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Kunst:Ein Kibbuz namens Buchenwald

Der israelische Künstler Gil Yefman beschäftigt sich mit der sexuellen Gewalt gegen KZ-Insassinnen.

Ein Mann, der wie Hitler aussieht und in Begleitung einer schwarzen Frau durch den Schornstein des Krematoriums im KZ Buchenwald fliegt: Es ist ziemlich harter Stoff, den Gil Yefman und Dov Or-Ner in ihrer Videoinstallation bieten, die das Kernstück der Ausstellung "Kibbutz Buchenwald" im Tel Aviv Museum of Art ist. Sie sind auch in den Waschräumen und auf dem Appellplatz der Gedenkstätte.

Penelope und Bad Renro sind zwei Kunstfiguren, hinter denen die beiden Künstler stecken. Dov Or-Ner ist ein 93-jähriger Holocaust-Überlebender, der eine Figur geschaffen hat, die "nicht Hitler ist, sondern nur Hitler ähnlich sieht", wie Yefman erläutert. Der Konzeptionskünstler beschäftigte sich erst im Alter von 80 Jahren mit dem Holocaust und seinen eigenen Erfahrungen. Weil seine Ausstellung "Hitler, Mon Ami" von 2006, in der er den NS-Führer als Transgenderperson darstellte, heftige Debatten in Israel auslöste, erfand er die Kunstfigur Bad Renro. Yefman verkörpert Penelope, eine Figur mit weiblichen und männlichen Eigenschaften.

Der junge israelische Künstler Yefman, selbst 1979 in einem Kibbuz geboren, stellt in dieser Ausstellung eine Verbindung zwischen drei Orten in Deutschland und Israel her: der heutigen KZ-Gedenkstätte Buchenwald, der früheren Ausbildungsstätte für Palästina-Auswanderer Kibbuz Buchenwald in Osthessen und dem Kibbuz Netzer Sereni in Israel.

Den Kibbuz Buchenwald hatten kurz nach der Befreiung rund 50 ehemalige KZ-Insassen im Juni 1945 auf dem Gehringshof bei Fulda gegründet. Es war das erste landwirtschaftliche Vorbereitungscamp für die Ausreise nach Palästina auf deutschem Boden nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Kibbuz existierte bis 1948, dem Jahr der Staatsgründung Israels. Einige der in Hessen ausgebildeten Auswanderer gründeten dann im Juni 1948 in Israel einen Kibbuz in der Nähe von Tel Aviv, den sie zunächst ebenfalls Buchenwald nannten. Diesen Namen mussten sie jedoch im Frühjahr 1949 nach Protesten ändern, ein Regierungskomitee für Ortsnamen lehnte fremdsprachige Bezeichnungen ab, noch dazu eine deutsche mit starkem Bezug zur Shoah. So wurde der Kibbuz Netzer Sereni daraus, der heute ein beliebter Ort für Hochzeiten ist.

Gil Yefman "Kibbutz Buchenwald

Gil Yefman und Dov Or-Ner im Video "Kibbutz Buchenwald".

(Foto: Tel Aviv Museum of Art)

Die beiden Kunstfiguren tauchen nach ihrem Verschwinden in den Schornstein des Krematoriums Buchenwald im Zentrum Israels wieder auf. Yefman will mit dieser Videoinstallation eine Brücke schlagen vom Holocaust zum Überleben und der Gründung des Staates Israel. Er lässt die Fantasiewelt wiederauferstehen, in die sich viele Holocaust-Überlebende geflüchtet haben. "Kibbutz Buchenwald" ist ein imaginärer Ort. Man hört Vogelgezwitscher und nebenan kann man ins Bordell gehen.

Das Bordell ist in der Ausstellung in einem mit einem goldenen Vorhang abgegrenzten Bereich eingerichtet. Das deutsche Wort "Schlampe" leuchtet als Lampe über dem Bett. Von Zeit zu Zeit schlüpft Yefman im Rahmen seiner Performances in eine der Puppen auf dem Bett, nur die Augen verraten, dass sich dahinter ein Mensch verbirgt.

Laut Historikern wurden aber jüdische Frauen nicht zur Prostitution gezwungen. Yefman beruft sich auf eine Zusammenstellung des israelischen Fraueninstituts, die Fälle von "sexueller Gewalt gegen jüdische Frauen während des Holocausts" auflisten. Außerdem bezieht er sich auf die von Wissenschaftlern der Yad Vashem inzwischen als Fiktion entlarvte, 1955 erschienene Novelle "House of Dolls" des Holocaust-Überlebenden Yehiel De-Nur, in der er sexuelle Sklavenarbeit einer jüdischen Frau beschreibt.

Ausstellungsansicht "Kibbutz Buchenwald".

(Foto: ELAD SARIG PHOTOGRAPHY; Tel Aviv Museum of Art)

Dass auch jüdischen Frauen sexuelle Gewalt angetan wurde, ist laut Yefman "ein blinder Fleck": Viele Israelis wüssten nichts darüber, es werde schlicht nicht thematisiert. Genauso gehe es vielen Frauen, die aus Eritrea und dem Sudan vor Jahren in Israel ankamen und darum kämpfen, als Flüchtlinge anerkannt zu werden.

255 Freiwillige haben mit Mitgliedern des Kuchinate-Kollektivs, einer Vereinigung afrikanischer Frauen in Israel, zwei Wochen lang Blätter gehäkelt, die am Eingang der Ausstellung zu einer dichten Hecke werden. Sie sollen laut Yefman die Versuche der Nazis symbolisieren, die Eingänge zu Krematorien hinter Pflanzen zu verstecken. Seit 2016 arbeitet Yefman mit dem Kollektiv zusammen. Er hat sein Atelier im Süden Tel Avivs, wo viele der 38 000 Flüchtlinge aus Afrika gestrandet sind.

Doch es sind zu viele Aspekte, die Yefman in dieser Ausstellung zusammenführt. Überzeugender wäre sie, wäre er bei dem Thema Holocaust und dessen Bewältigung geblieben. Er selbst ist zweimal nach Buchenwald gefahren, um zu recherchieren und um Filmaufnahmen zu machen. Die Szenen wurden dann im Studio nachbearbeitet, die Figuren hinzugefügt. Yefman will mit dieser Arbeit "eine sehr unterdrückte Geschichte ins Zentrum stellen" und "auf die Kluft zwischen Vorstellung und Realität" hinweisen: "Weder Buchenwald noch der Kibbuz erscheinen als real existierende Orte. Jeder projiziert seine eigenen Vorstellungen."

Gil Yefman: Kibbutz Buchenwald. Tel Aviv Museum of Art. Bis 31. August.