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Kulturelle Zwischennutzung:Kreativ auf Zeit

Guido Wegemann

Kunstermöglicher: der Bildhauer Guido Weggenmann.

(Foto: Guido Weggenmann)

Guido Weggenmann belebt Kempten mit den Kunstarkaden

Guido Weggenmann ist ein impulsiver, lebhafter Mensch. Der Allgäuer Bildhauer regt sich spürbar gern auf, und ganz eindeutig zählt "Wahnsinn" zu seinen Lieblingswörtern. Vor allem dann, wenn er von seinem erfolgreichen Kunstprojekt in Kempten erzählt, das einfach "Wahnsinn" ist. Seit Herbst 2018 betreibt er in einem riesigen leer stehenden Gebäudekomplex der Sparkasse Allgäu die "Kunstarkaden", füllt sie mit aktuellen Positionen der zeitgenössischen Kunst. "Die Zwischennutzung kommt extrem gut an", sagt er. "Einfach Wahnsinn."

1980 in Berlin geboren, lebt Weggenmann seit Langem in Kempten. Schon während seines Studiums (2002-2008) an der Münchner Akademie, wo er beim Objektkünstler Olaf Metzel die Lust an der Provokation entdeckte, bespielte er gern Off-Spaces. Seine Suche nach unkonventionellen Ausstellungsräumen in Kempten führte ihn zwar einmal zu einer Ausstellung in einer Metzgerei - "Wahnsinn" -, aber ansonsten ergab sich wenig. In Kempten gebe es eben keinen Kunstverein, keine Produzentengalerie, keine Kunstsammlung, überhaupt nichts, was sich als Spielwiese oder Labor für unkonventionelle Kunst eignen würde, sagt er. "Künstlerisches Ödland eben, das einen wahnsinnig macht."

Trotzdem entdeckte er schließlich leer stehende Räume: Die ehemaligen Sparkassen-Arkaden in der Königstraße. Das Bankinstitut fand die Idee eines temporären Kulturraums gut, beharrte aber auf einer offiziellen Ausschreibung, die Weggemann mit seinem Konzept für sich entschied. 80 Künstler hatte er dafür angeschrieben und sich erkundigt, ob sie sich an dem Projekt beteiligen würden. "Und bis auf einen haben alle zugesagt."

Das zwischenzeitlich umgesetzte Konzept basiert auf drei Säulen. Ein Raum der Arkaden hat sich in eine Produzentengalerie verwandelt, die Weggenmann mit den Künstlern Winfried Becker, Markus Elhardt, Pio Mars und Heidi Netzer betreibt. Der mittlere Teil - die ehemalige 25 Meter lange Schalterhalle - beherbergt den eigentlichen Ausstellungsraum, den immer zwei hochkarätige Künstler bespielen. Eröffnet hat der Kunstraum vergangenen Herbst mit Marco Schuler und Georg Thumbach; im März traten die Bildhauer Andrea Faciu (Rumänien) und Thorsten Mühlbach (München) in einen Dialog, Barbara Deutschmann und Kilian Lipp folgten. Derzeit zeigen Leonie Felle und Max Schmelcher ihre Arbeiten, die um Vergänglichkeit kreisen (bis 3.8.). Felle, Fotografin und Bildhauerin, die im Frühjahr im Lenbachhaus mit Beate Engl und Franka Kaßner in dem Singspiel "Prekärotopia" zu erleben war, ignoriert Genregrenzen und kombiniert in ihren Installationen Alltagsgegenstände mit eigenen Texten. Schmelcher arbeitet mit Moor, verzinktem Draht und Fotoplatten. Aus den Negativen, die er im Fundus seines Fotografen-Großvaters entdeckte, baut er Sänften und Durchgänge. Während man das aus Fotoplatten gebildete, gläserne Tor durchschreitet, wandert man vom Anfang des Lebens bis zum Tod.

Die Auswahl der Künstler behält sich Weggenmann vor. "Ich bin ein Hardliner, weiß genau, wer mit wem zusammenpasst", sagt er. Mit welchen Werken sich die Künstler präsentieren, bleibt ihnen überlassen. Weggenmann kuratiert nur ein bisschen mit, hilft beim Aufbau. Er bleibt vor dem Hochsicherheitstresor, der jetzt als Getränkekammer dient, stehen und erzählt von seinem Herbstprogramm. Im September kommen der Maler und Bildhauer Harry Meyer und der Bildhauer Josef Lang, im November folgt Adi Hoesle mit seinem "Brain Painting".

Fehlt noch die dritte Säule des Konzepts: der Artist in residence, derzeit für vier Wochen die Münchner Malerin Carolin Cosima Oel, die in dem Atelierraum gerade an ihren Bildern arbeitet. Die zugehörige Wohnung liegt ein Stockwerk höher. Von den Künstlern, die sich bei Weggemann vorstellen - "bewerben klingt so blöd" - verlangt er nichts: Weder müssen sie an einem speziellen Kempten-Zyklus arbeiten, noch einen Arbeitstitel nennen oder ein Bild hierlassen. Sie sind völlig frei, abgesehen von den regelmäßigen offenen Ateliertagen, an denen sie sich beim Arbeiten über die Schulter schauen lassen. Was seine Auswahlkriterien sind? Weggenmann zuckt die Schultern. Er wisse einfach, "wer sich brutalst mit einem Thema beschäftigt und wer ab und zu auf einer Leinwand von Aldi malt. Ich will kein VHS-Niveau hier." Künftig wird das Kulturamt der Stadt das Artist-in-Residence-Programm finanziell unterstützen.

Schwierig fand der Bildhauer anfangs die Suche nach Sponsoren. "Das lernst du auf der Akademie nicht." Aber inzwischen händelt er auch das mit großem Geschick, treibt Geld für Flyer und Plakate auf, schafft es sogar, den Ausstellenden eine kleine Aufwandsentschädigung zu zahlen. "Für Schweiß, Blut, Material, Zeit, Atelier- und Automiete." Eintritt kostet der Kunstraum nicht. Der Hausherr, die Sparkasse Allgäu, überlässt ihm nicht nur die Räume mietfrei, sondern übernimmt Strom- und Heizkosten. Natürlich sei er über jede Spende dankbar, sagt Weggenmann. "Mich hungert's auch nicht nach großen Summen."

Auf seine schöpferische Produktivität wirken sich die organisatorischen Nebentätigkeiten nicht aus. Er laufe nicht zu 100, sondern mindestens zu 120 Prozent, sagt er. Schon klar: "Man steckt viel Zeit rein, und manchmal schläft man auch schlecht." Doch seine eigenen Installationen erfreuen sich zunehmender Nachfrage, werden auch von Museen angekauft. Im Moment hat er Soloausstellungen im Augsburger Architekturmuseum Schwaben und in der Kunstation Kleinsassen in Hofbieber (Landkreis Fulda).

Wie lange die Zwischennutzung dauern wird, weiß er nicht. Er weiß aber, dass die Kunstarkaden auch 2020 weiterlaufen werden. Was ihn zum Pläneschmieden ermutigt. Die große Tiefgarage ist noch ungenutzt, und auch die Stockwerke über den Arkaden stehen leer. So ein Überfluss, einfach Wahnsinn.

Kunstarkaden Kempten, Königstraße 18-20, geöffnet Do. bis Sa. 16-20 Uhr, So. 11-14 Uhr, Infos unter www.kunstarkaden-kempten.de