bedeckt München 15°
vgwortpixel

Kulturgeschichte:Affe raubt Frau

Die "Blutschande" und das Fremde in uns: Die kluge, aufregende Ausstellung "Die Vermessung des Unmenschen", jetzt in Dresden zu sehen, untersucht die Ästhetik des Rassismus.

Was wird der Gorilla tun, wenn er mit seiner Beute, der ihm im Arm hängenden Frau, ein ruhiges Plätzchen erreicht hat? Als der Bildhauer Emmanuel Frémiet 1859 sein "Affenmonument" zum Pariser Salon einreichte, sah die Jury die guten Sitten verletzt und lehnte das "garstige Drama" ab, "mit Recht", schrieb der Berichterstatter Charles Baudelaire. Dank der Intervention des Juryvorsitzenden wurde das an den Raub der Sabinerinnen erinnernde Werk dann doch gezeigt: in einer Nische, hinter grünem Samtvorhang. Später sollen es empörte Straßenarbeiter im Atelier des Künstlers zerstört haben. Doch die Bilderfindung schien zu gut. Frémiet, der vor allem als Tierbildhauer Erfolg hatte, wiederholte sie. Die Fassung von 1887 begrüßt nun in Dresden die Besucher der Ausstellung "Die Vermessung des Unmenschen".

Auffallend ist das dramaturgische Geschick Frémiets. Hieß die Skulptur 1859 noch "Gorilla enlevant une négresse", so stemmte sich 1887 eine weiße, nackte Schönheit gegen das Tier. Sie trägt einen Haarreif, der aus dem Unterkiefer eines Gorillas geschnitzt wurde, und der Gorilla hat nicht irgendeinen Stein in der Hand, sondern einen bearbeiteten, eine Art Faustkeil. Er wird also nicht als Tier gezeigt, sondern als Nicht-Mensch, als Unmensch von "viehischer Lüsternheit".

Ein rationaler Ingrimm bei der Klassifizierung von Menschen führte in den Wahnwitz

Das Motiv wurde populär und tauchte immer dann wieder auf, wenn Ängste vor "Blutschande" und um die Reinheit der Frau geweckt werden sollten. Eine Karikatur "nach Frémiet" brachte etwa der "Simplicissimus" 1920, um "die schwarze Besatzung" anzuprangern: "Eine Schmach für die weiße Rasse - aber es geschieht in Deutschland". Als Bilderfindung gehört der frauenraubende Gorilla zum Kernbereich der abendländischen Kultur. In Dresden steht er im Zentrum einer Ausstellungsinszenierung, wie es sie so intelligent und komplex nur selten gibt. Gerahmt wird der Groß-Gips von Fabio Mauris (1926 bis 2009) grafischem Hauptwerk "Manipulation der Kultur"; sechzehn Bildern aus faschistischer Zeit, denen der italienische Künstler und Verleger Bildunterschriften gab, die klingen, als wolle er der Schönheit der Macht ethnologisch zu Leibe rücken: "Sie machen in Klassik", heiß es da, oder: "Sie filmen alles", "Sie pflegen ihre Körper", "Sie lieben alles Schöne", "Sie definieren die Kunst". Ein Video-Tryptichon zeigt in Endlosschleife kurze Sequenzen aus Arnold Fancks Film "Der weiße Rausch" (1931): Menschen, die auf Skiern immer gleiche, immer gleich vergebliche Bewegungen ausführen.

Der Dreiklang aus "Affenmonument", "Manipulation der Kultur" und Teufelskreisen im Schnee bezeugt die Uneinholbarkeit der Bilder. Er stimmt ein auf den Hauptteil der Ausstellung: Archiv und Arbeitsinstrumente des Dresdner Anthropologen und Völkerkundlers Bernhard Struck (1888 bis 1971), der mit rationalen Methoden und einem positivistischen Ingrimm, der die Grenzen zum Wahnwitz mehr als nur streifte, die Vermessung von Menschen und die Kartografierung von Rassen betrieb. "Zur Ästhetik des Rassismus" heißt die Ausstellung im Untertitel. Sie ist die vierte und letzte der vom Philosophen Wolfgang Scheppe kuratierten Reihe "Proposition", die grundsätzliche Fragen nach der Art zu sehen, zu präsentieren, zu historisieren und zu werten stellte.

Muss man mit "Rassismus" heute noch so viel Aufwand treiben? Er ist doch längst widerlegt, abgefertigt und verurteilt. Reicht es nicht, Rassisten Rassisten zu nennen und sie zu verabscheuen? Scheppe ist überzeugt davon, dass moralische Urteile die Kritik nicht ersetzen können. Seine Ausstellung, die geplant war, bevor Dresden zum Montags-Mekka der Hasskollektive wurde, widmet sich dem ehrwürdigen Geschäft der Ideologiekritik.

Reicht es nicht, Rassisten Rassisten zu nennen? Nein. Moral kann Kritik nicht ersetzen

Rassismus kommt nicht von irgendeinem ominösen Rand der Gesellschaft, ist auch kein Überbleibsel vergangener Zeiten, er ist nichts Fremdes, das uns überraschend heimsucht, kein individueller Irrweg. Man kann ihn nicht ausschwitzen oder einklammern, er muss begriffen, über ihn muss aufgeklärt werden. Die Dresdner Ausstellung präsentiert dazu neues Material und Thesen. Sie rechnet mit einem aufmerksamen, geduldigen Besucher, der nicht rasch abhaken, sondern nachdenken will. Im besten Fall geht man nach der Lektüre der überwältigend informationsreichen Ausstellungszeitung ein zweites Mal hinein.

Bernhard Struck glaubte an die reine Wissenschaft. An Treuebekundungen zum NS-Regime hat er es nicht fehlen lassen. Er leitete die "Koloniale Fachgruppe Völkerkunde beim Reichsforschungsrat", arbeitete für das "Kolonialpolitische Amt der NSDAP", wurde aber nicht Parteimitglied und sah sich nicht als Ideologe. Er war bestens ausgebildet, hatte physische Anthropologie, Völkerkunde, Geografie und Afrikanistik studiert, die als Linguistik betrieben wurde. In allem blieb er dem Leitbild einer auf Objektivität ausgehenden, empirische Daten rational verabreitenden Wissenschaft verpflichtet.

Deswegen beschäftigte er sich mit Schädelmessungen, stellte aber die Frage nicht, was mit einem willkürlich herausgegriffenen Maß eigentlich erkannt oder bewiesen werden soll, warum genau dieses Maß Auskunft über Intelligenz und Fähigkeiten verspricht. Zeitgenossen wiesen nach, dass die Schädelform von allerlei Zufälligkeiten bestimmt wird, da Säuglingsschädel plastisch sind. Struck aber trug unbeirrt Daten zusammen und versuchte den Zahlenkolonnen Gesetzmäßigkeiten abzugewinnen. Die Statistiken und Diagramme wirken in Dresden wie Produkte eines Positivisten auf Koks.

Der Rassehygieniker Eugen Fischer sprach, das Scheitern unwillentlich eingestehend, von "der Hoffnung, dass vielleicht der wirkliche ziffernmäßige Nachweis in dem Material schlummere". Da schlief aber nichts, was nicht vorher schon hineingelesen wurde - soziale Verhältnisse lassen sich nun einmal nicht naturwissenschaftlich erklären. So weit, so bekannt. Aufregend wird die Ausstellung, weil sie zeigen kann, wie Bildhandlungen - etwa das Einzeichnen von angeblich objektiven, aus dem Material gewonnenen Grenzen auf Karten - die Verlegenheit überspielten. Sie dienten dazu, die Lücke zwischen den Rasse-Theoremen und der Empirie durch vorgebliche Evidenz zu schließen, oder besser: der Wahrnehmung zu entziehen.

Dem diente auch das Bildarchiv. Zehntausende Fotografien und Illustrationen hat Struck zusammengetragen, ein Teil ist in Dresden zu sehen: ethno-pornografische Aufnahmen, Fotos auch, die zeigen, dass Struck sich selbst zum Maßstab nahm - und andere mit Tieren verglich. Die so rational wirkenden Verfahren der Vermessung dienten auch der Konstruktion des idealen eigenen Selbst.

Die Typisierung und Hierarchisierung der Menschen geht zwangsläufig einher mit einer Verleugnung, ja Negation des Individuellen - Masken Einzelner sollten ein Allgemeines darstellen, weil die Rassenkunde auf die Kraft der Bilder nicht verzichten kann. Sie zeigt, was sie nachzuweisen, aufzufinden nicht imstande ist.

Zwei Ausstellungskapitel fallen heraus: Eine Installation von Gert Jan Kocken widmet sich der Legende, ein Meißener Porzellanaffe im Besitz der Mendelssohns sei Teil des Judenporzellans, das Moses Mendelssohn habe kaufen müssen; in einem eigenen Raum sind 28 "Seelenfiguren" der Bidyogo ausgestellt, die Struck und der Abenteurer Hugo Bernatzik Anfang der Dreißigerjahre aus Portugiesisch-Guinea mitbrachten. Die Eisenholz-Skulpturen sollen aus dem 16. Jahrhundert stammen.

Zu wünschen ist eine Fortsetzung: eine Ausstellung zur Ästhetik der Gleichheit. Rassismus bewirtschaftet sichtbare und soziale Unterschiede, um die Norm der Gleichheit, neben der Freiheit das Postulat des modernen Europa, zu umgehen. Er konstruiert privilegierte Gruppen, ausgezeichnet qua Geburt. Welche Bilder zeigen mit gleicher Evidenz Gleichheit, Ebenbürtigkeit? Man würde sie gern im Humboldt-Forum sehen.

Die Vermessung des Unmenschen. Bis 7. August, Dresden, Kunsthalle im Lipsiusbau. Eintritt frei.