bedeckt München

Interview am Morgen: Kunst im Impfzentrum:"Meine Arbeiten sind immer deplatziert"

Ansichten aus dem Impfzentrum
Künstler: Gereon Krebber

"Gegebenheiten sind Gelegenheiten": Gereon Krebbers Kunst im Bottroper Impfzentrum.

(Foto: Gereon Krebber)

Der Bildhauer Gereon Krebber stellt seine Werke da aus, wo sich Menschen in Bottrop gegen das Coronavirus impfen lassen. Und eine halbe Stunde bleiben müssen, praktischerweise.

Interview von Alexander Menden

Der Bildhauer Gereon Krebber, Jahrgang 1973, ist bekannt für seine oft etwas verstörenden skulpturalen Interventionen. Er lebt und arbeitet in Köln und hat eine Professur an der Kunstakademie Düsseldorf. Aufgewachsen ist er in Bottrop. Im dortigen Corona-Impfzentrum zeigt er derzeit unter dem Titel "Covid/B1-Remix" eine spontan zusammengestellte Retrospektive von Arbeiten aus den vergangenen 20 Jahren. Wer geimpft wird, kommt automatisch auch in den Genuss dieser Ausstellung. Sonst darf niemand rein.

SZ: Wie kam es, dass Sie ein Impfzentrum mit Kunst ausgestattet haben?

Gereon Krebber: Eigentlich sollte ich im gerade eröffneten Anbau des Bottroper Kulturzentrums neue Arbeiten zeigen. Das musste aber wegen Corona dreimal verschoben werden. Dann stellte sich heraus, dass das ehemalige Indoor-Golf-Center zum Impfzentrum umfunktioniert werden sollte. Der Besitzer ist ein Freund meiner Eltern. Er hat mich angerufen und gesagt: "Du hast doch da sowieso so viele Sachen nebenan rumstehen, willst du nicht in dem Impfzentrum was zeigen?"

Ist das als Umgebung passend für Ihre Werke?

Ich sage immer: Gegebenheiten sind Gelegenheiten. Außerdem gehe ich mit meiner Kunst sowieso am liebsten in die Zwischenräume. Da ist in der Mitte so ein Putting Green, 350 Quadratmeter, aufwendig modelliert mit Kunstrasen. Das musste abgedeckt werden und es darf keiner drauf, damit sich niemand den Knöchel bricht, weil ja Golflöcher unter der Plane sind. Aber draufstellen kann man was. Ich habe Arbeiten aus den letzten 20 Jahren ausgewählt. Eine disparate, heterogene Mischung. Eine liegende pinke Puppe, Mobiles aus Spiegelgläsern, eine mattweiß glasierte Kugel. Man kann nichts berühren, also weiß man auch nicht, ist ein Objekt schwer oder leicht?

Ansichten aus dem Impfzentrum
Künstler: Gereon Krebber

Putting Green, Plane, Kunst: Der Ausblick im Impfzentrum in Bottrop.

(Foto: Gereon Krebber)

Manche Künstler sind ja speziell, wenn es darum geht, den richtigen Raum für ihre Arbeiten zu gestalten.

Meine Arbeiten sind immer invasiv, deplatziert und prekär, so arbeite ich. Das Impfzentrum wäre zum Beispiel für Künstler, die irgendwas an die Wände hängen wollen, völlig unbenutzbar. Aber mir kam das eher entgegen. Ich fand die Plane als Basis gut, da habe ich mit Klebeband eine Bodencollage draus gemacht. Und natürlich musste ich drauf achten, dass alle Arbeiten schwer entflammbar sind, sie mussten Brandschutzklasse B1 haben. Deshalb heißt die Ausstellung auch "Covid/B1-Remix". Aber ansonsten wäre es mir viel zu akademisch gewesen, da eine eigene, ortsspezifische Installation zu machen - in dem Sinne: "Hier geht's um das Virus!" Nein, es geht um was anderes.

Worum geht es denn?

Mir geht es vor allem um die Körperlichkeit der Skulpturen. Der Betrachter kann an dem, was er sieht, vielleicht etwas wiedererkennen, das ihm gerade selber widerfährt. Es gibt da eine Analogie. Denn beim Impfvorgang wird man ja stark auf den eigenen Körper und seine Verletzlichkeit hingewiesen. Es ist kein visuelles Anästhetikum, wie Krankenhauskunst sie oft ist. Aber natürlich gibt es eine ästhetische Differenz zwischen dem Anlass, dem Impfen, und den Arbeiten, die man dort sieht. Ich sehe es als Chance, autonome, körperliche Skulptur in großer Bandbreite zu zeigen.

Pressebild von Gereon Krebber, Künstler, Impfzentrum

Es ist kein visuelles Anästhetikum, wie Krankenhauskunst sie oft ist: Gereon Krebber über seine Werke im Bottroper Impfzentrum.

(Foto: Manfred Förster)

Wieviel Gelegenheit haben die Menschen nun, Ihre Kunst wahrzunehmen?

Es ist jedenfalls nicht wie im Museum, wo das Publikum ja eigens hingeht, um Kunst anzuschauen. Im Gegenteil, man ist in einem völlig kunstfernen Rahmen. Diese Impfstraße ist fast militärisch durchorganisiert. Da steht Security, die checkt, ob man überhaupt reindarf. Wenn man reinkommt, wird Fieber gemessen, dann wird man wie ein Schulkind an einen Tisch gesetzt und über die Risiken aufgeklärt, dann in eine Box gesetzt, und dann wird geimpft. Danach ist eine halbe Stunde Wartezeit, während der man unter Beobachtung ist, falls man irgendwie unmittelbar auf die Impfung reagiert. Man kann sich nicht frei bewegen, sondern nur von seinem Stuhl aus auf diese unbewegten Objekte gucken.

Ist das erzwungene Verweilen Vor- oder von Nachteil für die Rezeption von Kunst?

Ich finde es super, weil die Verweildauer von Besuchern in einem Museum erfahrungsgemäß pro Kunstwerk, selbst bei Videoinstallationen, maximal zwei Minuten beträgt.

Kostenfreies Bild,Impfzentrum Kunst.
Künstler: Gereon Krebber

Pinke Puppe, liegend: Im Bottroper Impfzentrum sind Werke von Gereon Krebber aus den vergangenen 20 Jahren ausgestellt.

(Foto: Gereon Krebber)

Wo lassen Sie selbst sich impfen?

Man kann sich ja seinen Impfort frei wählen. Wenn ich an der Reihe bin, gehe ich auf jeden Fall nach Bottrop. Man kann da ja nicht einfach reinlaufen, und ich möchte das Ganze auch einmal im Betrieb sehen.

© SZ/hert
Zur SZ-Startseite
Andy Warhol im Museum Ludwig

SZ PlusKultur-Lockdown
:Zuflucht im Museum

Die Museen sind groß, klimatisiert, beleuchtet, bewacht - und trotzdem seit Wochen geschlossen. Warum es an der Zeit ist, über eine Öffnung nachzudenken.

Kommentar von Catrin Lorch

Lesen Sie mehr zum Thema