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Kulturgeschichte der Klimaanlage:Ohne dauerhaft erzeugtes künstliches Klima gäbe es gar kein Internet

Vor allem aber gewöhnen wir uns immer mehr an die Klimatisierung am Arbeitsplatz und in öffentlichen Räumen. Im Bus, im Auto, in Geschäften, Cafés und Einkaufszentren, im Kino, in Hotels, überall wird jetzt weniger geschwitzt - und nicht zuletzt im ICE der Deutschen Bahn, wo man berüchtigterweise im Sommer entweder einen Wollpullover dabei haben oder, bei Ausfall der Anlage, den Erstickungstod fürchten muss, weil es kein Fenster gibt.

Und die seit Jahrzehnten immer noch gerne gebauten Büro-Glastürme, die optisch Durchlässigkeit vorgaukeln, verlangen alle nach aufwendiger Kühlung und Lüftung. Das gilt auch für die Computer und die riesigen Serverfarmen, in denen die lokalen und weltweiten Netzwerke bewirtschaftet werden. Ohne dauerhaft erzeugtes künstliches Klima gäbe es gar kein Internet.

Reaktion auf den Klimawandel

Dass Klimaanlagen mittlerweile auch in Deutschland, in Mitteleuropa so populär sind, wie es vor zwanzig, dreißig Jahren noch undenkbar war, fügt sich so in eine globale Bewegung. Der Bedarf an Kühlung und Senkung der Luftfeuchtigkeit reagiert zum Teil schon auf den Klimawandel, den er seinerseits dann wieder befördert. Vereinfacht gesagt: Je mehr wir kühlen, desto heißer wird es draußen.

Deswegen ist es kein Zufall, dass sich in letzter Zeit die Rückblicke auf die Auswirkungen der modernen Klimaanlagen ebenso häufen wie die Fragen, wie es weiter geht. Zur Erfindung durch den Ingenieur Willis Carrier im Jahr 1902 erschien 2002 das Buch "Cool Comfort: America's Romance with Air-Conditioning" von Marsha Ackermann; 2014 kam "Cool: How Air Conditioning Changed Everything" von Salvatore Basile heraus.

Komplett abgeschirmt vom natürlichen Klima

Geht es da um die wirtschaftliche Erschließung des amerikanischen Südens - effektive Büroarbeit im nordeuropäischen Takt wäre etwa in Texas oder Arizona ohne Klimaanlagen schlicht unmöglich - oder um den Aufstieg von Hollywood durch die klimatisierten Kino-Säle seit den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts, so ruft heute der amerikanische Landwirtschaftsexperte Stan Cox, Autor des Buches "Losing Our Cool" (2010) seine Landsleute zur Umkehr im globalen Interesse auf. Er kritisiert die billige Bauweise vieler Neubauten, die einer natürlichen Klimatisierung wie in europäischen Altbauten aus Stein entgegensteht; und er verweist auf Prognosen, wonach sich die Nachfrage nach Klimatisierung privater Wohnräume bis 2050 weltweit verzehnfachen wird.

Genau dort, wo die Wirtschaft und die Ansprüche der Mittelklassen expandieren, in Asien, wird der ohnehin schon hohe Bedarf an Kühlung durch die globale Erwärmung noch einmal zusätzlich zunehmen. Metropolen wie Singapur oder Dubai haben das gesamte Geschäfts- und Alltagsleben beinahe komplett vom natürlichen Klima abgeschirmt; die verrückte Aircondition-Fußball-WM in Qatar im Jahr 2022 steht dafür.

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