Kulturpolitik Genügend Vertrauen

Seit 1992 Chef der Berliner Staatsoper: Daniel Barenboim.

(Foto: Bernd von Jutrcezenka /dpa)

Stardirigent Daniel Barenboim bleibt bis 2027 Generalmusikdirektor in Berlin. Sein Vertrag wurde trotz der Vorwürfe wegen Machtmissbrauchs um fünf Jahre verlängert.

Von Julia Spinola

Daniel Barenboim soll bis 2027 Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper Unter den Linden bleiben. In einer kurzfristig angesetzten Pressekonferenz teilte der Berliner Kultursenator Klaus Lederer am Dienstag mit, dass Barenboims bis 2022 reichender Vertrag um fünf Jahre verlängert wird. Die Vertragsverlängerung, üblicherweise eine Formalie, hatte in den vergangenen Monaten für Diskussionen gesorgt, da Klagen über einen autokratischen Führungsstil des Dirigenten laut geworden waren. Das Online-Magazin Van hatte im Februar unter dem Titel "Der Poltergeist" einen Artikel veröffentlicht, in dem rund ein Dutzend anonyme ehemalige Mitarbeiter Barenboims mit Vorwürfen zitiert wurden. Barenboim habe Musiker in den Proben systematisch fertig gemacht und persönlich "unter der Gürtellinie" gedemütigt, hieß es da etwa. Kurz nach Erscheinen des Artikels hatten sich einzelne Zeugen auch namentlich zu Wort gemeldet, so der Solopauker Willi Hilgers, der bis 2013 in der Staatskapelle spielte und heute an der Bayerischen Staatsoper verpflichtet ist.

Lederer erklärte, er sei den Vorwürfen gemeinsam mit dem Staatsopernintendanten Matthias Schulz in ausgiebigen Gesprächen nachgegangen. Es habe sich erstens herausgestellt, dass sie keinerlei rechtliche Relevanz hätten. Zweitens sei der große Wunsch aller Beteiligten, die erfolgreiche Zusammenarbeit miteinander fortzusetzen und gemeinsam für ein besseres Kommunikationsklima zu sorgen, ausschlaggebend für die Entscheidung des Senats gewesen. Orchestervorstand Susanne Schergaut betonte: "Wir möchten uns unser Verhältnis zu unserem Chef nicht von außen erklären lassen." Die gemeinsame Arbeit fuße auf einem lange gewachsenen Vertrauensverhältnis zwischen dem Orchester und seinem Chefdirigenten. Der 76-jährige Barenboim sagte, er wolle so lange bleiben, wie seine Kräfte es erlaubten und das Orchester ihn wolle. Er habe keineswegs vor, "als Reliquie" zu enden.

Tatsächlich hat Barenboim als Staatsopernchef (seit 1992) und als Chefdirigent der Staatskapelle Berlin auf Lebenszeit eine besondere Machtposition. Er kann musikalische Karrieren auf den Weg bringen oder sie frühzeitig enden lassen. Es steht für viele allerdings auch außer Frage, dass Berlin sich mit diesem Künstler von Weltrang glücklich schätzen kann, einem auch pädagogischen und kulturpolitischen Visionär, dem die Stadt Pionierprojekte wie die Barenboim-Said-Akademie verdankt. Es hatte von vornherein einen schalen Beigeschmack, dass die Vorwürfe eines angeblich seit Jahren betriebenen Machtmissbrauchs Barenboims genau während der anstehenden Vertragsverhandlungen lanciert worden waren. Der Kultursenat tut jedenfalls gut daran, denen Einhalt zu gebieten, die Barenboim vom Sockel stürzen und womöglich sein Lebenswerk vernichten wollten.