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Kunst & Architektur:Bürgertraum

Der Mäzen Alexander Otto hat den Umbau der Hamburger Kunsthalle finanziert. Nun gibt sich das Museum ehrwürdig und ziemlich abgeschottet - aber die Kunst strahlt aufgeräumt.

Von Kia Vahland

Stolz sind sie in Hamburg, auf ihre Kunst, ihr Bürgertum, darauf, dass ein bedeutendes Bauvorhaben hier tatsächlich unkompliziert abgeschlossen wurde: der Umbau der Kunsthalle, des wohl wichtigsten Kunstmuseums in Norddeutschland. Zwei Tage lang feierten die Hamburger an diesem Wochenende ihre erneuerte Kunsthalle und auch sich selbst. Schließlich hat das Haus in der Stadt ohne Könige eine lange bürgerliche Tradition, es nährt sich seit dem 19. Jahrhundert von den Stiftungen und Schenkungen vermögender Hamburger.

Schon beim ersten Bau des Museums 1869 hat der Senat lediglich ein Drittel der Kosten getragen. Für den jüngsten Umbau musste die Stadt nur sieben Millionen Euro für Depot und Außenanlagen übernehmen, die restlichen 15 Millionen Euro trug Alexander Otto, Betreiber des Einkaufspassagen-Imperiums ECE. Sein Unternehmen übernahm auch die Bauleitung. Nun steht ECE nicht gerade für ein kritisches historisches Bewusstsein; in Braunschweig hat die Firma für eine Shoppingmall die alte Schlossfassade rekonstruiert und entfremdet, in Oldenburg nimmt eine einfallslose neue Einkaufspassage dem zentralen Schlossplatz seinen Weitblick.

So stellen sich jetzt mehrere Fragen: Fühlt sich die Hamburger Kunsthalle wie ein Einkaufszentrum an? Was bedeutet es für ein öffentliches Museum, wenn ein einziger Sponsor zahlt und auch noch die Arbeiten ausführt? Ist das Museum jetzt schöner, sortierter als früher, und ist es auch einladender geworden?

Früher zeigte der Eingang zum urbanen Chaos des Bahnhofs - jetzt wendet der Bau sich ab

Am Freitagabend fahren die Limousinen zur ersten der vielen Eröffnungsfeierlichkeiten vor. Sie halten vor dem ältesten der drei Gebäude, dem mittleren. Die historistische Fassade protzt mit den Namen Dürer und Michelangelo. Eine Drehtür führt jetzt hier in den Gebäudekomplex hinein, dafür wurde der langjährige Eingang auf der Seite zum Hauptbahnhof geschlossen. Wer eher die U-Bahn als die Limousine nimmt, muss sich vom Bahnhof kommend auf einer quälend langen Verkehrsstraße gegen den Wind stemmen.

Endlich angekommen, bleibt nicht wirklich Raum, um sich an der kunstvoll ausgeschmückten Fassade zu erfreuen, denn vor ihr erstreckt sich ein Podest, eine Art überdimensionierte Grabplatte, die nicht einmal mehr von Skateboardfahrern gerne benutzt wird. Es handelt sich um den Vorbau der 1997 von Oswald Mathias Ungers errichteten Galerie der Gegenwart, dem kubusförmigen dritten Gebäudeteil nach dem historistischen Gründerbau und seiner neoklassizistischen Erweiterung im frühen 20. Jahrhundert. Die Galerie der Gegenwart ist eine weiße Trutzburg. Elitär und abweisend thront sie auf ihrem Sockel - und versperrt den Blick vom neuen Haupteingang Richtung Stadt und Alster. Die Kunst steht sich selbst im Weg.

Das Museum öffnet sich mit dem neuen Eingang gerade nicht gegenüber der Stadt, wie es im ausgehenden 19. Jahrhundert der Fall gewesen sein mag, als die Fassade des Gründerbaus noch wirklich Schaufassade war, zum An- und Herausblicken gedacht. Und: Sie kehrt nun auch dem Hauptbahnhof den Rücken zu, wendet sich von dessen unwirtlichen, unordentlichen Vorplätzen ab, anstatt gerade aus diesem Großstadtchaos Impulse zu ziehen. So hatte es noch der erste Direktor der Kunsthalle, Alfred Lichtwark, gesehen, der ja deswegen den zweiten, klassizistischen Bau zum Bahnhof hin öffnen wollte - was seine Nachfolger auch taten. Vielleicht hätte auch der aktuelle, demnächst scheidende Direktor Hubertus Gaßner die Tür zum Bahnhof nicht ganz verschlossen, hätte die Stadt hier nicht eine Sparidee durchgesetzt: Mit dem neuen Haupteingang brauche man doch keine Kassiererinnen mehr an den anderen Türen, hieß es, also auch nicht in der Galerie der Gegenwart. Dort steht jetzt nur noch ein Kassenautomat für Eingeweihte - alle anderen müssen sich durch den dunklen innerhäusigen Tunnel unter dem Podest zwängen, um Kunst nach 1960 zu erleben.

Einladender geworden ist das Museum also nicht. Ein Kaufhaus ist es dabei auch nicht geworden - sicher, es gibt neureich auftrumpfende Details wie die heiligenscheinrunden Leuchten im neuen Eingang und die Goldlettern zu Ehren der Stifter. Doch insgesamt sind die architektonischen und gestalterischen Eingriffe spärlich. Der Verdacht, ECE setze hier seine alles gleichmachende Warenhausästhetik durch, erhärtet sich nicht. Wer seine Vorstellungen auf ganzer Linie verwirklichen konnte, ist der Museumsdirektor. Kein Stararchitekt mischte sich ein, keine Sponsoren stritten sich, und solange es nicht teurer wurde als geplant, konnte Gaßner mit dem Architektenbüro Landwehr Henke + Partner alle gestalterischen Wünsche durchsetzen: Bitte keine durchgehende Glasfront im historischen Eingang, und den Anbau für die Verwaltungsbauten bitte im schlichten Backstein statt in Glas und Stahl. Ein Museumsdirektorentraum - endlich einmal Herr sein im eigenen Haus.

Einen Architektenwettbewerb gab es nicht. Der aber hätte vielleicht verhindern können, dass das Museum sich nach außen so abkapselt, wie dies jetzt geschieht. Nur weil die Hamburger sich nicht so schnell abschrecken lassen, weil die Kunsthalle so sehr zu ihnen gehört wie die Landungsbrücken oder der Michel, funktioniert der Umbau trotzdem. Wer einmal drinnen und die gediegene alte Freitreppe hochgeschritten ist, den empfängt die Kunst so strahlend und aufgeräumt wie nie zuvor. Die goldene Schwere des 19. Jahrhunderts weicht im ersten Raum der hellen Leichtigkeit der Fünfzigerjahre, dem Anfangs- und Endpunkt des neuen Parcours. Schon im nächsten Raum bricht sich das Weiß der Moderne wieder nachtblau; wir sind im Hamburg des 14. Jahrhunderts, Meister Bertrams Altar verlangt Versenkung. Im Fortgang der Epochen wechseln die Farben, Caspar David Friedrichs "Wanderer über dem Nebelmeer" schaut auf melancholisches Graublau. Zu harsch wirkt nur das aggressive Dottergelb der Rotunde: Johann Heinrich Füsslis bleiche Leiber erblassen noch mehr, und den dunklen Francisco de Goya blendet so viel Sonne sichtlich. Dafür entschädigt dann die klassische Moderne, die als Schwerpunkt der Sammlung endlich genügend Raum erhält - auf neutrales Weiß gehängt.

Beim Parcours also zeigen die Museumsleute, was sie meisterhaft können - wären da nicht die schon genannten Architekturprobleme. Es gibt eine wunderbar aufbereitete Abteilung namens "Transparentes Museum", die von Zuschreibungsfragen, Herkunftsgeschichten, Sammlergeschmack berichtet. Gaßner widerstrebte es offenbar, mit so viel Metaebene die Kunstsäle zu belasten. Das ist nachvollziehbar. Nicht aber, dass man das Transparente Museum kaum noch findet, weil es in den Gängen liegt, die zum früheren Ausgang Richtung Hauptbahnhof führen - und damit nun in die Sackgasse. Überhaupt wirkt der alte Eingang, eine hohe Säulenhalle, jetzt gespenstisch halb tot. Das gleiche Problem hat die Galerie der Gegenwart - die Menschen bleiben fern, weil sie für die neu gewonnenen Schauräume Umwege nehmen müssten.

In Hamburg zu besichtigen ist der Traum von einer Rückkehr zu den bürgerlichen Idealen des 19. Jahrhunderts, zu ungestörtem Kunstgenuss, einer bildungsstolzen Stadtgemeinschaft und selbstverständlichem Mäzenatentum. Das ist ein schöner Traum. Er riskiert aber, in Nostalgie zu erstarren, wenn er nicht den Anschluss findet an die gesamte Gesellschaft der Gegenwart. Ein wenig mehr Transparenz, Diskursbereitschaft und Mut zur Hässlichkeit, ein bisschen weniger Ehrwürdigkeit und Abschottung: Das könnten Hamburger und Zugereiste von ihrer Kunsthalle verlangen.

© SZ vom 02.05.2016
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