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Kunst im öffentlichen Raum:Völlig schwerelos

Emissionsfrei übers Stoppelfeld: Diese kissenförmigen Objekte ließ das Team von Tomás Saraceno im Rahmen des Projekts "Aerocene" schon an anderer Stelle steigen.

(Foto: Studio Tomás Saraceno, 2018)

Der argentinische Künstler Tomás Saraceno realisiert sein Projekt "Aerocene" in München

Von Evelyn Vogel

Man muss Spinnen nicht mögen. Aber eines können sie perfekt: Netze bauen. In sofern kann man die Faszination des Künstlers Tomás Saraceno für die vielbeinigen Netzkünstler verstehen. In Glaskästen hat er sie ihre zarten Gespinste weben lassen und hat mit Hilfe von Licht und Staub faszinierende Objektwelten inszeniert, die selbst Menschen mit Arachnophobie begeistern. Ganze Räume hat er nach diesem Vorbild mit Strukturen durch- und überzogen, hat Gravitationswellen aus solchen Netzwerken in Naturräumen erschaffen und mit Seilen und Spiegeln netzartige Installationen in Hallen gebaut.

Nun werden auch die Münchner ein großes Projekt von Tomás Saraceno erleben dürfen. Denn an diesem Donnerstag hat der Kulturausschuss beschlossen, im Sommer das Projekt "Aerocene Munich" von Saraceno zu realisieren. Das Kulturreferat der Landeshauptstadt hatte ihn im Rahmen eines Wettbewerbs des Programms Kunst im öffentlichen Raum eingeladen. Damit werde München - zumindest im Rahmen des Projekts - "emissionsfrei", wie die Verantwortlichen jubeln. Denn auf verschiedenen öffentlichen Freiflächen können Interessierte emissionsfreie Ballonflüge ausprobieren, und zwar mit Solar-Skulpturen, die sich nur durch Sonnenhitze, Infrarot-Erdstrahlung und Wind fortbewegen. Der Künstler und das Team der Aerocene Foundation führen dem Stadtrat zufolge mit einfach zu bedienenden "Aerocene Explorer Sets" vor, "wie Fortbewegung in der Luft allein mit den natürlichen Ressourcen Luft, Wärme und Wind möglich ist - ohne jeden fossilen Brennstoff, ohne Kerosin, Gase (Helium) oder Batterien." Der alte Traum vom Fliegen soll umweltfreundlich wahr werden. Wenn das nicht ein großer Spaß für die ganze Familie wird.

Seit einigen Jahren schon arbeitet der 1973 geborene argentinische Performance- und Installationskünstler an der Schnittstelle von Kunst, Architektur, Technik und Wissenschaft. Zu dem Projekt teilt das Kulturreferat mit: "In seinen Arbeiten verfolgt er die Vision einer nachhaltigen, schadstofffreien, menschlichen Mobilität im Luftraum. Saracenos Kunstbegriff zielt auf realisierbare Utopien, um das Zusammenleben von Mensch und Natur respektvoll zu gestalten." Das Konzept "Aerocene Munich" gehe aus der von Saraceno initiierten Aerocene Foundation hervor, einer international und multidisziplinär vernetzten Nonprofit-Organisation. "Dabei steht ,Aerocene' für ein künftiges nachhaltiges und emissionsfreies ,Luftzeitalter', das den schädlichen Einfluss des jetzigen Anthropozäns auf das Ökosystem der Erde ablösen soll."

Das Projekt wurde bereits in Barcelona (Spanien), Esperance (Australien), Cambridge, Massachusetts (USA) und in den Salzwüsten Argentiniens realisiert. Im Sommer kann man nun ausprobieren, wie es sich anfühlt, vollständig emissionsfrei über den Münchner Stadtraum zu schweben. Wie oft die Solar-Skulptur aufsteigen wird und wo genau dies sein wird, müssen Tomás Saraceno und sein Team noch herausfinden. Denn klar ist, es muss sich um Freiflächen mit gewissen Ausmaßen handeln, auf denen man nicht in Gefahr gerät, mit Stromleitungen oder ähnlichem zu kollidieren. Da München mit dem Englischen Garten, der Theresienwiese und den Isarauen ja doch über einige freie Flächen verfügt, sollte dies wohl nicht all zu schwer sein.

© SZ vom 01.02.2019

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