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Kritik:Orakel als Mirakel

Igor Levit spielt das Publikum im Prinzregententheater schwindlig

Kein Stück an diesem wilden und doch so poetischen Abend im Prinzregententheater, das nicht mindestens einen Umweg gegangen ist: Dabei sind Bach-Bearbeitungen von Brahms (Chaconne aus der d-Moll-Partita) und Liszt noch das Konventionellste, während der "Feierliche Marsch zum heiligen Gral aus 'Parsifal'" von Franz Liszt eine wunderbare Wagner-Fieber-Fantasie darstellt. Monströs wird es am Ende mit Fantasie und Fuge über den Choral "Ad nos, ad salutarem undam" mit dem Untertitel "von der Orgel auf das Pianoforte frei übertragen von Ferrucio Busoni".

Sähe man nicht die wieselflinken Finger Igor Levits, man glaubte, dass mindestens zwei Spieler hier auch noch das Orgel-Pedal ersetzen. Wie gut, dass man nicht nahe am Podium, sondern in einer der Logen sitzt. Denn in den vorderen Reihen müssen einem die Ohren abfallen angesichts von so viel Virtuosität und Rankenwerk über choralartigem Schreiten in oftmals polyfoner Verdichtung, dass einem in dieser halben Stunde schier schwindlig wird.

Doch es sind weder Lautstärke noch Tempo, die am meisten begeistern, sondern die vielen leisen Momente, die selbst hier enthalten sind. Geradezu wie ein Mirakel erscheint freilich das zentrale Orakel aus dem "Parsifal", das im "Bühnenweihfestspiel" auf den Text erklingt: "Durch Mitleid wissend, der reine Tor". Wann immer diese Formel bei Liszt aufscheint, lässt Levit sie wie eine tönende Vision im dreifachen Piano schweben.

Alle Werke dieses Abends sind auf dem Doppelalbum "Life" enthalten. So umfasst die erste Hälfte die ersten drei Stücke der CD: außer Bach/Busoni und Bach/Brahms Robert Schumanns geheimnisvolle "Geister-Variationen", die Levit wie Erinnerungen aus einer fernen, anderen Welt spielt.

Dazu passt die Zugabe von "Rezitativ und Arie über DSCH" - die Initialen von Dmitri Schostakowitsch - von Ronald Stevenson perfekt wie ein letztes Puzzle zur Vollendung dieses beziehungsreichen Abends.