Kolumne: "Trans Atlantik Express":Renn!

Lesezeit: 4 min

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"Sie machen Ihre Arbeit fantastisch": Zu Halloween war Kristen Roupenian in einem Spukschloss.

(Foto: imago classic/imago images/Shotshop)

Jetzt ist die beste Zeit im Jahr, um sich mal wieder so richtig zu gruseln. Aber waren die vergangenen zwei Jahre nicht erschreckend genug?

Gastbeitrag von Kristen Roupenian

Diesen Monat wollte ich für meine Kolumne etwas Gruseliges machen, zu Ehren von Halloween. Genauer gesagt wollte ich in eines dieser krassen Haunted Houses gehen, wie das "Blackout", wo man ein Safeword bekommt und Schauspieler entsetzliche Dinge mit einem anstellen dürfen, weil das zur "Erfahrung" gehört, und man eine Erklärung unterschreiben muss, dass die Erben nicht klagen werden, wenn man stirbt vor Grauen, während man versucht, den Ausgang zu finden.

Leider habe ich nichts mehr gehört, obwohl ich mich schon im Oktober für den Verteiler des "Blackout" angemeldet habe, und der Instagram-Kanal ist das letzte Mal vor 103 Wochen aktualisiert worden, was dafür spricht, dass auch krasse Haunted Houses der Pandemie zum Opfer gefallen sein können. Ich musste mich also mit einem normalen Haunted House zufriedengeben; eines, das "Blood Manor" heißt und als New Yorks erste Spuk-Adresse beworben wird, was gut sein kann, weil es eines von nur zwei Haunted Houses ist, die ich in der Stadt finden konnte.

Mein deutscher Redakteur sagte, er habe nur eine "ungefähre Vorstellung", wovon die Rede sei, als ich ihm erzählte, dass ich ein Haunted House besuchen wolle, also muss ich es erklären, um das kulturelle Durcheinander in Grenzen zu halten. Es handelt sich um eine Halloweentradition für ältere Kinder und Teenager. In kleineren Städten werden die oft zum Spendensammeln betrieben, von Kirchen, Schulen oder so.

Du kaufst ein Ticket und läufst durch eine Reihe gruselig dekorierter Räume, in denen dich kostümierte Leute anspringen in dem Versuch, dich zu erschrecken. Im Allgemeinen ist das ziemlich albern, jagt niemandem einen Schrecken ein, der älter ist als zwölf Jahre, und beansprucht keinerlei kulturelle Bedeutung. Aber in größeren Städten, in denen es arbeitslose Schauspieler in Hülle und Fülle gibt und die Großen über ihre Einkommen frei verfügen können, vermarktet eine Unterkategorie von Haunted Houses etwas hochwertigere, ernsthaft unheimliche Erlebnisse für Erwachsene.

Das "Blood Manor" hat eine Madeninvasion und einen Killer-Clown-Raum im Angebot

Das "Blood Manor" wurde auf der Internetseite als "die heftigste gruselige und Flucht einflößende (sic, nehme ich an) Spuk-Attraktion im ganzen Bundesstaat New York" beschrieben. Auf der Liste der Besonderheiten für 2021 stand eine "Madeninvasion" und ein "Killer-Clown-Raum", deshalb hatte ich natürlich hohe Erwartungen.

Das Geld, was ich für diese Kolumne ausgebe, kann ich von der Steuer absetzen, also kaufte ich für meine Freundin Emma und mich R.I.P-Express-Tickets, damit wir nicht anstehen mussten und den Blutshof rechtzeitig hinter uns hätten, denn um acht Uhr hatten wir einen Tisch reserviert zum Abendessen. Wir nahmen womöglich hochmütig an, dass die "Madeninvasion" unseren Appetit nicht substanziell beeinflussen würde.

Als ich beschlossen habe, diese Kolumne zu übernehmen, dachte ich, ich würde dafür alle möglichen Kulturereignisse alleine besuchen, weil mir das sowohl auf eine Art romantisch und traurig vorkam, die meinem Bedürfnis nach Selbstmitleid nach einer Trennung entsprach, als auch, weil ich tun wollte, was ich wollte, wann ich es wollte, ohne auf jemand anderer Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen. Aber Emma, die zufällig selber Kulturkolumnistin ist (allerdings für eine andere Zeitung), war bereit, mich an genau dem Tag zu begleiten, den ich als den für mich passendsten gewählt hatte, obwohl sie Haunted Houses gar nicht mag.

Ich habe den Verdacht, dass sie darüber nachdachte, auch selbst eine Kolumne darüber zu schreiben, aber das nehme ich ihr nicht übel, weil sie jede einzelne Woche eine Idee haben muss, was offen gestanden unbegreiflich für mich ist. Letztlich bin ich froh, dass sie mitgekommen ist, nicht weil ich zu ängstlich gewesen wäre, um alleine hinzugehen (natürlich nicht!), sondern weil ein großer Teil des Spaßes darin besteht, andere Leute kreischen zu hören.

Ich bin mir nicht sicher, ob sie das erst neuerdings in der Pandemie so eingerichtet haben, aber Emma und ich liefen fast alleine über das "Blood Manor". Die haben das sorgfältig so geplant, dass die einzigen Menschen, die außer uns in den Räumen waren, die Aufgabe hatten, uns zu erschrecken, was es zu einem ziemlich intensiven Erlebnis machte. Die ganze Angelegenheit dauerte nur zwanzig Minuten, und wir rannten da schreiend durch, weshalb ich natürlich keine Zeit hatte mitzuschreiben.

Woran ich mich genauer erinnere: Zuerst schrie ein Mann mich an, ich solle auf allen vieren gehen und durch das Zimmer kriechen. Ich rechnete damit, dass die Begegnungen von da an immer eigenartiger und perverser werden würden, aber so war es nicht. Das Einzige, wozu wir danach noch aufgefordert wurden war: rennen. Jedes Mal, wenn ich um eine Ecke ging und jemand mit einer Waffe fuchtelnd und brüllend hervorsprang, hatte ich Angst, wobei sich das Ganze etwa auf halbem Wege zu einem wiederkehrenden Rhythmus einschwang: Es wirkte schon noch, wurde aber gleichzeitig ein bisschen langweilig, wie wenn man einen Horrorfilm anschaut, der zu stark auf Überraschungseffekten beruht. Man weiß, was kommt, man weiß nur nicht genau, wann.

Der beste Moment war, als Emma, wir wurden gerade von zwei als Horrorpuppen verkleideten Frauen durch einen Raum gejagt, auf halbem Wege anhielt und höflich in ihrem frischen britischen Akzent sagte: "Sie machen Ihre Arbeit fantastisch! Das ist bei weitem der unheimlichste Raum!", bevor wir abhauten.

Auf dem Bürgersteig erlebten wir einen Moment größten Schreckens

Ich habe jede Menge Denkstücke darüber gelesen, dass niemand mehr Spaß am Horror hat, weil wir alle zwei Jahre damit verbracht haben, uns um den Verstand zu fürchten, aber ich sehe das anders. Wenn man schon mal so gut in etwas geworden ist, sollte man vielleicht dranbleiben, oder etwa nicht? Ich habe es immer geliebt, erschreckt zu werden, was ich mir damit erklärt habe, dass mein Angstlevel grundsätzlich so hoch ist, dass mir die seltenen Gelegenheiten, zu denen die äußeren Umstände und mein ständiger innerer Alarmzustand im Einklang sind, Erleichterung verschaffen. Wenn dein Körper im Laufe des Tages sowieso beliebig von Adrenalineinschüssen durchgerüttelt wird, kannst du auch gleich schreiend durch einen Killer-Clown-Raum laufen; es macht mehr Spaß, als E-Mails zu checken oder die Nachrichten zu lesen.

Dem Haunted House entkommen, waren Emma und ich so high, dass wir zehn Minuten lang in die falsche Richtung liefen, und dann schaute Emma an sich herunter und bemerkte, dass ihr Geldbeutel nicht mehr in ihrer Tasche war. Wir erlebten einen Augenblick größten Schreckens, als wir dachten, sie habe ihn auf den labyrinthischen Fluren des "Blood Manor" verloren, aber dann entdeckte ich ihn nur ein paar Meter entfernt auf dem Gehweg, weshalb ich mich nicht nur wie eine Überlebende, sondern wie eine echte Heldin fühlen konnte, und dann fanden wir den Weg zum Restaurant und aßen Pasta und lästerten die nächsten zwei Stunden lang über alle, die wir beide nicht mögen, und was könnte wohl aufregender sein als das?

Aus dem Englischen von Marie Schmidt.

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