Kulturgutschutz:Das System ist krank

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Ausstellung ´Canaletto. Bernardo Bellotto malt Europa"

Was ist deutsch in deutschen Museen? Besucher vor einem Canaletto-Gemälde von Schloss Nymphenburg in der Alten Pinakothek in München.

(Foto: Tobias Hase/dpa)

Der nun entschärfte Gesetzesentwurf hat eine richtige Debatte über eine langjährige falsche Praxis angestoßen: Die Dauerleihgaben in Museen dienen oft nur der Wertsteigerung für Sammler.

Von Kia Vahland

Jetzt steht fest: Die Aufregung der vergangenen Tage war übertrieben. Es besteht keine Gefahr, dass in deutschen Museen nur noch weiße Wände zu sehen sein werden, weil alle privaten Kunstbesitzer ihre Leihgaben abziehen - aus Furcht, die Werke könnten nach einem neuen Gesetz von Kulturstaatsministerin Monika Grütters zu nationalem Kulturgut erklärt werden, das dann nicht mehr außer Landes verkauft werden darf. So waren erste Entwürfe des Gesetzes verstanden worden; Künstler, Händler, Sammler äußerten sich besorgt bis panisch, manchmal ausfallend (SZ vom 13. Juli). Der Malerstar Georg Baselitz kündigte schriftlich seine Leihgaben in Museen von München, Chemnitz und Dresden. Kollege Gerhard Richter sowie die Erbin von Max Beckmann drohten mit ähnlichen Maßnahmen.

Nun hat Grütters eingeräumt: Es ist Verhandlungssache zwischen einem Museum und einem Leihgeber, ob ein Werk als so schützenswert wie der restliche Museumsbestand deklariert wird (siehe Artikel oben). Was den Verkauf ins Ausland angeht, so gelten für private Werke im Museum keine schärferen Regeln als für Werke im Wohnzimmer eines Sammlers.

So hitzig die Debatte geführt wurde: Wertvoll war sie trotzdem, nur nicht im Sinne mancher Wortführer. Denn sie hat der Öffentlichkeit einen Konstruktionsfehler des deutschen Museumswesen vor Augen geführt: die Dauerleihgabe.

Dauerleihgaben von privater Hand verpflichten ein Museum in der Regel, das Kunstwerk zu hegen und pflegen wie ihre eigenen Bestände. Manchmal verpflichten sie ein Haus auch, das Gemälde oder die Skulptur zu zeigen und nicht ins Depot zu stecken. Viele Werke - auch die von Baselitz und Richter - wurden erst national wie international bedeutend, weil sie so schön in Museen präsentiert werden. Das gilt ebenso für das Ansehen ihrer Schöpfer: Ohne die Sorgfalt von Kuratoren, ohne ihren Glauben an die Bedeutung eines Œuvres schafft es kein Künstler in die Geschichtsbücher. Und reich wird man als Maler, Zeichner oder Bildhauer auch nicht, wenn alle Museen einen meiden - dann tun dies nämlich meistens auch Sammler und Auktionshäuser.

Gerade also die berühmten und nicht gerade vom Ruin bedrohten Malerfürsten hätten Anlass, Leihgaben in mäzenatische Schenkungen zu verwandeln, anstatt mit ihrem Abzug zwecks Veräußerung zu drohen. Tatsächlich haben sie öffentlichen Häusern auch einiges geschenkt. Vieles aber eben nicht, wie jetzt klar wurde: Baselitz erklärte, er wolle zehn Dauerleihgaben aus Dresden abziehen, fünf aus München, zwei aus Chemnitz. Ob er nun dabei bleibt, stand bei Redaktionsschluss nicht fest. Hinzu kommt, dass die öffentliche Hand etliche Werke der Malerstars angekauft hat, diese also noch einmal an dem Ruhm verdienten, den sie ohne die museale Fürsorge nie gewonnen hätten.

Fragt man die betroffenen Museumsdirektoren und Sammlungsverantwortlichen nach ihren Nöten mit Dauerleihgaben, so wiegeln sie ab. Man habe Baselitz doch selbst um die Gemälde gebeten, heißt es in München, weil gerade diese Bilder so schön in die Sammlung passten. Ohne Leihgaben gehe es nicht, sagen alle, und manchmal resultierten daraus ja auch Schenkungen.

Hängt ein geliehenes Bild mindestens zehn Jahre im Museum, lohnt sich das Erben

Die Generaldirektorin der Kunstsammlungen Chemnitz, Ingrid Mössinger, sagt, für Baselitz wäre eine Schenkung der beiden Dauerleihgaben eben zu ungünstig: Er müsse den Abzug aus seinem Betriebsvermögen versteuern, zudem müssten in Sachsen alle Schenkungen den Stadträten zur Genehmigung vorgelegt werden. Überhaupt sei die Gefahr nicht ein Verlust von Dauerleihgaben, sondern, dass öffentliche Häuser irgendwann Bestände veräußerten - wogegen Grütters Gesetz übrigens auch vorgeht. Nur ein Museumsdirektor, der nicht genannt werden will, verflucht das System: Dauerleihgaben würden zu einer Wertsteigerung führen, die dem Eigentümer zugutekäme, nicht aber der Institution, die jederzeit mit einem Verlust der Bilder rechnen müsse. Manchmal würden Dauerleihgaben eines Direktors noch seinen Nachfolger behindern, der vielleicht andere Vorstellungen habe, was wie gezeigt werden solle.

Kürzlich verlor das Kunstmuseum Basel Paul Gauguins Südsee-Gemälde "Nafea faa ipoipo" von 1892. Nachdem es noch einmal publikumswirksam in einer großen Gauguin-Ausstellung in der benachbarten Fondation Beyeler hing, zog der Sammler es ab und verkaufte es - offenbar für den Rekordpreis von 300 Millionen Dollar nach Katar.

Derart groß sind die Gewinnspannen in Deutschland nicht, auch deshalb, weil der Verkauf ins außereuropäische Ausland schon jetzt nicht so einfach zu bewerkstelligen ist. Das Prinzip aber, dass Sammler ihre Werke in Museen parken, um sie später zurückzuholen, lässt sich auch hier beobachten. Die Sammlung des Bauunternehmers Hans Grothe etwa, Werke von Anselm Kiefer bis Andreas Gursky, schmückten über Jahrzehnte das Kunstmuseum Bonn - bis sie zu gutem Preis an ein Sammlerpaar weiterverkauft wurden.

Dass Kunst erst auf- und dann wieder abgehängt wird, mal, um sie in ein anderes Museum zu bringen, mal, um sie zu versilbern: Das geschieht immer öfter. Das Erbschaftsteuerrecht befeuert diesen Prozess. Bilder, die mindestens zehn Jahre lang als Leihgaben in Museen hängen, müssen im Erbfall weniger bis gar nicht versteuert werden - im Gegensatz zur Sammlung im privaten Salon. Erben profitieren von Dauerleihgaben doppelt, einmal durch die museale Wertsteigerung, einmal durch die Steuerersparnis. Und auch, wenn es beim Leihen nicht ums Erben geht, so spart der Geber immer noch Depotkosten, Alarm- und Klimaanlage.

Die Diskussion um das neue Gesetz lenkt den Blick auf das, was fehlt: eine Debatte um eine wirkliche mäzenatische Kultur in Deutschland und um die politischen und steuerlichen Mittel, welche diese befördern könnten - anstatt immer weiter das wenig nachhaltige System der Dauerleihgaben zu füttern.

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