Haring aufgrund dieses frühen Todes nicht mehr weiterverfolgen konnte. Allerspätestens hier dürften sich bei jedem Betrachter die Klischees über diesen bemerkenswerten Künstler endgültig aufgelöst haben.

Keith Haring. Museum Folkwang, Essen. Bis 29. November. Der Katalog kostet 19,59 Euro. Info: museum-folkwang.de.

© SZ vom 24.09.2020

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