Kultur in China Volk und Feinde

Die China-Tournee der Berliner Schaubühne wird vorzeitig abgebrochen. Angeblich wegen "technischer Probleme". Wahrscheinlicher ist Unbehagen der Zensoren.

Von Kai Strittmatter

Nachdem ihre Inszenierung von Henrik Ibsens "Ein Volksfeind" in China eine heftige Debatte und Absagen bereits vereinbarter Auftritte ausgelöst hat, muss die Berliner Schaubühne ihre Tournee in der Volksrepublik vorzeitig beenden. Tobias Veit, der Direktor der Schaubühne, bestätigte, dass zwei Vorstellungen in der ostchinesischen Stadt Nanjing nicht stattfinden werden, weil das dortige Theater die Termine kurzfristig abgesagt habe. Als offizielle Begründung wurden "technische Probleme" angegeben. Die Bundesregierung bedauert diesen Tourneeabbruch. Die deutsche Botschaft habe dies im chinesischen Kulturministerium zum Ausdruck gebracht. Deutschland setze sich für kulturelle Vielfalt und Entfaltung auch im Ausland ein. Manches in China sehe die Bundesregierung kritisch. "Deshalb bedauern wir, dass es zu dieser Absage nun gekommen ist." Schon nach der ersten Vorstellung in Peking hatte "Ein Volksfeind" für teils heftige Diskussionen gesorgt. Das Stück von Henrik Ibsen handelt von Korruption in einer Kleinstadt, in der die Obrigkeit einen Umweltskandal vertuschen will. Im Mittelpunkt des Dramas steht ein Arzt, der entdeckt, dass das Heilwasser seines Heimatortes verseucht ist. Die Entscheidungsträger der Stadt versuchen jedoch, die Nachricht zu vertuschen. Die Schaubühne geht darum davon aus, dass eine verschärfte Zensur in China der Grund für das vorzeitige Ende ihrer Tournee ist.

Das Theaterstück "Ein Volksfeind" von Henrik Ibsen wurde 1883 in Oslo uraufgeführt. Die Schaubühne zeigte es in Peking erstmals am 6. September 2018 in der Inszenierung von Thomas Ostermeier. Nach Auseinandersetzungen mit der chinesischen Zensur wurde es daraufhin gekürzt und dort am 7. und am 8. September wieder aufgeführt. Die für den 13. und 14. September geplanten Vorstellungen in Nanjing entfallen nun ganz, eben wegen jener nicht näher bezeichneten "technischen Probleme".

Am Ende hat dann also alles nichts mehr genützt. Nicht die Beteuerung der deutschen Schauspieler, sie würden in Nanjing auch völlig ohne Technik auftreten, nicht ihr Vorschlag, die Vorstellung in andere Räume zu verlegen. Zuletzt, sagt Tobias Veit, seien die Verhandlungen mit den Nanjinger Verantwortlichen in ihrem unbeirrbaren Beharren auf die vermaledeite Problemtechnik schon "fast wie eine Komödie" verlaufen. Die Funktionäre wollten ihn also einfach nicht in ihrer Stadt haben, den "Volksfeind"-Import aus Europa. "Total frustriert" sei er nun, sagt Tobias Veit, die Schauspieler seien alle völlig geknickt. "Das ist uns noch nie passiert."

Wahrscheinlich aber bleibt am Ende dann doch dies das kleine Wunder: Dass sie überhaupt mit dem Stück in China auf der Bühne stehen durften, noch dazu im Nationaltheater von Peking. Dass sie dort Zuschauer elektrisierten mit diesem Stück über Lüge, Vertuschung, Korruption, eine vergiftete Gesellschaft und den Kampf eines Aufrechten gegen die unterdrückerische Macht. Dass diese Zuschauer darin einen Spiegel erkannten, in dem sie ihr eigenes Leben sahen, und dass sie nicht zögerten, ihre Empfindung und ihren Frust dann auch laut in den Saal zu rufen. Der Dialog mit dem Publikum ist bei Ostermeier sogar ins Stück eingebaut, er hat damit bereits in Istanbul und Moskau, in New York und Minsk die Gemüter erregt. In Peking hatten die Zensoren das wohl irgendwie übersehen, die Brisanz unterschätzt: "Hätten sie vorher mal reingeschaut in unsere Inszenierung", glaubt Veit, "sie hätten uns erst gar nicht eingeladen."

Der "Volksfeind" ist den Pekinger Verantwortlichen dann einfach passiert, entsprechend überrumpelt, ja panisch hatten sie auf die erste Vorführung reagiert und dem Ensemble eine "Anpassung" des Stückes abgehandelt. Aber auch die gekürzte Version hatte das Publikum noch mitgerissen, einmal war aus dem Saal der Ruf "Für die Freiheit!" zu hören gewesen. "Wenn jedes Wort ankommt, das ist es, warum man Theater macht", sagt Tobias Veit. Zu riskant für die Kulturbürokratie in Nanjing. Er frage sich, so Direktor Veit, wie es wäre, wenn sie den "Volksfeind" mal wieder in Berlin spielten. "Vielleicht frustrierend. Weil das hiesige Publikum nur mau reagiert?"