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Krimi von Oliver Hilmes:Die Psychologie der Berliner

Oliver Hilmes: Das Verschwinden des Dr. Mühe. Penguin, München 2020. 236 Seiten, 20 Euro.

Oliver Hilmes verarbeitet einen wahren Fall aus der Weimarer Republik.

Von Helmut Mauró

Für Kommissar Keller spiegelt jeder Fall die ganze gesellschaftliche Situation. Hat der Tod des Doktor Mühe, eines ganz normalen Berliner Hausarztes, der in Frieden mit sich, seinen Patienten und der Welt lebt, mit dem Suizid eines Kollegen am Sacrower See zu tun oder doch mit den Nazis, die hier hin und wieder in Horden auftauchen? Der Wirt des Ausflugslokals am See ist sich nicht sicher, der Kommissar dagegen hat nicht einmal eine Vermutung. Auch als er am Abend zurück nach Berlin fährt, ist er der Lösung des Rätsels keinen Schritt näher. Und das wird noch sehr lange so bleiben.

Der Fall, und das merkt man beim Lesen kaum, beruht auf Tatsachen. Hilmes ist ein versierter Historiker mit Erzähltalent. Das zeigen seine Monografien von Ludwig II., Franz Liszt, Alma Mahler-Werfel, Cosima Wagner oder den Olympischen Spielen 1936. Er kennt sich aus in der Zeitgeschichte, im Alltag der Weimarer Republik. Deshalb ist ihm vieles vertraut, deshalb vergisst er manchmal, den Leser in Details einzuweihen, die das Geschehen situativ verdichten. Eine "Babylon Berlin"-Atmosphäre gelingt ihm nicht, ist aber auch nicht erzählerische Absicht. Er interessiert sich für die Figurenpsychologie, für die Durchschnittsberliner, die in seinen liebevollen Beschreibungen allesamt zu besonderen Persönlichkeiten werden. Das herumgeschubste Dienstmädchen ist dabei allemal interessanter als die hochnäsige Dame des Hauses.

Entscheidend war die Reichstagswahl am 6. November 1932. Die Freude war groß, denn die NSDAP verlor in sämtlichen Berliner Wahlkreisen, verlor im Reich insgesamt zwei Millionen Stimmen und kam nur noch auf 33 Prozent. Der Nazi-Spuk sei nun vorbei, dachten viele. Aber das war böses Wunschdenken. Die Nazis waren noch immer stärkste Fraktion, und der eigentliche Siegeszug stand noch bevor. Doktor Mühe erlebte ihn nicht mehr, aber wieso war er verschwunden?

Oliver Hilmes hat hier anhand von Gerichtsakten nicht nur einen originalen Fall rekonstruiert, sondern einen zeithistorischen Roman über menschliche und politische Abgründe geschrieben, der handlungsdramatisch raffiniert aufgebaut ist. In Parallelhandlungen unterschiedlicher Geschwindigkeiten führt Hilmes elegant, ja sogar etwas leichtfüßig durch die 1930er-Jahre in Berlin, was den Lauf der Ereignisse nur umso bedrohlicher erscheinen lässt. Doch bevor die große historische Katastrophe eintritt, springt Hilmes darüber hinweg in das Jahr 1946. Eine Zeit des Vergessens und des Neuanfangs. Eine schwierige Zeit für Kommissar Keller. Das Verschwinden des Doktor Mühe ist noch immer nicht aufgeklärt. Den ganzen Roman durchzieht eine eigenartige Mischung aus Banalität und Perfidie. Die Menschen sind ebenso sympathisch wie bösartig, ebenso schicksalsgebeutelt wie entschlossen, ihr Glück zu finden. Rücksicht und Menschlichkeit bleiben dabei oft auf der Strecke. Der Mensch ist nicht gut, so steht es zwischen den Zeilen, wenn er sich nicht Tag für Tag darum bemüht.

© SZ vom 29.10.2020

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