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Krimikolumne:Tod in der Druckkammer

Ein Schauspielerin ist verschwunden, eine Kind ist tot und in einer Villa gibt es rätselhafte Partys: Bemerkenswerte Kriminalromane von Sara Paretsky, Matthias Wittekindt und Angie Kim.

Von Fritz Göttler

Sara Paretsky: Altlasten. Aus dem Englischen von Laudan und Szelinski. Ariadne/Argument Verlag, Hamburg 2020. 544 Seiten, 24 Euro.

Die Pest kehrt zurück nach Kansas... Vic Warshawski recherchiert dort, fern ihrer Heimatstadt Chicago, die toughe, progressive, aber immer menschen- und hundefreundliche Privatdetektivin aus den Romanen von Sarah Paretsky. Eine Hollywoodschauspielerin und ein junger Filmemacher sind verschwunden, beide afroamerikanisch. Sie wollten für einen Dokumentarfilm die Jugend der Frau recherchieren, in dem Städtchen Lawrence. Rassismus und Diskriminierung sind hier immer noch alltäglich, und manche dubiose Geschichte, die hier ihren Ursprung hatte, drängt in die Gegenwart zurück, die 'Altlasten' der Siebziger und Achtziger. Ein Missile-Abschuss-Silo, ein Camp von Demonstranten gegen Aufrüstung, das brutal niedergebrannt wird, aber auch verweigerte, verdrängte Liebe, verstoßene Kinder, eine frustrierte Wissenschaftlerin aus Bratislava. Das Militär ließ damals testen, wie man Keime für biologische Kriegsführung am schnellsten in großen Gebieten verbreiten könnte, von Flugzeugen aus oder durch mit Mikroben gefüllte Glühbirnen in der New Yorker U-Bahn. Irgendwie kamen dabei, durch eine Verwechslung, Lungenpestkeime zum Einsatz, und Vic Warshawski dämmert, das einige von denen überleben konnten.

Matthias Wittekindt: Die Brüder Fournier. Edition Nautilus, Hamburg 2020. 270 Seiten, 18 Euro.

Auf Argonautenfahrt in einem Vorort von Brüssel: Die junge Mutter Emely Fournier ist von der Sage so fasziniert, dass sie ihrem ersten Sohn den Namen Iason gibt. Die Antike als Versprechen, als Inbegriff der Jugend. Es wird dann aber doch ein eher bürgerliches Leben für Iason, das Matthias Wittekindt in seinem neuen Roman erzählt, der Alltag in Envie, einem (imaginierten) Vorort von Brüssel, wo die Familie Fournier eine Pralinenfabrik hat. Iason ist juvenil unberechenbar, manchmal aggressiv, aber immer um seinen jüngeren Bruder Vincent besorgt, er kommt in eine Anstalt für schwer erziehbare Jugendliche. Wittekindt bleibt auf Distanz den Vorgaben des Genres gegenüber, verweigert sich der Psychologisierung. Ich schreibe erst mal ins Leere, sagt er über sein Erzählen, er fängt mit dem Ort und der Landschaft an, dem Wetter, allmählich dann die Figuren in dieser Landschaft. Ein Mädchen und ein Junge aus dem Ort kommen um im Verlauf eines Jahres, erfrieren in den eisigen Wintern, ist es Unfall oder Selbstmord? Und in einer Villa finden nächtliche Partys statt, zu denen auch Teenager geladen werden, eine Aura von Mondänität und Missbrauch. Wie im Fluss vergehen die Jahre und die Jugend verliert sich mit ihnen. Für ein paar Jahre lernt Iason Orgelspiel, beim Küster Louis, da kann er ganz bei sich sein.

Angie Kim: Miracle Creek. Aus dem Englischen von Marieke Heimburger. Hanserblau, Berlin 2020. 512 Seiten, 22 Euro.

Der Tod kommt mitten in einer Mutter-Kind-Sitzung. Der DVD-Player bricht ab. Wenige Minuten später geht das Submarine in Flammen auf. Ein Junge und eine Mutter sterben, einige andere werden schwer verletzt. Das Submarine steht in einer Scheune in einem Wald bei Miracle Creek, Virginia, es ist eine Überdruckkammer für eine spezielle Sauerstofftherapie, der Luftdruck in der Kammer wird künstlich erhöht und reiner Sauerstoff zugeführt. Viele der Patienten sind autistische Kinder, aber die Therapie soll auch helfen bei Zerebralparese, Nervenleiden, Unfruchtbarkeit. Brandstiftung wird vermutet, der Betreiber Pak Yoo gerät unter Verdacht, aber im Prozess wird dann doch Elizabeth angeklagt, die Mutter des gestorbenen Jungen - sie hat ihn, in ihrer strapaziösen, fanatischen Liebe, mit allen möglichen Therapien traktiert und ihm sogar eine Bleichmittellösung verabreicht. Angie Kim beschwört in ihrem ersten Roman die strapaziöse Dynamik, die Gerichtsverhandlungen entfalten, das Ritual der Plädoyers und Befragungen, in dem eine Geschichte entblättert wird, durch immer neue Versionen und Perspektiven, in denen sie erzählt wird. Nur die Liebe bleibt bis zum Ende ein Mysterium. "Jetzt ergab alles Sinn. Alle Puzzlesteine passten wunderbar zusammen. Aber was genau war auf dem Bild zu sehen?"

© SZ vom 15.07.2020

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